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Borussia Mönchengladbach
Geis stellt sich noch am besten an

Johannes Geis stellt sich noch am besten an
Johannes Geis wollte die Rote Karte zunächst nicht wahrhaben, entschuldigte sich später aber reumütig bei André Hahn. FOTO: dpa, fg hak
Mönchengladbach. Zehn Spieltage sind so eine Marke, die langsam ein schlüssiges Fazit des Saisonstarts zulassen. Wer Borussia Mönchengladbach mit 15 Punkten auf dem siebten Platz sieht und ansonsten seit August abgeschottet auf einer Insel gelebt hat, weiß jedoch gar nichts. Überschattet wird das Ganze durch die Verletzung von André Hahn. Von Jannik Sorgatz

1. Vizemeister in fünf Wochen Ein im Hintergrund tagendes Gremium muss irgendwann beschlossen haben, dass sogenannte "Formtabellen" der Bundesliga sich grundsätzlich auf die vergangenen fünf Spieltage beziehen müssen. Seit dem 3:1 gegen Schalke gibt es also erstmals eine akkurate "Schubert-Tabelle", die – man ahnt es bereits – sensationell aussieht:

 

 

Den Dresscode in der Champions League wollte Schubert bislang anscheinend nicht brechen. Am Mittwoch steht die nächste Pullover-Probe im DFB-Pokal an, da putzen sich die Trainer nie besonders heraus. Und am kommenden Samstag bei Hertha BSC kann Schubert bereits den Rekord von Willi Entenmann angreifen. Der gewann 1986 mit dem VfB Stuttgart, übrigens auch als Interim, seine ersten sechs Spiele. Dennoch holte der VfB übrigens einen neuen Trainer und schickte Entenmann zurück ins zweite Glied.

2. Ein kleiner Rekord In einer weiteren Angelegenheit sind Stuttgart und Gladbach verbunden, diesmal jedoch in der Gegenwart. Beide verloren die ersten fünf Spiele, was zuvor in 52 Jahren erst sieben Mannschaften fertig gebracht hatten. Keine erreichte am Saisonende die Top Ten, weshalb allein der momentane siebte Platz der Borussia eine bemerkenswerte Leistung ist. Auf fünf Niederlagen fünf Siege folgen zu lassen, ist gar einmalig. Mehr als zehn Punkte, umgerechnet auf die Drei-Punkte-Regel, holte bislang keiner der epischen Fehlstarter.

3. Der neue Korb Julian Korb lief am Sonntag zum 66. Mal für die Borussia auf, weshalb man vor folgender Aussage kurz innehält, um sich zu fragen, ob der 23-Jährige nicht zu Unrecht als sehr dürftiger Fußballer dargestellt wird: Korb hat gegen Schalke das beste Spiel seiner Karriere gemacht. Was sagt das aus über einen U21-Nationalspieler, der seit zwei Jahren mehr oder minder zum Stamm gehört? Bislang war Korb ein solider Rechtsverteidiger, den sein Trainer Lucien Favre vor allem für sein taktisches Niveau schätzte. Jetzt heißt sein Trainer André Schubert und Korb hat den Strafraum des Gegners allein gegen Schalke gefühlt so oft betreten wie in 65 Spielen zuvor. Daraus resultierten ein Elfmeter und sein erstes Tor – und die Frage, warum Korb nicht viel früher entfesselt wurde.

4. Noch ein zweiter Platz Es kann ja nicht überall nach oben gehen. In der Chancenverwertungs-Tabelle der Bundesliga ist der VfL mit 35,8 Prozent vom ersten auf den zweiten Platz abgerutscht. Vorne ist jetzt der FC Bayern (36,3), Dritter Borussia Dortmund (34,1). Auch hier würde sich eine "Schubert-Tabelle" lohnen. Unter der Wer-weiß-wie-lange-noch-Übergangslösung hat Gladbach 41 Chancen erarbeitet und 17 Tore geschossen, macht 41,5 Prozent. Unter Favre waren zwölf Chancen in fünf Spielen bereits ein entsetzlicher Wert, lediglich zwei Tore machten es noch schlimmer. 16,7 Prozent würden in der Chancenverwertungs-Tabelle Platz 17 bedeuten – immerhin wäre das ja sogar ein Schritt nach oben gewesen.

5. Es geht auch anders Bis vor einer Woche beruhte die Restskepsis vor allem darauf, dass beinahe jedes Schubert-Spiel gleich ausgesehen hatte: Pressing, Risikopässe, Ballbesitz, aber auch nicht zu viel. Dann kam die Reise nach Turin und die Borussia verdiente sich mit einer herausragenden Defensivleistung einen Punkt. Das war neu, genauso wie die Ballbesitz-Statistik der ersten Halbzeit gegen Schalke, als Gladbach 68 Prozent erreichte. Allerdings drückte eine ausgeglichene zweite Hälfte den Wert auf 60 Prozent. Im Vergleich zur 0:1-Niederlage auf Schalke im Februar war die Dominanz eine ganz andere. Wie damals Roel Brouwers (98 Prozent) erreichte in Andreas Christensen (95 Prozent) ein Innenverteidiger überragende Passwerte. Wer zu viel Zeit hat und sich beide Spiele noch einmal anschauen will, wird im Aufbau einen riesigen Qualitätssprung erkennen.

