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Borussia Mönchengladbach
Filip Daems: Igor de Camargo statt BVB

Borussia Mönchengladbach: Filip Daems: Igor de Camargo statt BVB
Das erste Mal Borussia: Filip Daems debütierte am 29. Januar 2005 beim 1:1 der Gladbacher in Dortmund. Der damals 25-Jährige spielte 58 Minuten mit.
Mönchengladbach. Der Ex-Kapitän machte sein erstes Spiel für Gladbach im Januar 2005 in Dortmund. Es war der Auftakt seiner zehn Borussia-Jahre. Von Karsten Kellermann

"Es ist lange her", sagt Filip Daems. Doch den 29. Januar 2005 hat der 36-Jährige nicht vergessen. An diesem Tag spielte er zum ersten Mal für Borussia. Neun Tage zuvor hatte er in Gladbach unterschrieben, der damalige Trainer Dick Advocaat hatte Daems vom türkischen Erstligisten Genclerbirligi Ankara geholt. "Ich habe ein paarmal mit dem Team trainiert - und dann kam schon das erste Spiel", erinnert sich Filip Daems. Borussia trat, wie heute, in Dortmund an. "Es war ein schöner Auftakt für mich. 80 000 Zuschauer, eine tolle Atmosphäre, das war gleich Bundesliga pur. Das war etwas Besonderes", sagt Daems.

Daems war einer von sieben neuen Spielern, die Advocaat in der Winterpause bekommen hatte, um das Team für den Abstiegskampf zu verstärken. Eine Woche vor der kurzen Dienstreise nach Dortmund, beim 1:0-Sieg gegen Bielefeld, war Daems noch nicht dabei, da war er gerade erst angekommen beim neuen Arbeitgeber.

Beide Borussias waren vor dem 19. Spieltag Tabellennachbarn, die westfälische war 14., die niederrheinische 15. des Tableaus. Ein wenig nervös sei er gewesen vor seinem Debüt in Deutschlands Eliteklasse, gesteht Daems. Er wirkte 58 Minuten als Linksverteidiger mit. Dabei sammelte er auch gleich seine erste Gelbe Karte ein, für ihn kam dann Marcell Jansen. Jan Koller erzielte das 1:0 für den BVB - "der hat da tatsächlich noch bei Dortmund gespielt? Wahnsinn", sagt Daems heute. Und fügt hinzu: "Wir haben noch ein 1:1 geholt. Unser Tor hat Peer Kluge erzielt. Es war ein gutes Ergebnis für uns."

Dass dieses Borussen-Duell für ihn der Auftakt einer verdammt langen Zeit als Borusse sein würde, ahnte da noch niemand. "Es war eine andere Welt damals", sagt Filip Daems. Gladbach war auf der Suche nach sich selbst, ständig wechselten die Trainer, Spieler und Systeme. Daems jedoch wurde zur Konstante. Zehn Jahre war er Borusse, bevor er nun im Sommer 2015 zum belgischen Erstligisten KVC Westerlo wechselte - im fast schon biblischen Fußballer-Alter von 36 Jahren. "Natürlich habe ich lange überlegt, ob ich noch weitermache. Ich habe viele Gespräche mit Lucien Favre und Max Eberl geführt. Aber ich wollte noch nicht aufhören", sagt Daems. Sein Vertrag in Westerlo läuft bis 2016 plus ein Jahr Option. "Ich schaue von Jahr zu Jahr", sagt er.

In Belgien hat die Saison längst begonnen. Daems gehört in Westerlo zur Stammelf, es gibt viele junge Spieler im Team, er ist einer der Erfahrenen, die die Jungspunde führen sollen. Für den Routinier waren die ersten beiden Spiele - das 1:1 gegen Gent und das 1:2 in Ostende - fast ein seelischer Jungbrunnen. Ganz einfach, weil er spielen durfte. "Es war ein sehr gutes Gefühl, endlich mal wieder über 90 Minuten auf dem Platz zu stehen", gesteht er. Seine letzte Saison in Gladbach war unbefriedigend gewesen, denn er kam nicht zum Einsatz. "Wenn man nie spielt, verliert man ein wenig das Gefühl, Fußballer zu sein", gesteht Daems. "Die Körperspannung, die gesunde Nervosität vor dem Spiel, das hat gefehlt. Jetzt ist alles wieder da." Man spürt, dass Daems zufrieden ist, dass er mit sich im Reinen ist. "Es war die richtige Entscheidung, weiterzumachen", sagt er.

Wie in Gladbach hat er in Westerlo die Nummer 3. Nur, dass seine Dienstkleidung nun gelb-blau ist und nicht mehr schwarz-weiß-grün wie in Gladbach. "Das war am Anfang eine Umstellung, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt", sagt Daems. Neuer Job, neue Kleider, so ist das im Fußball. Auch mit den anderen Neuerungen hat er sich arrangiert. "Wir spielen meistens um 20 Uhr am Samstagabend. Wir treffen uns bei Heimspielen am Spieltag um 18 Uhr, bei Auswärtsspielen um 16 Uhr, die Reisen sind nie länger als zwei Stunden", berichtet er. In Gladbach ging es am Abend vor den Heimspielen immer gemeinsam ins Hotel, dann wurde sich den ganzen Tag auf das Spiel vorbereitet, bei Auswärtsspielen reiste man einen Tag vorher an. "Das ist hier anders. Hier ist alles etwas entspannter, alles etwas kleiner", sagt Daems.

