| 15.58 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Kruses Kampf gegen die Minuten und Lufthoheit mit 67

Fotos: Kickers Offenbach - Borussia Mönchengladbach
Fotos: Kickers Offenbach - Borussia Mönchengladbach FOTO: Dirk Päffgen
Zumindest einen Zähler hat Max Kruse mit seinem Elfmetertor gegen Offenbach auf Null gestellt. Der Job von Martin Stranzl und Roel Brouwers dreht sich im Wesentlichen um eine Null, nur durften sie das zuletzt fast nie gemeinsam zeigen. Und ein Mann namens Fabian Bäcker darf stolz sein auf eine Eins. Von Jannik Sorgatz

  • 1. 1572

Das Minutenzählen ist im Fußball eine nicht zu unterschätzende Disziplin, deren Verfechter sie lieben und deren Gegner einfach nur genervt sind. Zu diesen Gegnern zählen vor allem Stürmer, die von Mathematik-affinen Reportern daran erinnert werden, dass sie seit 520, 768, 1081 Minuten kein Tor mehr erzielt haben. Max Kruse ist in diesen Wochen und Monaten ein Sonderfall. Seine private Torlos-Uhr steht nach dem Sieg in Offenbach bei 38 Minuten, sie existiert also quasi gar nicht. Doch es läuft noch ein anderer Zähler, der nachweist, dass Kruse seit dem 18. Oktober 2014 oder eben seit genau 1572 Minuten nicht mehr aus dem Spiel heraus getroffen hat. Diese Reporter-Pedanterie wird er etwas besser verkraften können, wenn im Gegenzug seine Sicherheit vom Elfmeterpunkt gelobt wird. Offenbachs Keeper Daniel Endres war zwar mit den Fingerspitzen am Ball, konnte aber nicht verhindern, dass Kruse nun alle seine acht Elfmeter im Gladbach-Trikot verwandelt hat – zwei im DFB-Pokal und sechs in der Bundesliga.

  • 2. 3230

Kruses Treffer zum 1:0 war beinahe eine Sieggarantie für die Borussia. 23-mal ist sie in 36 Saisonspielen in Führung gegangen, 19-mal ging sie als Sieger vom Platz. Zusätzlich verlieh die Konstellation in der Innenverteidigung den Viertelfinal-Ambitionen Substanz. Martin Stranzl und Roel Brouwers gehören zu den wenig fehleranfälligen Vertretern ihres Fachs, was auch – aber nicht nur – mit insgesamt 67 Jahren Lebenserfahrung zu erklären ist. Addiert man Stranzls 2284 Einsatzminuten und die 946 von Brouwers, kommen 3230 zustande. Die Saison ist nur unwesentlich älter, was bedeutet, dass die beiden als Duo bislang selten zu haben waren. Spielt der eine nicht, spielt der andere. Von Beginn an gab es Stranzl und Brouwers noch gar nicht gemeinsam. In Hannover erledigten sie ihren Job mal eine Halbzeit lang souverän und ohne Gegentor. Jetzt durften sie zeigen, dass sie es auf ihre alten Tage auch doppelt so lang hinbekommen. Nur beim 1:3 gegen Frankfurt setzte Lucien Favre auf Tony Jantschke und Alvaro Dominguez – die sind insgesamt 18 Jahre jünger.

Einzelkritik: 3+ für Herrmann, 4- für Xhaka FOTO: dpa, ade jai
  • 3. Verstärkte Stärke

Bei allem Respekt: Dass die Borussia auf dem Bieberer Acker ein schnörkellos herausgespieltes Gegentor kassieren würde, war weitaus unwahrscheinlicher als ein Offenbacher Treffer nach einer Standardsituation. Elf Ecken holten die Gastgeber heraus samt einiger Abschlüsse, die ganz große Gefahr entstand nicht. Stranzl und Brouwers verstärkten mit ihrer Kopfballstärke eine Gladbacher Stärke in dieser Saison: Noch wartet der VfL auf ein echtes Eckball-Gegentor. Robin Knoche traf für Wolfsburg lediglich nach einer Flanke im Anschluss an eine Ecke. Überhaupt hat Yann Sommer nur zwei seiner 30 Gegentore per Kopf hinnehmen müssen, Sarajevos Puzigaca und Herthas Schieber trafen so. Damit litten die Underdogs aus Offenbach unter einem Kopfproblem, für das sie wenig konnten.

