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Borussia Mönchengladbach
Hochgeschwindigkeits-Ballbesitz-Tiki-Taka

Fotos: Borussia - Stoke City 1:1
Fotos: Borussia - Stoke City 1:1 FOTO: Dieter Wiechmann
Fussball. Borussias Trainer Lucien Favre erweitert das Angriffsrepertoire: Es wird weiter Kombinationsfußball mit viel Ballbesitz geben, doch künftig soll mehr gekontert werden. Das Flügelspiel wird verstärkt, Weitschüsse sind nun auch erwünscht. Von Karsten Kellermann

Max Eberl ist geständig. "Ich habe früher oft relativ blind geflankt und habe gehofft, dass Arie van Lent irgendwo steht", sagt Borussias Sportdirektor. Hoch hinein in den Strafraum, auf den Kopf des Stoßstürmers - das waren durchaus typische Angriffe, als der damalige Trainer Hans Meyer Borussia lehrte, im klassischen niederländischen System mit zwei Außenstürmern und einem Stoßstürmer anzugreifen. Das kann noch immer ein Mittel sein, aber "Flanken heißt ja nicht nur Luftbälle auf den Kopf", sagt Eberl, "Flanken heißt auch, den Ball flach zurückzuspielen an die Strafraumgrenze, an den Elfmeterpunkt, den Mann in der Mitte zu erkennen."

Den Prototyp des Tores, das dem modernen Flügelspiel entspringt, lieferte der Weltmeister im WM-Finale ab: Der Sprint von André Schürrle auf der linken Seite, die Hereingabe, die Mario Götze im Halbraum findet, dessen wunderbare Ballmitnahme, schließlich das Tor, das Deutschland den vierten Stern brachte. Auch beim VfB Stuttgart sah Eberl in der vergangenen Saison die eine oder andere vorbildliche Aktion für das künftige Gladbacher Angriffsspiel: "Viele Sprints in die Tiefe, wo der Ball dann flach zurückgespielt wird", erinnert sich Eberl.

Impressionen aus dem Trainingslager FOTO: Dirk Päffgen

Der, der das beim VfB machte, war Ibrahima Traoré. Er spielt jetzt für Gladbach. Auch André Hahn haben die Borussen vom FC Augsburg geholt, weil er schnell ist und in der vergangenen Saison wie Traoré zu den besten fünf Flankengebern der Bundesliga gehörte. Lucien Favres Analyse der vergangenen Saison hat ergeben, dass die Gladbacher zu viel durch die Mitte spielten - und das mit zu wenig Geschwindigkeit.

Fotos: Mönchengladbach - Stade Rennes 1:0 FOTO: Dirk Päffgen

So wurde es manchmal zäh, weil keine Lücken gefunden wurden. Deswegen wurden die schnellen Flügelspieler geholt: Hahn, Traoré. Doch auch Fabian Johnson kann die Flankenläufe, wie er bei der WM vorführte: der Lauf bis zur Grundlinie, der Rückpass auf den Ex-Borussen Michael Bradley. Solche Aktionen soll es künftig auch bei Borussia häufiger geben.

Trainingslager am Tegernsee, Tag 6 FOTO: Dirk Päffgen

Beim 1:0 gegen Stade Rennes im Testspiel war zu sehen, wie das gehen kann. Patrick Herrmann übernahm das eine oder andere Mal die Schürrle-Rolle: ab dafür auf dem Flügel, kurz hochgeschaut und dann die flache Flanke (einigen wir uns auf Hereingabe?) in den Strafraum. "Das ist mein Spiel", freut sich Herrmann, der gelernte Außenstürmer, über die neue Wertschätzung des Flügelspiels bei Borussia.

Er weiß aber auch, dass die Konkurrenz größer geworden ist. "Wir haben jetzt viele schnelle Spieler, die alle nah beieinander sind", sagte Herrmann. Er will seinen Platz im Team natürlich behaupten. "Ich gebe Gas", versicherte er. Das taten auch die Kollegen bislang: "Hahn und Traoré sind typische Flügelspieler, sie müssen sich noch an unser Spiel gewöhnen, aber sie haben es gut gemacht", lobte Favre.

Das Problem bei Herrmanns Hereingaben gegen Rennes war jedoch: Dort stand kein Borusse. "Wir haben die Tiefe im Zentrum nicht gefunden", monierte Trainer Lucien Favre. Das war schon in der vergangenen Saison oft das Problem seines Teams: Der Strafraum war verwaist. Dies zu ändern, daran wird Favre nun arbeiten. Sein Auftrag an die Stürmer bleibt indes, die Tiefe zu finden. "Auf den Flügeln und in der Mitte", sagte Favre nach dem 1:1 im letzten Testspiel des Trainingslagers am Tegernsee gegen Stoke City. "Es ist wichtig, geduldig zu sein, auf die Lücke zu warten und Ballbesitz zu haben. Aber wir brauchen auch Gegenpressing und auch Konter sind eine Waffe", sagte Lucien Favre.

Wie in der zweiten Halbzeit gegen Rennes. Thorben Marx eroberte den Ball im Mittelfeld, Hazard rannte in den freien Raum zwischen den zentralen Abwehrspielern, Marx' Steilpass fand ihn. Allein der erfolgreiche Torschuss ging der Situation ab. Besser klappte es gegen die Münchener Löwen: Raffael schickte Ibrahima Traoré auf die Reise und der erzielte in Höchstgeschwindigkeit das 1:0. Diese Tore belegten auch, dass die Gladbacher in der neuen Saison ein weiteres Stilmittel mehr nutzen wollen als bisher in der Ära Favre: den Konter, der heute "schnelles Umschalten" genannt wird.

Favres neue Borussia könnte so etwas wie Hochgeschwindigkeits-Ballbesitz-Tiki-Taka spielen. Das wäre dann eine Mixtur aus Favres Lieblingsfußball und dem, was bei der WM zu besichtigen war: der Wille, schnell zum Abschluss zu kommen. Das geht auch per Weitschuss: André Hahn und der Sechser Havard Nordtveit übten sich während der Testspiele im Trainingslager ein ums andere Mal darin.

Noch trafen sie nicht. Doch die Versuche sind wohl nicht mehr strafbar in Gladbach, so wie es früher zu sein schien, sondern situativ durchaus erwünscht.

Quelle: RP
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