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Borussia Mönchengladbach
Der hessische Borussen-Armine

Borussia Mönchengladbach: Der hessische Borussen-Armine
Wolfgang Kneib spielte von 1976 bis 1980 für Borussia (154 Spiele, 202 Gegentore, 42 Spiele zu Null), Armine war er von 1980 bis 1982 und von 1983 bis 1995. FOTO: NN
Mönchengladbach. Heute spielt Gladbach im DFB-Pokalviertelfinale in Bielefeld. Wolfgang Kneib stand bei beiden Klubs im Tor. Mit Borussia wurde er Meister, Uefa-Cup-Sieger und erlebte ein Landesmeister-Finale, bei Arminia wurde er zur Institution. Von Karsten Kellermann

Es war der 21. Mai 1977. Borussia hatte gerade 2:2 bei Bayern München gespielt. Sie war zum fünften Mal Deutscher Meister. Mitten drin in der Jubeltraube aus Menschen und Fahnen mit der Raute steht Borussias Torwart: Im gewohnten grünen Trikot mit dem schwarzen Vertikalstreifen, ein Wolfgang ist es, natürlich. Aber nicht der, der es bis dahin immer war, der Kleff, sondern Wolfgang Kneib. 24 Jahre war er damals alt und an diesem Tag endgültig in seinem persönlichen Traumschloss angekommen. Vier Tage später stand Kneib auch im Finale um den Europapokal der Landesmeister im Tor. Er konnte das 1:3 gegen den FC Liverpool nicht verhindern, sagte aber später, dass das Finale von Rom der "Höhepunkt meiner Karriere" gewesen sei, ein "einmaliges Erlebnis".

Es ist wohl eine der verblüffendsten Erfolgsgeschichten in Borussias Historie: Aus den Niederungen des Amateurfußballs stieg Kneib auf die höchsten Gipfel des Profifußballs, innerhalb eines Jahres wurde er vom Torhüter des SV Wiesbaden zur Nummer eins des deutschen Meisters, zum B-Nationalspieler, zum Teilnehmer am Finale des Meistercups. Kneib ist einer von 13 deutschen Torhütern, die bis 2013 in einem Landesmeister- oder Champions-League-Endspiel spielten. Kneibs rasanter Aufstieg in seinem ersten Jahr bei Borussia war ebenso herausragend wie die Statur des "hessischen Riesen" mit seinen 196 Zentimeter. Damit ist er die längste Nummer eins, die Borussia je hatte. Christofer Heimeroth, der in der Zweitliga-Saison 2007/2008 der erste Mann war, kommt "nur" auf 194 Zentimetern. Kneib hat also einen besonderen Platz in der Vereinsgeschichte. Zumal er nicht nur der längste Torhüter, sondern der längste Borusse überhaupt ist. Schon als Jugendlicher beim rheinhessischen TSV Zornheim, seinem Heimatklub, überragte er seine Kameraden um einen Kopf, weswegen ihn sein Trainer ins Tor stellte.

Fotos: Kramer kassiert fünfte Gelbe für unnötigen Rempler FOTO: Screenshot Sky

Diese "wundersame Karriere - programmiert war sie nicht", schrieb 1977 das "Fußballmagazin". 1973 war Kneib mit Mainz 05 Südwestmeister geworden, aber in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga gescheitert. 1975 hatte er sich reamateurisieren lassen, weil die Mainzer finanzielle Probleme hatten. Er wechselte zum SV Wiesbaden. Ende der Saison 1975/76 wurde Bernd Rupp aktiv. Der war früher Stürmer in Gladbach gewesen und nun überzeugt, dass Kneib ein Mann mit Perspektive sei. "Er wird in drei Jahren Nationaltorwart sein", prophezeite Rupp. Er fragte zunächst bei Dietrich Weise in Frankfurt an. Der zögerte. Udo Lattek, der Trainer der Borussen, griff hingegen sofort zu, nachdem er Kneib im Probetraining gesehen hatte. Als sich Weise zwei Tage später meldete, war es zu spät. Kneib hatte beim Meister angeheuert. "Ich war mir klar darüber, ein, zwei Jahre auf der Bank sitzen zu müssen. Aber ich wollte es in Kauf nehmen, weil ich mir sagte: Es ist etwas anderes, Reservetorwart bei Fortuna Düsseldorf oder beim Deutschen Meister zu sein", sagte Kneib. Es kam anders. Der neue "Lange" - zuvor wurde Günter Netzer in Gladbach so genannt - spielte sofort.

Bis dahin hatte es nur einen Wolfgang in Gladbach gegeben. Wolfgang Kleff, die schier ewige Nummer eins. Sieben Jahre hatte er ununterbrochen im Borussen-Tor gestanden. Kurios: Nie wurde ein Torwart mit Borussia Meister, der nicht Wolfgang hieß - und zudem nicht die Initialen W.K. hatte. Kneibs Bilanz in Gladbach ist erstaunlich. Er ist bis heute Borussias letzter Meistertorwart und der Einzige, der je das Gladbacher Tor in einem Landesmeisterfinale hütete. 112 Bundesligaspiele machte Kneib von 1976 bis 1980 für Borussia, er wurde 1977 Meister und 1979 Uefa-Cupsieger, zudem stand er bei zwei weiteren europäischen Endspielen im Tor - eben 1977 im Finale der Landesmeister und drei Jahre später noch einmal in den Uefa-Cup-Finals, die dann gegen Eintracht Frankfurt (3:2, 0:1) verloren gingen.

