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Borussia Mönchengladbach
Das Ensemble kennt seinen Text nicht mehr

Bilder: Xhaka wettert nach Gelb-Rot gegen Werder
Bilder: Xhaka wettert nach Gelb-Rot gegen Werder FOTO: ap
Mönchengladbach. Ganz so leicht ließ sich Borussias Höhenflug des Frühjahres nun auch nicht erklären. Wer sich mit der geringen Fehlerquote des Favre-Teams in allen Bereichen beschäftigte, war zumindest auf einem guten Weg. Doch davon ist momentan nichts mehr zu sehen. Unsere Zehn vom Niederrhein. Von Jannik Sorgatz

1. Vorbild HSV Im 48. Anlauf war es so weit: Zum ersten Mal in seiner Bundesliga-Historie hat Borussia Mönchengladbach die ersten drei Spiele in Folge verloren. In der Zweitliga-Saison 1999/2000 waren es einst vier. Die Aufholjagd von damals, die Gladbach noch auf Platz fünf führte, ist für Erstligaverhältnisse aber nicht zu erwarten, wie die schlechten Vorbilder der vergangenen 20 Jahren zeigen. 19 Teams sind in dieser Zeit ebenfalls mit einem Niederlagen-Hattrick gestartet, vier stiegen ab, im Schnitt landeten sie am Ende auf Platz 13. Am besten schnitt noch der Hamburger SV vor drei Jahren ab, der sich auf Platz 7 hocharbeitete. Nur drei Teams erreichten die Einstelligkeit.

2. Premiere zur Unzeit Man kann sich nur wiederholen: Im 48. Anlauf war es so weit. Bis Sonntag hatte Yann Sommer keines seiner Pflichtspiel-Gegentore nach einer Ecke kassiert. Bremens Jannik Vestergaard beendete diese Serie. Zuvor hatte Wolfsburgs Robin Knoche im November 2014 im zweiten Anlauf getroffen, nach einer Flanke, die unmittelbar auf die Ecke folgte. Kurioserweise war Knoche am 10. Mai 2014 auch der letzte Spieler, der ein richtiges Eckentor gegen die Borussia erzielte. Auf diese Weise wurde Marc-André ter Stegen zum letzten Mal bezwungen.

Bilder: Marvin Schulz verursacht dummen Foulelfmeter FOTO: ap

3. Alle 34 Minuten bezwungen Die Gegentorbilanz nach drei Spielen ist frappierend schlecht. Zum achten Mal hinter sich greifen musste Sommer in der vergangenen Rückrunde in der 72. Minute des 34. Spieltags gegen Augsburg, also nach 1512 Minuten. Jetzt genügten 233. Vor Werders Siegtor deutete Sommer geradezu prophetisch in Richtung Vestergaard, dem 1,99-Meter-Hünen reichte dennoch ein Hüpfer, um Roel Brouwers zu bezwingen, dessen Vorname in dieser Szene zur Abwechslung ganz korrekt aus vier Buchstaben bestand.

4. Wenn Lückenfüller Lücken reißen Schon verblüffend, was Max Eberl und Lucien Favre da gelungen ist: Zwei Schlüsselspieler galt es zu ersetzen. Für Christoph Kramer kam Lars Stindl, doch der hat in den ersten vier Pflichtspielen eher den nach Wolfsburg abgewanderten Max Kruse ersetzt. Folgerichtig verursacht das gleich zwei Baustellen: Zehn-Millionen-Einkauf Josip Drmic muss sich momentan mit Zehn-Minuten-Häppchen zufrieden geben. Und Granit Xhaka ist ohne seinen Ex-Partner auf der Doppelsechs überfordert. Havard Nordtveit war alles andere als ein Stabilisator.

5. Doppelpause für Xhaka Sein Platzverweis hat Xhaka zu Recht erbost. Dass es die erste Gelbe gab, obwohl Marvin Schulz bei der Schwalbe von Werder-Kapitän Clemens Fritz den Flugbegleiter mimte, ist ärgerlich. Jetzt bekommt Xhaka eine deutlich ausgedehnte Länderspielpause, wird gegen den Hamburger SV und auch im ersten Champions-League-Spiel beim FC Sevilla gesperrt fehlen. Gegen die Spanier hatte er im Februar in der Europa League Gelb-Rot gesehen. Auf die Aufstellung in den nächsten beiden Partien darf man mehr als gespannt sein.