Auch für ihn persönlich ist das Leben weniger aufwendig geworden. Zwischen seinem Heimatort Geel, wo seine Familie auch lebte, als er am Niederrhein arbeitete, und Gladbach liegen 130 Kilometer. Die ist er sehr, sehr oft gefahren, immer wenn Zeit war, war er daheim. "Jetzt bin ich in zehn Minuten beim Training, theoretisch könnte ich mit dem Fahrrad hinfahren. Aber das habe ich noch nicht gemacht", gesteht er. Er genießt es, noch mehr Zeit für seine Frau und seine Kinder zu haben, "das hat schon Qualität".

Das Stadion "Het Kuipje" in Westerlo fasst 8035 Zuschauer. "Da ist die Atmosphäre natürlich anders als im Borussia-Park. Das war immer gigantisch. Vor allem bei meinem Abschied nach dem Spiel gegen Augsburg. Es war toll, wie die Fans mir ,Auf Wiedersehen' gesagt haben", gesteht Daems. Er hatte es sich redlich verdient. Niemand war so lange Borussias Kapitän wie er, nicht einmal Ur-Borusse Berti Vogts; kein Ausländer spielte länger für Gladbach als Daems; kein anderer Borusse schoss so sicher Elfmeter wie er. Das sind Bestmarken, die Filip Daems aufgestellt hat. Er hat also Geschichte geschrieben in Gladbach. Und er hat eine fast schon kopernikanische Wende miterlebt. Aus dem unsteten Traditionsklub - Daems erlebte in den ersten sechs seiner zehn Borussia-Jahre sieben Trainer - ist ein gut strukturierter, wirtschaftlich und sportlich gesunder Verein geworden.

232 Pflichtspiele und 16 Tore hat Daems für Gladbach gemacht. Einmal ist er mit Borussia abgestiegen, einmal aufgestiegen. Und er hat immer wieder dazu beigetragen, den Abstieg zu verhindern. Dann war er ein Teil des wundersamen Aufstiegs vom Fast-Absteiger zum Champions-League-Teilnehmer, auch wenn er zuletzt aktiv nicht viel beitragen konnte. "In den vergangenen Jahren wurde etwas Schönes aufgebaut", sagt Daems. Borussia hat wieder zu sich gefunden, das personelle Hin-und Her ist Vergangenheit, die Gegenwart ist glänzend, die Zukunftsaussichten sind rosig. "Das Wichtigste ist, das Konstanz eingekehrt ist. Die hat früher gefehlt. Und ohne sie ist es schwierig, Erfolg zu haben", weiß Daems.

Er schaut nach wie vor nach Gladbach, telefoniert noch öfter mit den alten Kollegen Martin Stranzl, Roel Brouwers, Tony Jantschke und Thorgan Hazard. Der hält nun, nach Daems' Abschied, die belgische Fahne hoch am Niederrhein. Daems hält viel von dem hochbegabten jungen Mann. "Thorgan hat viel Potenzial. Er will sich immer weiter verbessern. Ich bin mir sicher, dass er seinen Weg machen wird", prophezeit er dem Landsmann.

Wenn am 27. August die Champions-League-Gruppen ausgelost werden, wird Daems genau hinsehen, mit wem es sein "Ex" zu tun bekommt. "Ein ganz großer Gegner wird wohl dabei sein", vermutet er. Sicher wird auch er mal live zuschauen, wenn sich die Borussen daheim mit den Großen aus Europa messen: "Natürlich will ich mir ein Champions-League-Spiel im Borussia-Park ansehen." Borussia, der er erneut einen Champions-League-Platz zutraut, ist noch in seinem Herzen, auch wenn er sagt, dass er nichts vermisse. Zehn Jahre hinterlassen Spuren. "Ich freue mich einfach, dass ich so lange für diesen Klub spielen durfte", sagt er.

Unter anderem hat er auch 16 Mal gegen den BVB gespielt, den Gegner, der sein erster war als Borusse. Vier Siege erlebte er mit, einen davon in Dortmund, vier Unentschieden und acht Niederlagen, ein paar davon fielen sogar recht heftig aus (0:3, 1:4, 0:5). "Umgekehrt wäre die Bilanz schöner", sagt Filip Daems mit einem Grinsen. Das erste Spiel der Gladbacher gegen den BVB nach Daems wird er sich nicht anschauen können. "Wir spielen an dem Tag um 20 Uhr in Genk", weiß Daems. Während die Borussen ab 18.30 Uhr in Dortmund spielen, wird er sich mit seinen Kollegen auf das eigene Spiel vorbereiten. Und er wird vielleicht auch ein paar Worte mit einem wechseln, mit dem er viel erlebt hat in Gladbach: Igor de Camargo, der im Sommer von Lüttich zu Genk gewechselt ist.

De Camargo, der im Mai 2011 das sagenhafte Tor gegen Bochum schoss in der Relegation, hat wie Daems seinen Teil zur Renaissance in Gladbach beigetragen, auch wenn seine Zeit hier weit kürzer ausfiel. Nun wird Westerlos Innenverteidiger Daems versuchen, Tore des Genker Stürmers de Camargo zu verhindern. "Ich kenne ihn ja gut", sagte Daems. Die Ex-Borussen werden sich nach ihrem Spiel ganz sicher flugs erkundigen, wie das Duell in Dortmund ausgegangen ist. "Ein 1:1 wie bei meinem ersten Spiel als Borusse wäre sicher auch jetzt nicht das schlechteste Ergebnis", sagt Daems.

Quelle: RP
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