Fotos: Kruse cool vom Punkt trotz Wartezeit FOTO: afp, dg

Viele Fans haben den bärtigen Riesen nicht vergessen. Gleichwohl ist im kollektiven Gedächtnis hauptsächlich hängengeblieben, dass Kleff Borussias Torwart der goldenen 70er Jahre gewesen ist. Kleff gilt als das Original hinter der Fohlenelf, er war dabei, als sie geboren wurde. Kneib kam, als Weisweilers Erbe welkte, als es das letzte Aufbäumen dieser wunderbaren Borussia gab. Kneib passte zum Gladbach der Lattek-Ära: Er war ein ausgezeichneter Torwart, aber nicht schillernd. Kleff zelebrierte das Torwart-Dasein als Show, Kneib war ein Stoiker, er hielt, wie Borussia ihre letzten Erfolge feierte: pragmatisch. Obwohl er Kleff um 16 Zentimeter überragte, hing der Schatten Kleffs stets über Kneib, auch nachdem der Konkurrent 1979 nach Berlin gewechselt war.

Kleff war Kneibs Vorgänger, Ablöser und Nachfolger. Kleff war immer der Liebling der Fans, die Kneib oft kritisch beäugten. "Ich musste immer viel kämpfen und wurde dann irgendwie immer doch verkannt", sagte Kneib rückblickend. Während ihrer gemeinsamen Zeit in Gladbach waren sie Nachbarn, beide wohnten im selben Haus an der Sandkaule, Kneib oben, Kleff unten. Sie waren trotz ihrer Konkurrentschaft Freunde, betonten sie stets. Doch sie waren sehr verschieden. "Kneib war introvertierter", sagte Borussias Vize-Präsident Rainer Bonhof, der mit beiden Torhütern spielte. Während der Westfale Kleff den rheinischen Frohsinn aufsaugte wie ein Schwamm, blieb dieser dem Hessen Kneib rätselhaft: "Die Rheinländer sind schon ein besonderes Völkchen", sagte er. Aber auch: "Wenn ich heute an Gladbach denke, erinnere ich mich an eine schöne Zeit. Dann fallen mir die Kunsthalle (er meint das Museum Abteiberg) und die Menschen ein, die mich vom ersten Tag an freundlich aufgenommen haben. Ich habe damals als unbekannter Torwart die Chance bekommen, in der Bundesliga zu spielen. Das war eine tolle Sache." Kontakt zu den früheren Kollegen habe er aber nur noch wenig, gestand er. Kleff ist immer Borusse geblieben, Kneib war Borusse auf Zeit. Der eine Wolfgang ist ewig, der andere ein Zwischenspiel. Ein sehr erfolgreiches indes.

Borussia trainiert für Pokal-Viertelfinale in Bielefeld FOTO: Dirk Päffgen

Später in Bielefeld erarbeitete sich Kneib den Status, den Kleff in Gladbach hatte: Er war eine Institution. Noch mit 41 Jahren spielte er für Arminia. Er machte zwischen 1980 und 1995 251 Spiele in der Ersten, Zweiten und Dritten Liga. In der Bundesliga verwandelte er in der Saison 1984/85 beim 2:2 gegen Frankfurt einen Elfmeter, gleiches gelang ihm eine Etage tiefer in der Spielzeit 1985/86, als er beim 7:1 gegen Braunschweig vom Punkt traf. Einmal wurde er gar als Stürmer aufgestellt, als Arminia nicht genug Lizenzspieler aufbieten konnte. Das war in der Zweitliga-Saison 1986/87 gegen Osnabrück (2:3).

1982 schien seine Zeit bei Arminia vorbei zu sein. "Nach Ablauf meines ersten Zweijahres-Vertrages hat mir Manager Dr. Norbert Müller wochenlang signalisiert, weiter mit mir planen zu wollen, dann aber Olli Isoaho geholt. Und weil ein Wechsel nach Spanien an der Ablösesumme scheiterte, stand ich plötzlich auf der Straße", erzählte Kneib. Er wird als einer der ersten Fußballprofis arbeitslos. "Beim Arbeitsamt wussten sie nicht so recht, was sie mit mir anfangen sollten und haben mich als arbeitslosen Künstler eingestuft", erinnerte sich Kneib.

Sportlich hält er sich in jener Zeit beim Verbandsligisten FC Gohfeld fit. Als Isoaho jedoch die nötige Qualität vermissen lässt und Arminia zunächst 1:11 in Dortmund und dann 0:5 gegen Schalke verliert, handelt die Mannschaft. Sie will Kneib wiederhaben. Die Spieler verzichten auf ihre Siegprämien, damit der Verein den Torwart zurückholen kann. "Wir sind die erste Bundesliga-Elf überhaupt, die auf dem Transfermarkt fündig geworden ist", sagt Karl-Heinz Geils damals. Durch diese Kuriosität kehrt Kneib zurück in sein Tor und bleibt zehn weitere Jahre Armine. Am 10. Oktober 1993 macht er sein letztes Spiel. Arminia spielte in der Oberliga Westfalen gegen die SpVgg Brakel 0:0. Eine der beeindruckendsten Statistiken seiner Karriere: Kneib hielt 33 Prozent aller Elfmeter, die auf ihn zuflogen, 21 von 64.

Nach seiner Karriere blieb Kneib in Bielefeld. Der Fußball ist für ihn nur noch eine Randerscheinung. Ab und an schaut er sich Arminia an, er war zuletzt auch im Borussia-Park. Kneib arbeitete im Leben nach dem Fußball in Bielefeld in seinem erlernten Beruf als Versicherungskaufmann. Im Juni 2011 ging er in den Vorruhestand. Heute nun treffen die beiden Klubs, deren längster Torwart er war, im Pokal-Viertelfinale aufeinander. Es ist ein besonderes Spiel für den hessischen Borussen-Arminen.

Aus dem Buch "Borussias Legenden - 11 Torhüter", Verlag Die Werkstatt.

Quelle: RP
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