| 18.03 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Jodeldiplom für Herrmann und Spitzen-Debüt von Hahn

Einzelkritik: Note 1 für Raffael
Einzelkritik: Note 1 für Raffael FOTO: afp, bb
Ihre Vorgänger haben es der Mannschaft von Lucien Favre in den vergangenen 50 Jahren leicht gemacht. Der erst dritte Sieg in München geht deshalb als historisch durch. Und bevor das Pokal-Viertelfinale überhaupt gespielt ist, steht die Borussia bereits in einem Endspiel. Von Jannik Sorgatz
  • 1. Die Erfindung der Effektivität

"Ein Schuss, ein Tor, Borussia!" – diese Ausbeute hätte am Ende genügt. Aber auch nach dem Umtexten haut der alte Nordkurven- und Gästeblock-Klassiker trotz einer regelrechten Chancen-Explosion in der zweiten Hälfte noch hin: "Vier Schuss, zwei Tor', Borussia!" Oft genug in dieser Saison stand die mangelnde Chancenverwertung auf Platz eins der Mängelliste. Zudem besitzt die Weisheit, dass sich in München nicht viele Möglichkeiten ergeben werden und dementsprechend die Quote stimmen muss, ähnlich viel Tradition wie der zitierte Fangesang. Am Montag wird jedes Kind auf dem Schulhof die vier Gladbacher Schussversuche nachspielen können: zwei Tore von Raffael, einen Pfostentreffer von André Hahn und einen parierten Schuss von Max Kruse. Mehr war nicht, mehr musste nicht sein.

  • 2. Raffael muss es richten

Ein Quintett mit Tor-Erfahrung gegen den FC Bayern steht bei der Borussia unter Vertrag, lediglich ein Duo trat die Reise nach München an. Filip Daems, Thorben Marx und Roel Brouwers standen nicht im Kader, also war die Expertise von Raffael und Martin Stranzl gefragt. Allerdings hat Letzterer in dieser Saison noch gar nicht getroffen, nur zwei Eckbälle gab es für den VfL, wobei sich in der Schlussphase exakt ein Borusse in den Strafraum schleppte. Folglich blieb das Toreschießen an Raffael hängen, der unter dieser Last den zweiten Auswärts-Doppelpack hintereinander beisteuerte. Im Kampf um Platz drei kann es sich als Trumpf erweisen, dass der Brasilianer wieder seine Spielfreude und Torgefahr ausgebuddelt hat, die monatelang so verschollen schienen wie ein gut versteckter Schatz.

 
  • 3. Alles begann mit Bobadilla

De Camargo, Reus, Raffael – drei Patzer von Manuel Neuer gegen Borussia Mönchengladbach fallen einem schneller ein als die Namen der Heiligen Drei Könige. Aber wer ist der ominöse Vierte im Fehler-Quartett des Welttorhüters? Die #Followerpower unseres Twitter-Accounts @borussiamg_rpo lieferte die Antwort:

Fünf Jahre ist das her, die Borussia verlor 1:3. Im Tor stand Logan Bailly, ebenfalls in der Startelf: Thorben Marx, Tobias Levels und Karim Matmour. Die anderen drei Patzer sind wohl besser in Erinnerung geblieben, weil Neuer da bereits das Bayern-Trikot trug und Gladbach am Ende jeweils gewann. Erweitern ließe sich die Liste noch um ein Zu-Spät-Kommen gegen Mohamadou Idrissou im ersten Favre-Spiel 2011 gegen Schalke. Nun leistet sich der beste Torwart der Welt so wenige Böcke, dass die Stichprobe aus wissenschaftlicher Sicht viel zu klein ist, um valide Aussagen zu treffen. Aber auffällig ist diese besondere Beziehung zwischen Neuer und der Borussia allemal.

Von Bobadilla bis Raffael: Neuers Patzer gegen Gladbach FOTO: dapd
  • 4. Allerhöchste Ansprüche

Bei allem Lob für Lucien Favre und seine Mannschaft – die Hymnen reichen bis zu einer "taktischen Meisterleistung" – lässt sich die gehörige Portion Glück beim ersten Tor nicht wegdiskutieren. Dafür genügt der zweite Treffer von vorne bis hinten allerhöchsten Ansprüchen. Das heißt so viel wie: Kann man auch mal im Camp Nou oder im Bernabéu zeigen. Yann Sommer fängt eine Rafinha-Flanke ab und es werden mehr als 30 Sekunden vergehen, bis wieder ein Bayern-Spieler an den Ball kommt (nämlich Manuel Neuer, der ihn aus dem Tor holt): Abwurf, Oscar Wendt auf Granit Xhaka, der auf Fabian Johnson, dann wieder Wendt, wieder Xhaka, nach rechts zu Martin Stranzl, der nimmt Tony Jantschke mit, die Linie runter auf Patrick Herrmann, Christoph Kramer tritt an, bekommt den Ball in den Lauf, kleines Tänzchen, Raffael schließt ab, ein Traum! Nur Alvaro Dominguez und Max Kruse hatte auf dem Weg zum 2:0 keinen Ballkontakt. Unterm Strich ging's wie im Berufsverkehr: Das Zentrum meiden, Umgehungsstraßen nutzen.

