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Borussia Mönchengladbach
Händels Erbe - die Brauart der Champions-League-Hymne

Händels Erbe - die Brauart der Champions-League-Hymne
In der Champions League gibt es keine Regentage. FOTO: rtr, ao
Mönchengladbach. Warum weckt die Champions-League-Hymne eigentlich so außergewöhnliche Gefühle in uns? Sicher, weil wir sie vor Champions-League-Spielen hören. Aber das ist nicht alles. Von Christoph Vratz

Gemütlich ruckelt das Auto über die A 61 in Richtung Borussia-Park. Anfahrt zum Derby. Noch ist Marcel Risses Flattergeschoss in keinem Alptraum vorhersehbar. "Sagt mal, was haltet Ihr eigentlich von der Champions League-Hymne?" - "Geil!", posaunt der Fahrer sofort. "Aber warum?" - "Weil die Melodie einen packt", flötet es aus dem Heck, und vom Beifahrersitz kommt die Weisheit: "In dieser Musik ist die Erfüllung einer Sehnsucht enthalten, die lange Utopie war."

Heute ertönt sie wieder, die Hymne. Und wer weiß, wann sie ein nächstes Mal den Borussia-Park beschallen wird. Wo immer die Champions League-Hymne ertönt, sie sorgt für Silberglanz in den Augen, und sämtliche Körperhärchen bringen sich in Gänsehaut-Hab-Acht-Stellung, ob vor dem Fernseher, im Stadion auf den Rängen oder bei hartgesottenen Kickern auf dem Rasen. Was hat diese Musik, dass sie uns alle ins Elysium katapultiert, bevor auch nur ein einziger Ball bewegt wird?

Bei der Planung der Champions League Anfang der 90er erging an den britischen Filmmusiker Tony Britten der Auftrag, etwas Feierliches zu kreieren, am besten nach einem Original von Georg Friedrich Händel, der in "Messiah" und "Judas Maccabäus" schon Keimzelle für so manchen Hit geliefert hatte. Einen Dreiminüter hat Britten geschaffen, der 2012 vom europäischen Fußballverband mit einem neuen Text versehen wurde.

Brittens Quelle ist alt, sie stammt von 1727, als Händel zu den Krönungsfeierlichkeiten von George II. vier "Coronation Anthems" schreiben sollte. "Zadok the Priest" war ein gigantischer Erfolg, schon bei der Uraufführung. Seither wird diese Musik bei jeder königlichen Neu-Krönung gespielt, zuletzt 1952 und - zum Goldenen Thronjubiläum von Queen Elizabeth II. - im Jahr 2002.

"Zadok the Priest" steht in D-Dur. Der Laie hört das nicht, aber er erspürt sofort den feierlichen Gestus. "Andante maestoso" steht darüber: Langsam-gehend und feierlich. Mit flotten Beat-Rhythmen kriegst Du keine Hymne hin! Nicht umsonst fußt auch die TV-Eurovisionshymne auf einer festlichen Barock-Vorlage, auf Klängen von Marc-Antoine Charpentier.

Bei Händel wabert das Orchester lange und leise, "soft", wie er schreibt, bis dann endlich das Motiv einsetzt, das uns heute in den siebten Fußball-Himmel hievt: Vom ganzen Chor aus vollen Kehlen gesungen - "Loud" fordert Händel - folgt erst ein langer Ton, dann zwei kurze; erst danach kriecht die Melodie zaghaft um einen Ton nach oben. Da bleibt sie erst einmal, bis sie sich, ganz lapidar, wieder senkt. Der Tonumfang besteht anfangs aus nur drei Noten - das ist ein Nichts! Aber es ist eingängig. Jeder kann es singen. Und wie bei der Eurovisionshymne wird der oberste Ton dieser Melodie etwas länger gehalten - gefühlt ewig lang! Genau das füllt uns mit Inbrunst und Erhabenheit, es befördert unser Gemüt ins Reich der besten Mannschaften Europas und lässt uns träumen, von Punkten, Weiterkommen, Henkelpott.

Doch die beste Melodie taugt nicht viel, wenn sie nicht von den entsprechenden Instrumenten unterstützt und getragen wird. Bei Händel treten mit Einsatz des Chores Pauken und Trompeten hinzu. Das wirkte schon damals aufwühlend und bildete das Gegenteil vom steifen, distanzierten Hof-Zeremoniell. Zumal bei der Erstaufführung 1727 rund 200 Musiker involviert waren. Ein Riesen-Effekt. Genau das transportiert Britten ins Heute. Er erweckt den Eindruck von Masse: anfangs die André-Rieu-selig-säuselnden Streicher, dann plötzlich der große Chor, die spitzen Bläser und drall-pralle Pauken. Musikalisches Feuerwerk, aber eingängig.

Diese Mischung löst beim Zuhörer jedes Mal neu Gänsehaut aus: "Geil!" Diese Hymne wollen wir hören, immer und immer wieder. Möglichst bald auch wieder im Borussia-Park.

Quelle: RP
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