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Borussia Mönchengladbach
Flüchtlinge feuern Borussia in Berlin an

Einzelkritik: Viermal Note "gut"
Einzelkritik: Viermal Note "gut" FOTO: afp, vel
Mönchengladbach. Die Borussia-Fanclubs "Block B", "Berlin-Borussen" und "Berliner Fohlen" laden 20 Flüchtlinge aus der Hauptstadt ein, sich das Spiel gegen Hertha BSC im Olympiastadion anzusehen. Von Jannik Sorgatz

"Der Verein spendet die Schals, die Fans die Tickets und die Spieler liefern hoffentlich ein tolles Spiel im Kampf um die Champions League", sagt Ingo Müller von "Block B" mit Vorfreude auf die besondere Begegnung. Ein Uni-Projekt, das sich für die Teilhabe von Flüchtlingen am kulturellen Leben in der Hauptstadt einsetzt, hat den Kontakt hergestellt. Nun werden die Männer, Frauen und Kinder am Sonntag im Gästeblock stehen und Borussia anfeuern.

"Block B" und seine Mitstreiter haben sich durch vielfältige Aktionen einen Namen in der Szene gemacht: 2013 erschien der aufwendig produzierte Kurzfilm "Matchday", eine Liebeserklärung der Exil-Fans an den VfL. Im Herbst jenes Jahres zog eine Choreo bei Borussias Auftritt im Olympiastadion die Blicke auf sich. "Liebe kennt keine Entfernung", stand auf einem 50 Meter langen Banner. "Eigentlich dachten wir, dieses Jahr setzen wir aus", erzählt Müller. Doch kam die Idee mit der Einladung an die Flüchtlinge.

Vom Aufwand her mag die Aktion der Berliner Fanclubs nun etwas kleiner geraten sein, dafür ist die Botschaft eine große. "Dass der Hintergrund jetzt so ein trauriger ist nach den aktuellen Ereignissen im Mittelmeer, haben wir natürlich nicht geahnt", sagt Müller. Er sei Anfang des Jahres mit dem Flüchtlingsthema in Berührung bekommen, als der Senat seinem Verein, dem FC Viktoria 1899, Trainingszeiten strich, weil Hallen als Unterkünftige benötigt wurden. Ansonsten sei die Problematik zwar präsent, meint Müller, die Berührungspunkte im Alltag aber gering – das soll der Fußball ändern. Der Fanclub AGQF (Arbeitsgemeinschaft Qualitätsfußball) hat es im Dezember vorgemacht und Flüchtlinge aus Rheindalen zum Heimspiel gegen Hertha in den Borussia-Park eingeladen.

Dass das Thema immer etwas heikel ist, mussten Müller und seine Mitstreiter jedoch auch spüren. Ihr Banner mit der Aufschrift "Refugees welcome" ("Flüchtlinge willkommen") wird am Sonntag nicht im Block, sondern am Eingang des Stadions hängen. "Ich habe mittlerweile akzeptiert, dass Kurve und Politik nicht zusammenpassen", sagt Müller. Man wolle auf keinen Fall Fangruppen spalten, sondern einfach 90 Minuten Fußball genießen. Als das Magazin "Faszination Fankurve" einen Text über die Aktion der Berliner Fanclubs auf Facebook postete, gab es fragwürdige Reaktionen. "Sollten mal lieber deutsche Kinder, die in Armut aufwachsen, einladen", schrieb einer. Oder: "Politik aus der Kurve!" Ein anderer Kommentator wies die Kritiker zurecht: "Das ist das Problem. Zu viele denken, es wäre Politik, dabei zeugt so eine Aktion nur von gesundem Menschenverstand."

Wie nah das Flüchtlingsthema mitunter unbewusst ist, merkt Müller im eigenen Fanclub: Bei "Block B" ist ein gebürtiger Afghane Mitglied, der mit seinen Eltern nach Deutschland kam und gerade seinen Doktor macht. Auch im Kader von Lucien Favre findet sich eine Flüchtlingsgeschichte. Granit Xhakas Eltern kamen aus dem Kosovo in die Schweiz, nachdem Vater Ragip in der Heimat mehr als drei Jahre im Gefängnis gesessen hatte. "Granit feuern selbstverständlich alle gemeinsam an, so wie es sein soll", sagt Müller. Am Sonntag werden 20 Menschen mit ähnlichen Biografien zum ersten Mal bei Borussia in der Kurve stehen. Müller meint: "Es wäre super, wenn sie nachher sagen: Mönchengladbach können wir zwar nicht aussprechen, finden wir aber gut." Dazu dürfte ein Auswärtssieg sicher etwas beitragen.

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