| 15.39 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Ein Rätsel namens Wendt und die Besten von 362

Einzelkritik: Xhaka und Stranzl stark, Wendt und Hrgota unglücklich
Einzelkritik: Xhaka und Stranzl stark, Wendt und Hrgota unglücklich FOTO: dpa, jgu hak
Sevilla/Mönchengladbach. Bedröppelt, aber zuversichtlich – in dieser merkwürdigen Gefühlslage hat sich Borussia Mönchengladbach nach dem 0:1 beim FC Sevilla auf die Heimreise gemacht. Die mehr als 2000 mitgereisten Fans feierten ihre Mannschaft, die beim Titelverteidiger mehr als eine knappe Niederlage verdient gehabt hätte. Von Jannik Sorgatz

1. Versprechen gehalten

Man konnte die Liste mit den 16 Paarungen der Zwischenrunde schnell überfliegen, ohne dass ernsthafte Zweifel aufkamen. FC Sevilla gegen Borussia Mönchengladbach, der Sieger des Vorjahres und aktuelle Fünfte der spanischen Primera Division gegen den Dritten der deutschen Bundesliga – das war das Topspiel am Donnerstagabend. Vermutlich würden selbst der FC Liverpool und Besiktas Istanbul, ein englischer Champions-League-Absteiger und ein türkischer Tabellenführer, nicht vehement protestieren. Gladbach konnte einiges dazu beitragen, dass die Partie im Ramon Senchez-Pizjuan die Erwartungen einigermaßen erfüllte. Und so flogen die Borussen am Freitag mit einer merkwürdigen Gefühlsmischung nach Hause – einerseits bedröppelt, andererseits mit Hoffnung fürs Rückspiel.

Fotos: Kramer scheitert mit Schuss an Sevilla-Keeper FOTO: dpa, jgu hak

2. Aushängeschild ohne Belohnung

Die gut 2000 Borussia-Fans im Stadion gaben sich redlich Mühe, der Enttäuschung über die Niederlage mit Optimismus zu begegnen. "Gladbach ist der geilste Klub der Welt", sangen sie, als die Mannschaft sich nach dem Schlusspfiff verabschiedete. Dass wieder nicht mehr von ihnen die Partie verfolgen konnten, obwohl ein paar hundert Fans sogar ohne Ticket angereist und noch mehr Buchungswillige mangels Aussicht auf ein Ticket zu Hause geblieben waren, unterstreicht einmal mehr die Scheinheiligkeit der Uefa. Wenn es passt, hofiert sie die Borussia als Vorzeigeverein des Wettbewerbs. Ein Entgegenkommen hat dafür Seltenheitswert. In Sevilla blieben 20.000 Plätze leer.

 

3. Keine Rose für Jantschke

Aleksandar Stavrevs Linie glich einem Kreis, das bekam besonders Tony Jantschke zu spüren. Als der Schiedsrichter aus Mazedonien ihm die Gelbe Karte zeigte, schaute Borussia Verteidiger so verblüfft wie eine Teilnehmerin beim "Bachelor", die ohne Rose nach Hause gehen muss, obwohl sie vorher mit ihm im Bett war. Beim nächsten Mal wurde Jantschke ohne Zweifel von Grzegorz Krychowiak abgeräumt. Das muss auch Stavrevs so gesehen haben, weil er immerhin gnädig auf Gelb-Rot für den arg benommen am Boden liegenden Gladbacher verzichtete. Auf den ersten Blick war kein spielentscheidender Fehler dabei, aber besonders Borussias Sechser mussten sich nach ihren Verwarnungen früh zurückhalten, während Sevillas Krychowiak und Vitolo bei konstanter Regelauslegung beide nicht den Abpfiff erlebt hätten.

Fotos: Johnson vergibt Führung in Sevilla FOTO: afp, CQ/raf

4. Die Wendt-Debatte

In den Foren und sozialen Netzwerken schimpften viele, dass Oscar Wendt bei konsequenter Auslegung des Leistungsprinzips nicht den nächsten Anpfiff erleben dürfe. Obwohl er menschlich das Potenzial zum Publikumsliebling hat, stößt seine unterkühlte Spielweise mitunter sauer auf. In Sevilla ließ Wendt erst fahrlässig die beste Chance des zweiten Durchgangs liegen, dann ließ er sich vor dem Gegentor überlaufen. Beide Borussia-Gegentore in der Rückrunde fielen nach Hereingaben über seine linke Abwehrseite. Zumindest die Statistik spricht Wendt aber davon frei, ein Unsicherheitsfaktor zu sein. Mit dem 29-Jährigen hinten links kassiert Gladbach alle 129 Minuten ein Gegentor, mit Alvaro Dominguez alle 93. Das muss keine Einsatzgarantie für Wendt bedeuten, einen sofortigen Abflug in Richtung Mondoberfläche schließen diese Werte aber auch aus.

