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Borussia Mönchengladbach
Im Kopfkino läuft die Champions League immer weiter

CL 15/16: Borussen-Fans zeigen tolle Choreo
CL 15/16: Borussen-Fans zeigen tolle Choreo FOTO: Dirk Päffgen
Mönchengladbach. Früher waren Champions-League-Übertragungen für Fans von Borussia Mönchengladbach pure Science-Fiction. Mit der Premiere in der Königsklasse hat ein Film begonnen, der sich nicht zensieren lässt. Das zeigte sich am Dienstag und am Mittwoch. Von Jannik Sorgatz

Man möge sich geistig ins Jahr 2004 zurückversetzen und sich vorstellen, es hätte damals schon Twitter gegeben. Am Abend des 3. November spielt Juventus Turin beim FC Bayern München in der Champions League. Auch das zweite Duell in der Gruppenphase entscheiden die Italiener mit 1:0 für sich. Für die Münchner ist das die zweite Pflichtspielpleite in Folge.

Aus Sicht der damals noch nicht existenten Social-Media-Abteilung Borussia Mönchengladbachs wäre es völlig legitim, folgenden Tweet abzusetzen: "Also wir, lieber @juventusfc, haben sogar 2:0 gegen den @FCBayern gewonnen. #FCBJuve #UCL #fohlenelf". Horst Köppel hätte das gefallen.

Pletsch trifft zum Sieg gegen Ballack und Co.

Vier Tage vor Bayerns Niederlage in der Königsklasse ist Gladbach unter dem damals 56-jährigen Interimstrainer ein Coup gegen den Rekordmeister gelungen. Marcelo Pletsch und Joris van Hout erzielten die Tore, Darius Kampa hielt die Null gegen eine Münchner Mannschaft, die mit Oliver Kahn, Lucio, Michael Ballack, Zé Roberto und Roy Makaay danach nur noch zwei Ligaspiele verlieren und souverän Meister werden sollte.

Solche Tage, von denen es damals genau zwei im Jahr gab, bescherten der Borussia die seltene Möglichkeit, sich mit europäischer Spitzenklasse zu messen. An den 363 anderen Tagen war Gladbach von der Champions League so weit entfernt wie heute der SV Darmstadt, der sich am Dienstag diesen Seitenhieb bei Twitter nicht verkneifen konnte, als es in Turin noch 0:0 stand:

Sandro Wagner gefiel das.

Dagegen ist Champions-League-Gucken für Gladbach-Fans nicht mehr das, was es mal war. Wenn früher unter der Woche Zidane, Schewtschenko, Ronaldo, Ronaldo, Giggs, Xavi, Iniesta, Drogba oder Messi im Fernsehen liefen, war das Science-Fiction. Nach der Königsklassen-Premiere im vergangenen Jahr ist es dagegen die neue Staffel einer verblüffend real anmutenden Serie, aus der die Borussia einstweilen ausgestiegen ist – eine Rückkehr wäre allerdings nicht annähernd so grotesk wie damals bei Bobby Ewing in "Dallas", sondern logisch.

Nicht mehr so jungfräulich

Die Achtelfinal-Hinspiele in dieser Woche waren gespickt mit Erinnerungen an Gladbachs Auftritte. Auch Borussias Social-Media-Abteilung hätte etwas zu #JuveFCB twittern können, zum Beispiel: "Wir haben in Turin zu Null gespielt." Doch das wäre nicht humorvoll, sondern unangebracht überheblich gewesen. Stattdessen übernahmen das einige Borussia-Fans, die sich in der Hinsicht keine Zurückhaltung auferlegen müssen. Wobei ein Augenzwinkern angesichts der Gladbacher Zu-Null-Schwäche der vergangenen Wochen, ja sogar Monate, zwischen den Zeilen stand.

Die Borussia hat mit den Champions-League-Auftritten ihre Jungfräulichkeit verloren und wird sie selbstredend auch nicht dann zurückerlangen, wenn die erneute Qualifikation bis 2032 auf sich warten ließe. Die Entwicklung der vergangenen Jahre war nicht nur am Duell zwischen Juventus und den Bayern abzulesen. Auch Manchester Citys 3:1-Erfolg bei Dynamo Kiew machte einige Dinge deutlich:

  • Vor den Ukrainern müsste der Borussia, anders als 2012, längst nicht mehr bange sein.
  • Die beiden Spiele gegen City waren längst nicht eine so klare Angelegenheit.
  • Borussias Gruppe mit City, Juve und dem FC Sevilla war wirklich ein wahnsinniger Brocken.

Letztere Erkenntnis brachte auf Umwegen auch die zweite Mittwochspartie zwischen der PSV Eindhoven und Atletico Madrid. Die Niederländer hatten sich in einer Gruppe mit dem VfL Wolfsburg fürs Achtelfinale qualifiziert. Nachdem die Hinspiele durch sind, bedarf es keiner Fantasie, um sich Gladbach in diesem Kreis vorzustellen. Umso ärgerlicher, dass es nicht einmal mehr in der Europa League um äußerst angenehme Trostpreise geht.

Aber genau darauf liegt ab jetzt für zwölf Spiele der Fokus. Mindestens. Die Borussia absolviert bis Mitte Mai Play-offs um die Plätze drei bis acht in der Bundesliga. Für das beste der sechs Teams, die sich im Rennen befinden, gibt es ein direktes Champions-League-Ticket, die Hinter-Bayern-und-Dortmund-Meisterschaft. Mindestens eine Mannschaft geht völlig leer aus, maximal zwei. Diese Ausgangslage erinnert einen auch daran, dass es für Gladbach in den vergangenen Jahren nie mit einer Enttäuschung in die Sommerpause ging:

  • 2011: Glückseligkeit nach Rettung in der Relegation
  • 2012: Wundersamer vierter Platz und Rückkehr nach Europa
  • 2013: Verkraftbarer achter Platz nach einer Saison an der Schwelle zum Rückfall in alte Zeiten
  • 2014: Qualifikation für die Europa League trotz Langzeit-Krise
  • 2015: Platz drei, Champions-League-Qualifikation, Rückrundenmeister

Da ist Darmstadt in einer wohligeren Lage. Während der Underdog nur gewinnen kann, weiß niemand, wie das Gladbacher Umfeld reagieren würde, wenn die nächste Staffel der lebensnahen Europapokal-Serie ohne die Borussia stattfände. Man dürfte gespannt sein, wie die sportliche Leitung einen siebten oder achten Platz hinter Berlin und/oder Mainz moderieren würde. Finanziell mag der Verein auch gut ohne Europa funktionieren. Das Kopfkino, wenn die Königsklasse läuft, lässt sich allerdings nicht mehr ausschalten.  

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