Pressestimmen: "Was ist bloß mit Gladbach los?" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

6. Der Dauer-Schwede Ob Oscar Wendt sich erinnert, wann er zuletzt auf der Bank Platz nehmen musste? Seit dem Derby gegen den 1. FC Köln am 14. Februar hat er 19-mal durchgespielt. Nun steht der Schwede auf der Warteliste für eine Verschnaufpause weit oben, doch die Alternative Alvaro Dominguez fehlt verletzt. Über Zugang Nico Schulz schrieb die "Süddeutsche Zeitung", dass einer, der nur ein paar Seiten des Skripts kenne, es im auf Perfektion ausgelegten System des Theaterregisseurs Lucien Favre erst einmal schwer habe. Auf der nächsten Pressekonferenz darf damit gerechnet werden, dass der Trainer sein "Sehr, sehr schwer"-Mantra um ein weiteres "sehr" ergänzt. Man würde es ihm glatt durchgehen lassen.

7. Zu großzügig Gegen Dortmund, gegen Mainz und nun auch in Bremen wurde Gladbach eiskalt ausgekontert. Vor dem ersten Elfmeter verlor Raffael vorne den Ball, was noch einmal verdeutlicht, dass die Borussia momentan im Kollektiv neben sich steht. Das erinnert an das alte Sprichwort: Tritt dir einer auf den Fuß, tränen die Augen. Nur 78 Prozent der Pässe brachte das Team zum Mann, außer in absoluten Topspielen gegen pressingstarke Gegner unterbietet der VfL die 80 eigentlich nie. Vorne ließen Patrick Herrmann und André Hahn beste Chancen liegen, Raffael passte nach starkem Solo quer, anstatt es selbst zu versuchen. So kamen insgesamt nur neun Torschüsse zustande, Werder hatte 22. Dass die Borussia in dieser Statistik vom Gegner überboten wird, kam vergangene Saison schon verblüffend häufig vor. Aber diese einseitige Verteilung passt nicht mehr ins Kalkül.

8. Der besondere Anreiz Mitten in dieser Phase sieht sich das Favre-Team mit einem neuen Phänomen konfrontiert. Die Borussia wird von Gegnern außerhalb der Top Sechs als Spitzenteam wahrgenommen, als Champions-League-Teilnehmer, gegen den ein Sieg besonderer ist als gegen elf andere Mannschaften in der Bundesliga. Die Folgen: Mehr Kratzen, mehr Beißen, mehr glückseliges Auf-die-Knie-Fallen wie bei Werder-Keeper Felix Wiedwald nach dem Abpfiff, mehr Häme für die Fans auf dem Nach-Hause-Weg.

9. Falsch gebuht Erhöhte Sensibilität beim Thema Rassismus schadet selten. Ein paar Werder-Fans in den sozialen Netzwerken verdächtigten die Borussia-Fans im Gästeblock am Sonntag jedoch zu Unrecht.

Und auch wenn es nicht viele waren, sei klargestellt: Anthony Ujah hat beim 1. FC Köln gespielt. Das macht Pfiffe nicht fairer, aber erklärt sie zumindest. Und wenn der Nigerianer sich im Zweikampf dann noch "Roooooooel" Brouwers gegenübersieht, kann es schon mal zu Missverständnissen und falschen Anschuldigungen kommen.

10. Vom Geld verschont Bei all der Unruhe durch die sportlichen Misserfolge spielt die Borussia auf dem größten Schlachtfeld dieser Tage gar keine Rolle. Kaum vorstellbar, was los wäre, wenn jetzt noch Angebote über 20 Millionen Euro für Tony Jantschke, über 30 Millionen für Herrmann, oder über 40 Millionen für Xhaka publik würden. Teams, die beim Wettbieten der Premier-League-Klubs um aufstrebende Bundesligaspieler außen vor sind, müssen beinahe beleidigt sein.

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