5. Leere Hände mit einer Hand voll Änderungen

Lucien Favres Rotationsspektrum kennt zwei Extreme, bislang wandelte Borussias Trainer zwischen null und fünf Veränderungen in der Startelf. Wobei diese Extreme höchst unterschiedlich in Erscheinung treten: Während Favre nur einmal in zwei Spielen hintereinander die gleiche Mannschaft beginnen ließ (auf das 1:0 in Stuttgart folgte das 1:0 gegen Freiburg), brachte er in Sevilla schon zum achten Mal fünf Neue. Auch wenn bei einem völlig durchrotierten VfL selten ein Substanzverlust erkennbar wird, geht es selten gut. Von den acht Spielen mit fünf Wechseln gewann die Borussia nur eines, das Zweitrundenspiel im DFB-Pokal in Frankfurt. Inklusive Sevilla setzte es jetzt schon vier 0:1-Pleiten in Folge, zuvor in Dortmund, Wolfsburg und auf Schalke.

6. Die Unantastbaren

Der Minutenzähler von Torwart Yann Sommer erhält Spiel für Spiel einen Zuschlag von 90, daran gibt es überhaupt keine Zweifel. Doch Favre verschont nicht nur seinen Keeper von der Rotation, sondern auch seine Doppelsechs. Wann immer Christoph Kramer und Granit Xhaka fehlten, hatte das einen triftigen Grund. Kramer stand wegen der WM-Nachwehen, einer Magen-Darm-Erkrankung, Rückenbeschwerden und einer Grippe achtmal nicht in der Startelf. Xhaka verpasste vier Spiele wegen eines Bänderrisses und eins wegen einer Gelb-Rot-Sperre. Am Sonntag in Hamburg bietet die fünfte Gelbe des Schweizers dann eine neue Bewährungschance für Havard Nordtveit.

7. Mehr Mut aus der Distanz

Zum ersten Mal in dieser Europa-League-Saison blieb die Borussia ohne Treffer, auch weil sie kaum zu einem Stilmittel griff, das der Statistik-Anbietet Opta als echte Waffe ausgemacht hatte. Vor dem Spiel in Sevilla stand Gladbach bei sieben Toren aus der Distanz, das zweitbeste Team kam nur auf vier. In den 90 Minuten gegen die Spanier gab es einige qualitativ hochwertige Chancen, neun Versuche sind unterm Strich jedoch zu wenig angesichts der zeitweise drückenden Überlegenheit. So standen beispielsweise Granit Xhaka und Raffael am Ende jeweils bei null Torschüssen.

8. Ausgangslage

Damit läuft es in K.o.-Spielen unter Lucien Favre weiterhin nicht rund. Gegen Dynamo Kiew war nach dem 1:3 im Hinspiel beinahe alles gelaufen, das 3:3 gegen Lazio Rom war keine gute Ausgangslage fürs Rückspiel, in dem Gladbach früh 0:2 hinten lag. Der FK Sarajevo wurde sicher ausgeschaltet, alles andere wäre aber auch eine herbe Enttäuschung gewesen. Jetzt empfängt die Borussia den FC Sevilla unter der Prämisse, gewinnen zu müssen und sich dabei nicht beliebig das Resultat aussuchen zu können. Genau diese Möglichkeit hätte ein 0:0 eröffnet. Anfang der Saison hat manches Unentschieden den VfL gewurmt, jetzt hätte er es wie schon auf Schalke vor zwei Wochen liebend gerne mitgenommen.

9. Das Korb-Schema

Fünf Spiele im Jahr 2015, fünfmal schoss die eine Mannschaft ein Tor und die andere gar keins. Ernsthaft zu entschlüsseln ist der Borussia-Binärcode (0:1, 1:0, 0:1, 1:0, 1:0) noch nicht. Die Favre-Elf hat sowohl mit mehr als auch mit weniger Ballbesitz gewonnen. Gleiches gilt für die Torschuss-Statistik sowie Heim- und Auswärtsspiele. Auch Martin Stranzl scheint nicht mehr der alles erklärende Faktor zu sein. Lediglich hinter den Einsätzen von Julian Korb scheint sich ein Schema zu verbergen. Gegen Stuttgart, Freiburg und Köln spielte er 90 Minuten durch, auf Schalke und in Sevilla saß er 90 Minuten auf der Bank. 2015 ist die Bilanz des Rechtsverteidigers makellos.

10. Besser als Barcelona und Co.

Im 144. Europacup-Spiel der Vereinsgeschichte war es die 28. Niederlage. Mit 284 Punkten liegt die Borussia in der Ewigen Tabelle auf dem 47. Platz. Durch seinen Sieg gegen den FC Porto ist der FC Basel gleichgezogen, davor bleibt der AC Florenz dank der besseren Tordifferenz mit einem Sieg im Rückspiel in Reichweite. Bemerkenswert: Erst auf Platz 363 findet sich eine Mannschaft mit einem historisch besseren Punkteschnitt als die Borussia. Die Spanier von Rayo Vallecano sammelten 26 Zähler in zwölf Spielen – ihr Auftritt in der Uefa-Cup-Saison 2000/2001 war bislang aber auch ihr einziger.

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Borussia Mönchengladbach: Ein Rätsel namens Wendt und die Besten von 362


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.