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Borussia Mönchengladbach
Gladbacher Ratlosigkeit

Einzelkritik: Note 6 für Stindl
Einzelkritik: Note 6 für Stindl FOTO: dpa, jai
Sevilla. Fünf Niederlagen hintereinander sorgen beim Bundesligisten für eine explosive Stimmung. In der Kritik stehen die Spieler, aber auch Trainer Favre und Sportdirektor Eberl. Das Derby gegen Köln wird richtungweisend. Von Stefan Klüttermann

Es dürfte heute Nachmittag voll werden am Trainingsgelände der Borussia. Bei der letzten öffentlichen Übungseinheit vor dem Punktspiel der Mönchengladbacher in zwei Tagen in Köln sollen die Anhänger ihren Lieblingen zeigen: Wir unterstützen euch, auch wenn wir nicht im Stadion dabei sein werden. Dazu aufgerufen haben die Organisatoren des Fan-Boykotts beim rheinischen Derby, der eine Reaktion auf DFB-Sanktionen ist.

Spätestens seit dem 0:3 beim Champions-League-Auftakt in Sevilla, der fünften Niederlage in Folge, kommt der Partie für Gladbach jedoch eine weit über das Befinden der Fanseele hinausgehende Bedeutung zu: Das Derby gerät für eine sportlich taumelnde Borussia zum Endspiel um die Ruhe, um die zuletzt jahrelang vorherrschende Besonnenheit in Verein und Umfeld.

Bislang rumort es noch weitgehend unter der Oberfläche im Borussen-Land. Doch eine Niederlage im für viele wichtigsten Duell des Jahres dürfte alles zum Ausbruch bringen: all die Unzufriedenheit, die Enttäuschung, die Ratlosigkeit und Hilflosigkeit angesichts des bedenklichen Absturzes des Tabellendritten der Vorsaison. Denn so richtig weiß niemand, woher kurzfristige Besserung kommen soll. Weil jeder Profi neben der Spur und außer Form ist, fällt die Suche nach dem Heilsbringer ergebnislos aus. "Jeder hat mit sich selbst zu tun, jeder macht einfache Fehler. Und natürlich wird der Druck immer größer, je öfter du verlierst", sagte Tony Jantschke in Sevilla.

Ja, selbst in der so erfolgreichen Amtszeit von Trainer Lucien Favre gab es in Gladbach schon Durststrecken, gab es Serien von neun Spielen ohne Sieg. Aber diese Negativserien spielten sich erstens mitten in einer Spielzeit ab und nicht vom so entscheidenden Saisonbeginn an, und Favre fand zudem bislang immer das richtige Gegenmittel, um einen nachhaltigen Umschwung zu bewerkstelligen. Dieser Tage indes wirkt selbst der Schweizer ratlos. Er hat in den ersten Wochen dieser Saison personell mehr experimentiert als in manch kompletter Spielzeit zuvor. Aber was er auch probiert, wie er auch umstellt, wen er auch aufstellt - das Ergebnis ist momentan immer dasselbe: Hinten lädt sein Team den Gegner zum Toreschießen ein, vorne ist Toreschießen zur schier unlösbaren Aufgabe geworden.

Auch die Arrivierten machen plötzlich haarsträubende Fehler, die Neuzugänge funktionieren nicht, Führungsspieler sind verletzt oder nicht in Sicht. "Wir fangen bei Null wieder an. Es klingt dumm, aber wir müssen uns an den kleinen Dingen hochziehen", sagt Torhüter Yann Sommer. Durchhalteparolen wie diese sind inzwischen das, was Woche für Woche kommuniziert wird. Und die, die sie aussprechen, können sie selbst kaum noch hören. "Wir können die Situation ja selbst alle gut einschätzen. Die Fans sind ja nicht die einzigen, die enttäuscht sind", sagt Julian Korb.

Die Enttäuschung der Fans richtet sich derweil nicht nur gegen Spieler, die ihr schon oft nachgewiesenes Können brach liegen lassen. Kritik aus der Öffentlichkeit trifft auch Favres Personalentscheidungen und genauso auch Sportdirektor Max Eberl. Warum? Weil dessen Einkäufe Lars Stindl und Josip Drmic meilenweit davon entfernt sind, Christoph Kramer (zurück nach Leverkusen) und Max Kruse (Wolfsburg) ersetzen zu können. Und weil Eberl trotz für Borussia ungewöhnlich großer Verletzungsprobleme auf Aktivitäten im Schlussverkauf des Transfermarktes verzichtete. Man vertraue dem vorhandenen Personal, hieß und heißt es. Doch dieses (Selbst-)Vertrauen in die Beteiligten schwindet mit jeder weiteren Niederlage merklich.

In Sevilla legte Borussia dem Gegner, mit zwei Punkten aus drei Punktspielen auf Platz 17 der Tabelle, den roten Teppich zum Sieg in Form von gleich drei verursachten Elfmetern aus. Wieder schlug man sich quasi selbst. Es braucht als Gegner nicht viel, um Borussia dieser Tage zu besiegen.

Und genau darin liegt auch die Hoffnung der Kölner, endlich mal wieder ein Derby für sich zu entscheiden. Es wäre ein Derby-Sieg, der lange nachwirken würde. Vor allem in Gladbach.

Quelle: RP
 
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