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Borussia Mönchengladbach
Der Funke bei der Borussia-Revue springt über

Borussia-Revue feiert Premiere
Borussia-Revue feiert Premiere FOTO: Matthias Stutte/Theater Mönchengladbach
Mönchengladbach. Am Dienstag feierte die Revue "Wir sind Borussia" im Theater Mönchengladbach Premiere. Die Zuschauer waren vorher zum Mitsingen angehalten worden – und sie ließen sich nicht zweimal bitten. Von Karsten Kellermann

Gut ist, wenn man einen Plan hat. Im Leben sowieso, natürlich im Fußball, und auch im Theater. Noch besser ist, wenn der Plan aufgeht. Die Macher der Revue "Wir sind Borussia" haben angekündigt, das Stadion ins Theater holen zu wollen. Singen, Schals schwingen, ja grölen – all das war freigegeben, sogar erwünscht, wenn die musikalische Geschichte des Mönchengladbachers liebsten Kindes, seiner Borussia, auf der Bühne zur Aufführung kommt. Die Weltpremiere des Stücks am Mittwoch belegte: Der Plan ist aufgegangen.

Nun ist die Seele des Borussen leicht einzufangen. Dazu braucht es meist nur die "Elf vom Niederrhein", die Nationalhymne des Klubs. Nach wenigen Minuten erklang sie erstmals auf den Brettern, auf denen auch ein wenig künstlicher Rasen lag, und schon wurde mitgesungen. Doch Martin Maier-Bode und Tobias Wessler, Regisseur und Produzent des Stücks, haben es geschafft, die Menschen mit der Raute auch jenseits des klassischen Liedgutes einzufangen: Mit einer Inszenierung, die so variabel ist wie das Spiel des aktuellen Borussen-Teams von André Schubert: Es ist zugleich ein Kriminalstück (Gladbach-Fans klauen Geißbock Hennes), eine Liebegeschichte (Thomas und Lena), eine Komödie (Netzer/Delling-Parodie) und Dokumentation (Fakten, Fakten, Fakten aus der Borussia-Geschichte) – und all das als Musical daherkommend. Man darf, ganz banal, sagen: Das ist großes Kino. "Wir sind Borussia" hat den Charakter einer Fohlenelf: ungestüm, wild, vital. Taktisch hochwertiger Spaßfußball würde man im Sport sagen.

Theater und Film haben sich nicht immer leicht damit getan, sich dem Fußball zu nähern. Oft war es der verächtliche Blick von oben herab auf die Einfachheit der Fußlümmelei und ihrer Fans: oft wurde es lächerlich, platt, ja dumm. Denn es fehlten Respekt, das Verständnis, das Gefühl. All das ist da in der Inszenierung von "Wir sind Borussia", das "Wir" im Titel ist wörtlich zu nehmen: Man spürt, dass da Fans am Werk sind auf der Bühne und hinter den Kulissen: Es ist ein Stück von Fans für Fans. Nicht alle Akteure sind reale Gladbach-Freunde, aber Fußballfans sind im Grunde ihres Herzen alles gleich, ganz egal welches "Parteibuch" es ist. Es geht um die Sache, die Seele des Fan-Seins. Lena (Debütantin Anna Pircher) und Tabea (Helen Wendt) forschen an der Basis auf die Antwort nach der Gretchen-frage "Wie wird man Fan?" und finden sie, Lena singt am Ende "Die Seele brennt". So kann Fiktion den Fußball einfangen. So war es Sönke Wortmanns "Wunder von Bern" (das es längst auch auf die Bühne geschafft hat) und später auch bei seinem "Sommermärchen". Und so war es bei René Hiepens "Auf, auf, auf in die Champions League". Wenn die Leinwand oder die Bühne sich öffnen, für diese etwas andere Emotion, die der Fußball ist, dann kommen sie zusammen. Bei "Wir sind Borussia" ist es pure Emotion auf der Bühne.

Und, das gehört zum Fan-Sein dazu, es ist nicht alles politisch korrekt. Der Effzeh aus der Domstadt und die Fortuna aus Düsseldorf bekommen gut ihr Fett weg. Ja, es darf auch mal prollig werden, wenn Fans sprechen – gut prollig, nicht platt. Das ist gelungen. Die Dialoge zeichnen starke Charaktere. Wie Rudi (Joachim Henschke) oder Siggi (Michael Ophelders): Fans der alten Schule, die dabei waren, als 1971 die Büchse gegen Mailand flog. Wichtig ist: Die Faktenlage stimmt. Wenn sich Delling und Netzer (großartig: Christopher Wintgens und Bruno Winzen) mit verbalen Doppelpässen abgrätschen, passt die Parodie, aber es wird auch korrekt gefachsimpelt, immer wieder untermalt von Bildern so vieler Borussen-Generationen. Auch die Fans vom Club "Borussia forever" sind sachkundig bis ins Detail. Ja, da darf auch geschwelgt werden: Erinnerst du dich? So ist "Wir sind Borussia" daher auch ein Lehrstück in Sachen Klubgeschichte. Ikonen der Borussen-Historie – Netzer, Vogts, Bonhof, Matthäus, Effenberg – dürfen sogar singen.

Dazu wird getanzt, es werden Fahnen geschwenkt, es gibt also ganz viel Folklore. Das gehört zum Fußball dazu. Und es geht auch gut zusammen das Ganze: das Theater wird in den entscheidenden Momenten tatsächlich zum Stadion, denn der Zuschauer ist Teil der Inszenierung, gleich zu Beginn wird er eigenladen vom Gladbacher Stadionsprecher Torsten "Knippi" Knippertz, die Band um Willi Haselbek läuft durch den Stadiontunnel auf die Bühne. Dass der Premierenabend just an dem Tag war, an dem Borussia eigentlich in Manchester in die Champions League starten sollte, sorgte für ein perfektes Probier-Publikum: Wäre es die Nordkurve gewesen, die dabei war, wäre alles absehbar gewesen. Doch auch so sprang der Funke von der Bühne ungehemmt über. Bei "Die Seele brennt" fehlten nur die Feuerzeuge. "Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht geseh´n" sang am Ende der Saal. Kann es ein schöneres Kompliment geben für Schauspieler und ihr Stück?

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