  • 5. Schlüsselspieler

Patrick Herrmann wartete, Max Kruse startete. Herrmann wartete immer noch, wie an der Bushaltestelle: "Ich nehm' den nächsten!" Der hieß dann Christoph Kramer und wurde von Herrmann so punktgenau auf die Reise geschickt, dass er die Klasse dieses Zuspiels nur noch mit vier Übersteigern gegen Bastian Schweinsteiger hätte übertreffen können. Doch Kramer blieb solide und bediente den freistehenden Raffael. Das war das Kernstück des zweiten Treffers, zu dem Herrmann das Highlight beisteuerte. 2016 läuft sein Vertrag aus. Allerdings soll es im Sommer eine Klausel geben, die den vorzeitigen Ausstieg für eine Summe erlaubt, die – Stand jetzt – über dem Marktwert des 24-Jährigen liegt. Herrmanns Perspektive am Niederrhein ist jedoch glänzend. Das gilt fürs Sportliche wie für eine persönliche Rekordjagd. In München wurde er im 154. Bundesligaspiel zum 100. Mal ausgewechselt. Eine vorzeitige Verlängerung des Vertrages würde die Bestmarke von Gerald Asamoah (139) in Reichweite bringen. Ist zwar ein Rekord wie ein Jodeldiplom – aber immerhin "was Eigenes".

Bundesliga: Spieler mit den meisten Auswechslungen FOTO: dapd
  • 6. Verhinderte 14

Auch André Hahn war auf Rekordjagd. In seinem Fall erwies sich die Leuchttafel des Vierten Offiziellen jedoch als hinderlich. In exakt 71 Minuten und 34 Sekunden hatte Hahn exakt 11,36 Kilometer zurückgelegt. Hätte Favre ihn gelassen und der Ex-Augsburger den Schnitt gehalten, wäre er bei 14,36 Kilometern gelandet – Saisonrekord in der Bundesliga. So oder so gab es beim Borussia-Debüt in der Sturmspitze die volle Punktzahl in Sachen Fleiß. Ansonsten hatte sich das Experiment über weite Strecken aber nicht als entscheidendes Mosaiksteinchen erwiesen. Zweimal stand Hahn dennoch im Mittelpunkt: Erst war er mutterseelenallein auf dem Weg zum Tor, wurde aber zu Unrecht wegen Abseits zurückgepfiffen. Dann steuerte er in der 70. Minute den zweiten Torschuss der Borussia bei – Manuel Neuer, der Pfosten und noch einmal Neuer mussten rettend eingreifen.

  • 7. Formationsraten

Vorab hatten einige Quellen Patrick Herrmann im Zentrum gesehen und André Hahn auf der rechten Außenbahn, wie in Hamburg. Doch die Borussia lieferte in den sozialen Netzwerken selbst die Antwort mit ihrem Aufstellungsvideo: Sommer, Jantschke, Stranzl, Dominguez, Wendt, Kramer, Xhaka, Herrmann, Johnson, Raffael und zu guter Letzt – unter "Sturm" verzeichnet – Hahn. Ansonsten sorgt Gladbachs Formation eher selten für Interpretationsspielräume. Der FC Bayern dagegen twittert seine Startelf immer nach Rückennummern geordnet – weil Pep Guardiola weder etwas verraten will noch zu viel verraten kann. Aber auch die Formations-Rotation des Gegners brachte die Borussia nie aus der Ruhe.

Pressestimmen: "Neuer ist auch nur ein Mensch" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO
  • 8. In vier Jahren nur zwei Klatschen

Diese Bestmarke ist mindestens bis August gesichert. Frühestens dann muss sich die Borussia in der Liga wieder dem Rekordmeister stellen, gegen den sie seit 2005 allenfalls mit zwei Toren verloren hat – kein anderes Team ist so lange einer Klatsche gegen die Bayern entgangen. Überhaupt hat Gladbach unter Lucien Favre in 173 Pflichtspielen erst zweimal hoch verloren: niemals mit drei Toren Unterschied, einmal 0:4 in Bremen und einmal 0:5 in Dortmund. Doch das war im Herbst 2012.

  • 9. Eid-zu-Null-Genossen

Es muss an der Schweizer Staatsbürgerschaft liegen: Yann Sommer ist nach Jörg Stiel in der Saison 2001/2002 der zweite Borussia-Torwart, der in einer Saison kein Tor vom FC Bayern kassiert hat. In Verbindung mit dem dritten Sieg im 47. Anlauf fällt es da schwer, ohne das Wort "historisch" auszukommen. Zumal der VfL erstmals mit zwei Toren in München gewann. Es gibt jedoch eine Statistik, die den euphorisierten Borussia-Fans vielleicht ein wenig die Stimmung vermiest: Immer wenn Gladbach bei den Bayern gewonnen hat, gab es am Ende Platz vier.

  • 10. Finale am 9. Mai

Der Satz mit der vermiesten Stimmung mag absurd klingen. Aber die direkte Qualifikation für die Champions League liegt auf dem Präsentierteller wie nie zuvor für die Borussia. Von Schalke hat sich das Favre-Team seit der Winterpause um acht Punkte entfernt (trotz der Niederlage dort), gegenüber Augsburg und Hoffenheim ist der Vorsprung sogar um neun Zähler gewachsen. Nur vier Gegentore in neun Rückrundenspielen sind Ligaspitze. Kein Team außer Wolfsburg hat 20 Punkte im Jahr 2015 geholt. Obwohl im Pokal noch nicht einmal das Viertelfinale gespielt ist, hat die Borussia eine Endspielteilnahme wohl sicher: Am 9. Mai geht es zu Hause gegen Leverkusen um Platz drei.

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