6. Die neue Borussia Christensen ist einer von fünf Spielern aus der momentanen Kernelf, die im Frühjahr auf dem Weg zur Rückrunden-Meisterschaft entweder noch nicht da waren oder keine große Rolle spielten. In der Innenverteidigung ist die Verjüngungskur gelungen. Rechts blüht Julian Korb unter André Schubert auf. Auf der Sechs ist Mahmoud Dahoud immerhin fünf Jahre jünger als Christoph Kramer und läuft wie der Weltmeister am meisten, er verkörpert aber einen offensiveren und eleganteren Stil. Rechts ersetzt Ibrahima Traoré den Langzeitverletzten Patrick Herrmann bislang gleichwertig, wovon ja auch nicht einfach so auszugehen ist. Vorne gibt Lars Stindl keine Max-Kruse-Kopie, hat aber endlich seine Position gefunden und steht dem Nationalspieler in Sachen Torgefahr in nichts nach. Wenn dann noch "unsung heroes" wie Oscar Wendt und Fabian Johnson ihr Programm zuverlässig abspulen, Granit Xhaka die Chefrolle bestens ausfüllt und Raffael völlig aufblüht, scheinen wieder alle Rädchen ineinander zu greifen.

7. Dr. Hertls liebevolle Geste André Hahn hatte in diesem System die Jokerrolle inne, die er zuletzt – nach ein paar schwierigen Wochen – immer besser ausfüllte. Umso bitterer ist die schwere Verletzung, die er durch das Foul von Johannes Geis erlitten hat. "Lateraler Bruch des Schienbeinkopfes und Riss des Außenmeniskus im linken Knie" lautete am späten Sonntagabend die genaue Diagnose, mit Hahn ist frühestens zum Beginn der Rückrunde zu rechnen, aber so genau weiß das keiner. Dr. Stefan Hertl streichelte dem am Boden liegenden Hahn liebevoll die Wange, nach dem Motto: "Alles wird gut, Junge!" Das ist dem 25-Jährigen natürlich von ganzem Herzen zu wünschen.

Fotos: Hahn muss nach rüdem Foul vom Platz getragen werden FOTO: dpa, fg hak

8. Geis stellt sich noch am besten an Fußballfans werden gesperrt nach körperlichen Auseinandersetzungen, Pyro-Aktionen oder Platzstürmen. "Grobe Unsportlichkeiten", wie sie auf dem Rasen geahndet werden können, gehören auf den Rängen mitunter dazu. Die "Auf Wiedersehen"-Rufe der Schalker Fans, als Hahn in die Kabine getragen wurde, haben die Toleranzgrenze aber deutlich überschritten. Am besten hat sich noch Übeltäter Geis angestellt mit seinem Facebook-Post und einem Anruf bei Hahn im Krankenhaus. Geschwiegen hätten besser Manager Horst Heldt ("Hat ihn nicht gesehen und ist dann mit seinem Standbein weggerutscht") und Stürmer Klaas-Jan Huntelaar, der sagte: "Der Frust spielt da schon mit."

9. 65 zu 25 In den sozialen Netzwerken fühlten sich viele Schalke-Fans verpfiffen von Schiedsrichter Wolfgang Stark. Tatsächlich war das Elfmeter-Foul von Dennis Aogo an Korb strittig und den Freistoß, der zum 2:1 führte, wollte Traoré etwas zu sehr. Unterm Strich stand dennoch ein verdienter Sieg für die Borussia, die das Spiel 65 Minuten lang im Griff hatte und damit nach Adam Riese deutlich länger als der Gegner. Zum ersten Mal seit neun Spielen gewann Gladbach unter Starks Leitung. Diese Statistik hatte zuvor wenig Mut gemacht. Dabei hielt eine andere Serie: Wann immer Stark den FC Schalke im Borussia-Park pfeift, gewinnen die Gastgeber.

Twitter-Reaktionen: "So ein Foul geht gar nicht!!!!"

10. Wiedersehen im DFB-Pokal Einem möglichen Aufschrei aufgrund konsequenter Bevorteilung der Borussia zu Hause gegen Schalke kann jedoch die generelle Bilanz der Königsblauen in den vergangenen Jahren entgegengesetzt werden. Um es kurz zu machen: Sie ist einerseits sehr dürftig. Andererseits hat Gladbach seit 1992 auch nur eins von 20 Spielen auf Schalke gewonnen. Man sieht sich am Mittwoch.

 

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