| 15.37 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Hans-Jörg Hrgota und Fohlen auf dem Eis

Fotos: Gladbach - Bremen
Fotos: Gladbach - Bremen FOTO: Dirk Päffgen
Mönchengladbach. Die Dramatik des Pokal-Halbfinals gegen Werder Bremen von 1984 schien unkopierbar. Am Dienstag versuchten es beide Mannschaften trotzdem. Ein neuer Hans-Jörg Criens wurde sogar gefunden, der Rest des Abends verlief ernüchternd. Von Jannik Sorgatz

1. Schubert kann auch Negativrekorde
In den vergangenen 50 Jahren hat die Borussia rund 2000 Pflichtspiele absolviert. Man will es kaum glauben, dass es das, was nun gegen Manchester, Leverkusen und Bremen passiert ist, noch nie gegeben hatte: mindestens vier Gegentore in drei Partien hintereinander. Als Gladbach 1998 2:8 gegen Leverkusen und 1:7 gegen Wolfsburg verlor, ging es zuvor beim 1:2 gegen Bochum human zu. 2010 war der Verein unter Michael Frontzeck nah dran. Vor dem 0:4 gegen Frankfurt und dem 0:7 gegen Stuttgart stand damals ein 6:3 in Leverkusen – ein Sieg, wohlgemerkt.

2. Mönchengladbach Fohlen e. V.
Es gibt eine niederrheinische Sport-Mannschaft, die die vergangenen sechs Spiele mit 11:18 Toren bestritten hat, und es gibt eine niederrheinische Sport-Mannschaft, die eine Bilanz von 15:19 Toren vorzuweisen hat. Das 11:18-Team spielt Eishockey und heißt Krefeld Pinguine. Der DEL-Vergleich kommt also nicht von ungefähr:

3. Nochmal zum Mitschreiben
Zwischenzeitlich schien es möglich, dieses Spektakel von 1984 zu wiederholen. Aber mal im Ernst: Was damals im Pokal-Halbfinale gegen Bremen los war, kann doch nicht wahr sein. Die Ereignisse im Schnelldurchlauf zum Noch-einmal-mit-dem-Kopf-Schütteln: Erstmals überträgt die ARD ein Livespiel vor dem Finale, nach 3:1-Führung und 3:4-Rückstand gewinnt die Borussia in der Verlängerung 5:4, zwei Tore schießt der eingewechselte Hans-Jörg Criens, Reporter Heribert Fassbender erfindet nebenei den Fußballbegriff "Joker", Tränengas sorgt beinahe für einen Abbruch, Rangeleien auf dem Platz, Bremen spielt unter Protest weiter, die "Tagesschau" muss verschoben werden, Uli Sude hält blutüberströmt und benommen den Sieg fest, am nächsten Tag spielen Schalke und Bayern 6:6.

4. "Feel the love"
Unterm Strich verlief das Achtelfinale im Borussia-Park also nicht annähernd so episch. Dazu hätte es schon noch den Ausgleich in der 94. Minute, eine Verlängerung mit weiteren Toren und ein Elfmeterschießen gebraucht, bei dem am Ende die Torhüter antreten müssen – zweimal. Große Ausmaße erreichte dennoch die Enttäuschung der Gladbacher Spieler. Sie schwiegen einhellig, während Sportdirektor Max Eberl in der ARD mit dem rheinischen Superlativ ein passendes Stilmittel verwendete: "Es ist die einzigste Chance für uns, vielleicht einen Titel zu holen." Jetzt ist die "einzigste Chance" bis mindestens zum 27. Mai 2017 dahin.

Gab es deshalb Trost von Gebre Selassie für Xhaka? Nein, einfach etwas Vergebung und Nächstenliebe kurz vor Weihnachten:

5. Viermal fehlerhaft
Kurz und schlüssig sind vier Gegentore gegen Werder nicht zu erklären. Man kann sie zunächst nur Revue passieren lassen und feststellen, dass sie alle so nicht fallen dürfen:

  • 1:1 durch Sternberg: Korb segelt unter einer Flanke hindurch, Pizarro darf ungehindert ablegen, Sternberg ungehindert schießen
  • 1:2 durch Vestergaard: Dahoud foult plump, Sommer wehrt ab, Vestergaard schaltet am schnellsten
  • 2:3 durch Pizarro: Xhaka ist ungeduldig und schießt Garcia einen Freistoß gegen den Rücken, Wendt sieht hinten links schlecht aus gegen Öztunali, Christensen lässt Pizarro in seinem Rücken allein, der Schuss geht Sommer durch die Beine
  • 2:4 durch Ujah: Korb verdribbelt sich, Grillitsch zieht drei Mann auf sich und bedient Ujah, Ujah lässt Christensen aussteigen, der Schuss wird abgefälscht

6. Pech ist umgekehrtes Glück
Trotz aller Versäumnisse hinten hatte die Borussia vorne genügend Chancen, um mit einem 4:4 in die Verlängerung zu gehen oder gar das 1984er-Revival in 90 Minuten zu schaffen. Kurz nachdem Sternberg der Innenpfosten zum Ausgleich verholfen hatte, sprang ein ähnlicher Schuss von Thorgan Hazard noch aus dem Tor – 1:1 statt 2:0 und dann bald 1:2. An Gladbachs desolater Abwehrleistung ändert das nichts, erinnert aber daran, dass bereits in den ersten Hypewochen unter Schubert etwas Glück die Lage beschönigt haben könnte. Man nehme nur sein zweites Spiel, das 3:1 in Stuttgart, bei dem die Schwaben zahlreiche Chancen liegen ließen. Mit etwas Pech hätte es nie einen Glückspullover gegeben.

7. Zwei Tore und doch nicht genug
Branimir Hrgota schien bis zur 63. Minute am Dienstag eine ähnliche Rolle in Schuberts Planungen zu spielen wie der 54-jährige Hans-Jörg Criens. Dann kam er rein für Mahmoud Dahoud und erfüllte in Erinnerung an 1984 immerhin den Joker-Part zuverlässig. Unmittelbar vor dem ersten seiner beiden Tore hatte Hrgota bereits eine gute Möglichkeit. Annahme und erster Kontakt stimmten, beim zweiten legte er sich den Ball zu weit vor. Der Abschluss zum 2:2 und seine Aufmerksamkeit beim 3:4 waren einwandfrei und Indizien dafür, dass man Hrgota ein halbes Jahr vor seinem Vertragsende immer noch nicht vergessen sollte. Vielleicht eröffnet ihm die Spektakel-Steigerung unter Schubert neue Chancen.

8. Jantschke schon operiert
"Lasst uns alle gemeinsam die Daumen drücken, dass André nicht so schwer verletzt ist!", schrieb Tony Jantschke am 25. Oktober bei Twitter über André Hahn. Vier Tage später dann: "Zum Glück ist es nicht so schlimm gekommen wie vermutet." Er selbst hatte sich im Pokalspiel auf Schalke an der Schulter verletzt. Am 16. Dezember folgte der nächste medizinische Post, kein Retweet eines Kollegen, sondern ein eigenes Foto: Jantschkes Knie nach der OP, dick bandagiert, mit großem Kühlpad. "Mit ihm können wir wohl nicht mehr wirklich rechnen in dieser Saison", sagte Max Eberl über den 25-Jährigen.

9. Verletzte und Schatten
Vor Februar rechnet der Sportdirektor nur mit Ibrahima Traoré und Martin Stranzl als Rückkehrer aus dem Lazarett. 526 Verletzungstage zählte eine Fachseite in der vergangenen Saison bei Borussia Mönchengladbach. Die Marke übertreffen in dieser Saison allein die drei Kreuzbandrisse. Gegen Bremen stand erstmals Djibril Sow im Kader. Allein eine komplette Viererkette fehlt verletzt.

Dass die erste Elf namentlich trotzdem noch einiges zu bieten hat, ist äußerst bemerkenswert. Wobei gegen Bremen ein paar Schatten ihrer selbst dabei waren.

10. Verlierer auf der Straße
Als sie es endlich ins Stadion geschafft hatten, gingen tausende Fans davon aus, den schlimmsten Teil des Abends hinter sich zu haben. Mehrere Unfälle auf den Anfahrtswegen lösten ein Verkehrschaos aus, das selbst die Verhältnisse übertraf, die man sonst rund um den Borussia-Park gewohnt ist. Wer kurz vor dem Spiel draußen stand, nahm es dennoch gelassen:

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