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Borussia Mönchengladbach
"Der Charakter schlägt am Ende meistens das Talent"
Borussia Mönchengladbach: "Der Charakter schlägt am Ende meistens das Talent"
Max Eberl hat noch viel vor. FOTO: dapd
Viersen. Seit 1999 ist Max Eberl bei Borussia. Er war Spieler und Nachwuchsdirektor, nun ist er Manager. Unsere Redaktion stellte 13 Fragen zu 13 Jahren Gladbach.

Seit Januar 1999 sind Sie Borusse, also geht Ihr 13. Jahr in Mönchengladbach jetzt zu Ende. Wie war der erste Arbeitstag?

Eberl An das erste Training bei Borussia kann ich mich nicht erinnern. Aber ich erinnere mich an den Tag, an dem ich den Vertrag unterschrieben habe. Ich war im Skiurlaub in Davos und war ständig in Kontakt mit Rainer Bonhof, der damals Trainer war, und meinem Berater. Wir sind dann heim nach Fürth gefahren, haben die Skisachen in die Ecke gestellt, haben die Sporttasche gepackt und sind nach Gladbach gefahren. Wir sind mitten in der Nacht am Bökelberg angekommen. Ich wusste ja, dass das ein Ort voller Nostalgie und Geschichte war, es war schon ein besonderes Gefühl. Der damalige Pressesprecher Holger Rathke und Christian Hochstätter haben mich empfangen und wir haben den Vertrag unterschrieben. Der Vertrag war von zwei Leuten gegengezeichnet, zwei Präsidiumsmitgliedern, die zwei Monate später nicht mehr da waren. Da wusste ich erst mal gar nicht, ob mein Vertrag überhaupt noch Gültigkeit hatte. Es war eine kuriose Zeit.

Sie kamen, als Borussia am Abgrund stand - und konnten sie am Ende nicht retten. Wie bitter war der erste Abstieg des Klubs?

Eberl Als ich kam, war der Abstieg ja noch nicht besiegelt. Aber alle wussten, dass die Gefahr groß war und wir definitiv einen guten Start in die Rückrunde brauchen würden. Es war auch klar, dass die prominenten Spieler, die ja damals da waren, bei einem Abstieg gehen würden. Darum hatte mir Rainer Bonhof schon gesagt, dass er eine neue Mannschaft aufbauen würde, wenn wir es nicht schaffen. Wir wollten alles dafür tun, drin zu bleiben, aber die Lage war halt verzwickt. Darum hatte ich einen Vertrag, der auch für die Zweite Liga galt. Wir starteten gegen Lautern in die Rückrunde, es regnete stark - und als Jörgen Pettersson allein auf das Tor zulief, blieb der Ball in einer Pfütze liegen. Das Spiel ging verloren, weil ein Schuss der Lauterer, der vorbei gegangen wäre, ebenfalls im Wasser liegen blieb und dann reingemacht wurde. Da wussten wir, dass es nur schwer funktionieren würde. Von Spieltag zu Spieltag zeichnete es sich mehr ab, dass wir absteigen würden - entsprechend war die Stimmung. Als es feststand, war es nicht schön, es war ein dramatischer Moment.

Zwei verschossene Elfmeter: 2001 im Elfmeterschießen des Pokal-Halbfinales bei Union Berlin und 2001 im letzten Saisonspiel der zweiten Liga gegen Chemnitz: Welcher ärgert Sie mehr?

Eberl Natürlich ärgert mich der Elfmeter, den ich im Pokal-Halbfinale in Berlin verschossen habe, mehr. Wir hatten das Spiel eigentlich schon gewonnen, führten 2:1 und kriegten kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit den Ausgleich. Schalke war damals im Finale, die Chance war groß, international zu spielen. Wir hatten sie verpasst. Der zweite Elfmeter hätte ja nur statistischen Wert gehabt.

Sie haben parallel zum Profifußball Sportmanagement studiert. Wie anstrengend war das?

Eberl Schon als ich 1993 mein Abitur gemacht habe, war mit klar, dass ich weiterhin auch was für meinen Kopf tun wollte. Ich hatte mich nach dem Fernstudium in Hagen für ein Jura-Studium beworben. Mich rief dann ein Mann von der ZVS an und sagte, es gebe einen Studienplatz in Bremen. Ich sagte, ich sei beruflich an Bochum gebunden, weil ich da spiele. Er sagte: "Das kann man ja in Bremen auch." Er hätte Spielerberater werden sollen. Über die Spielergewerkschaft VDV gab es dann ein Angebot, in Düsseldorf ein Fernstudium Sport- und Touristikmanager zu machen. Ich habe 1997 angefangen und war dann 1999 fertig. Als Profi hat man ja durchaus genug Freizeit – die wollte ich gut nutzen. Alle sechs Wochen musste man eine Arbeit schreiben, um nachzuweisen, dass man den Stoff gelernt hat. Ich habe das neben dem Fußball gut hingekriegt.

13 Jahre am platten Niederrhein. Wie oft fehlen Ihnen als gebürtiger Bayer die Berge?

Eberl Ja, ich gebe zu, dass mir die Berge fehlen. Aber bin ein Typ, der sich da wo er ist wohlfühlt und immer versucht alles zu geben. Ich habe bei Borussia aufregende Zeiten erlebt, mein Sohn ist in Gladbach geboren und meine Familie und ich fühlen uns am Niederrhein sehr wohl. Die Berge sind wirklich das Einzige, was fehlt.

Sie sind auch Skilehrer. Haben Sie mal in der Skihalle Neuss angefragt?

Eberl (grinst) Klar, aber die konnten mich nicht gebrauchen. Ich fahre aber mit meinem Sohn ab und an dorthin, um zu üben. Ich muss sagen: Er ist ein richtig guter Skifahrer. Wir haben zuletzt nochmal eine DVD gesehen aus der Zeit, als er zweieinhalb war. Es war unglaublich, wie er da schon Ski gefahren ist.

Haben Sie Ihrem Nachwuchs auch die Fußballgene in die Wiege gelegt?

Eberl Er ist generell ein Junge, der viel Spaß am Sport hat. Er spielt auch Fußball und wir werden sehen, wie weit er kommt. Entscheidend ist aber, dass er Spaß hat an dem, was er tut.

2005 wurden Sie Gladbachs Nachwuchsdirektor. Wie wichtig ist das Wertesystem, dass Sie entwickelt haben?

Eberl Ich finde es sehr wichtig, dass es klare Wertvorstellungen gibt. Natürlich geht es im Fußball erst mal darum, ein Talent zu entwickeln. Aber ich habe gelernt, dass ein Fußballer ein toller Spieler sein kann, aber wenn es charakterlich nicht stimmt, kann er auch scheitern. Darum haben wir bei Borussia diesen Kodex entworfen und uns auferlegt. Die Jungs, die wir ausbilden sind gut erzogen und klar im Kopf. Das ist heute sehr wichtig im Fußball. Denn ich glaube, wenn es im Profibereich um Nuancen geht, schlägt Charakter am Ende meistens das Talent.

Welcher Transfer war wichtiger: Marko Marin oder Marco Reus?

Eberl Puh! Augenscheinlich ist natürlich der Transfer von Marco Reus der, der im Fokus steht. Aber wenn man auf den Transfer von Marko Marin 2008 zurückblickt, war das ein wichtiges Faustpfand für den Klub. Es war sozusagen eine Kapitalanlage. Auch dadurch wurde unter anderem der Kauf von Marco Reus erst möglich. Ich denke, man kann sagen, den einen Transfer hätte es ohne den anderen nicht gegeben. Klar ist aber, dass beide sehr wichtig für den Verein waren.

2008 wurden Sie Borussias Sportdirektor. Ärgert es Sie manchmal, dass die Trainer immer gefeiert werden und die Manager vor allem dann im Fokus stehen, wenn es nicht läuft.

Eberl Wenn die Kritik vernünftig ist und nicht polemisch, kann ich damit leben. Und generell bin ich kein Mensch, der im Mittelpunkt stehen muss. Natürlich wird der Trainer gefeiert, wenn es gut läuft – aber leider ist es meistens auch er, der als erster den Kopf hinhalten muss, wenn es nicht läuft. So ist nun mal das Geschäft. Aber ich denke, dass alles, was wir zuletzt hier erreicht haben, nur im Team möglich war. Generell haben immer alle ihren Anteil an dem was passiert – positiv wie negativ.

Das Jahr 2012 war für Borussia sehr erfolgreich. Sind Sie stolz darauf, Borussia zurück nach Europa geführt zu haben?

Eberl Vor allem freut mich, dass wir offenbar gute Arbeit gemacht haben. Es sind viele Dinge richtig gewesen, die wir getan haben – und es ist ein gutes Gefühl, dass wir Borussia nach 16 Jahren wieder nach Europa geführt haben. Wir haben nun begonnen, ein neues Team aufzubauen – und es ist zu erkennen, wie es wächst. Wir sind auf einem guten Weg.

Wie sieht Ihr Ideal von Borussia aus?

Eberl Ein Idealbild gibt es nicht, sondern nur den idealen Weg. Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, immer wieder Führungsspieler und Talente zu entwickeln. Den Weg werden wir fortsetzen. Wir wollen uns zunächst weiter stabilisieren, dann aber auch nach oben schauen. Der Aufstieg 2008 war sehr wichtig, dann letzte Saison der Schritt ins internationale Geschäft. Je höher man kommt, desto schwieriger wird der nächste Schritt. Aber wir wollen weiterkommen – und die Tendenz ist gut.

Wie sieht Ihre Borussia-Elf der letzten 13 Jahre aus?

Eberl (grinst) Schwierig (denkt nach). Für das Tor würde ich Jörg Stiel und Marc-André ter Stegen nominieren, wer von beiden auf der Bank sitzt, könnt Ihr entscheiden. Die Abwehr? Hmm. Dante und Patrick Andersson sind die Innenverteidiger, hinten linke Filip Daems und rechts Sladan Asanin. Vor der Abwehr Peter Nielsen und Steffen Korell. Als offensive Dreierreihe Marco Reus, Igor Demo und Juan Arango. Und als zentraler Stürmer Arie van Lent. Ich glaube, das ist eine gute Mannschaft. Aber es gibt da sicher noch einige andere, die man genau so gut aufzählen könnte.

KARSTEN KELLERMANN UND ANDRÉ SCHAHIDI STELLTEN DIE FRAGEN

Quelle: RP/rl/seeg/sap
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