  • 4. 18 Jahre auf 19 Jahre

Verbunden fühlen sie sich immer noch, darauf lässt das Gespräch an der Mittellinie direkt nach dem Abpfiff schließen. Doch so richtig verbunden waren Patrick Herrmann und Fabian Bäcker am 16. Januar 2010, dem Tag ihrer Bundesliga-Debüts. In der 79. Minute des Spiels gegen den VfL Bochum kam der damals 18-jährige Herrmann für Filip Daems rein. Noch mit dessen Kapitänsbinde in der Hand flankte er in die Mitte, wo der 19-jährige Bäcker zum 1:2 einnetzte. Fünf Jahre später trennen die beiden drei Ligen und 149 Bundesliga-Einsätze. Fabian Bäcker ist ein Paradebeispiel dafür, dass das Debüt im Oberhaus und ein paar Spiele in der U20-Nationalmannschaft kein Garantieschein für eine Profikarriere sind. Allenfalls der Lebensunterhalt ist für ein paar Jahre gesichert, aber kein sechsstelliges Gehalt, wie es der jugendliche Flankengeber aus dem Bochum-Spiel heute monatlich überwiesen bekommt.

  • 5. Die seltsamen Fälle von Hahn und Bäcker

Die Lebensläufe von Fabian Bäcker und André Hahn wiederum haben etwas Benjamin-Button-haftes, sie entwickelten sich in entgegensetzte Richtungen. Beide sind Jahrgang 1990. Als Bäcker in der Bundesliga debütierte, weilte Hahn mit der zweiten Mannschaft des Hamburger SV in der Winterpause, kurz darauf wurde er aussortiert, weil man für ihn keine Perspektive sah. Drei Jahre vergingen, bis der Norddeutsche über die Stationen Oberneuland, Koblenz und Offenbach in Augsburg landete. Als Hahn in der Bundesliga debütierte, weilte Bäcker mit den damaligen Drittligisten Kickers Offenbach in der Winterpause.

Fotos: Offenbacher Müller verursacht "dämlichen" Handelfmeter FOTO: Screenshot Sky
  • 6. Legendäre Duelle plus eins

Anhand der Beziehung zwischen der Borussia und dem Bieberer Berg lassen sich ähnliche Geschichten erzählen. Die dpa verschickte am Dienstag sogar eine Übersicht mit dem Titel "Offenbach gegen Gladbach: Die legendären Duelle". Die vier genannten spielten sich allesamt im Stadion der Kickers ab, das in seinem alten Zustand sicher legendärer war als die Duelle zwischen Offenbach und Gladbach. 4:3 für die Hessen in der Saison 1974/75, Erwin Kostedde erzielt das "Tor des Jahres". 4:3 im letzten Bundesligajahr der Kickers 1983, beim VfL spielte Lothar Matthäus. 1:0 im DFB-Pokal 1989, einen Tag nach dem Mauerfall. Borussias Erfolg auf dem Weg zum Pokalsieg 1995 hat es gar nicht in die Aufzählung geschafft, sehr wohl aber das 7:1 im Mai 2008 – wenn auch nicht auf dem Weg zu einem Titel, sondern zum Wiederaufstieg in die Bundesliga.

  • 7. Mainz in klein und günstig

Damals prägten noch moosbewachsene Stehränge, Stahlrohrtribünen und Dixi-Klos das Bild. Wer heute auf den Bieberer Berg fährt, erkennt eine optische Entwicklung, die Parallelen zur sportlichen von Borussia Mönchengladbach aufweist. Vom Frühjahr 2011 an wurden die vier Tribünen sukzessive abgerissen und durch neue ersetzt, im Sommer 2012 war alles fertig. Dem Bau sieht man an einigen Stellen an, dass er 25 und nicht 40 Millionen Euro gekostet hat. Für Viertliga-Verhältnisse und Drittliga-Verhältnisse in spe ist der Bieberer Berg ein Schmuckstück, das an die Mainzer Arena erinnert, nur eben kleiner und günstiger. Der Gästeblock grenzt direkt an die legendäre Stehplatzgerade der Kickers, Pöbeleien nehmen keine großen Umwege. Nur namentlich hat sich der Bieberer Berg aus Sicht von Fußball-Romantikern nicht gemacht: Er heißt jetzt Sparda-Bank-Hessen-Stadion.

  • 8. Bilanz verbessert

Bis zum 1:0, das Offenbachs Markus Müller mit seiner Volleyball-Einlage auf den Weg brachte, dürfte es viele Wetteinsätze auf eine Verlängerung gegeben haben. Noch nach dem 2:0 verlieh Patrick Herrmann der Erleichterung Ausdruck, indem er den Gladbach-Fans mit der entsprechenden Handbewegung signalisierte: Basta, das war's, wird sind durch. Der Viertelfinal-Einzug bedeutet Borussias drittbestes Abschneiden im DFB-Pokal seit 2001.

  • 9. "Hauptsache Heimspiel"

20 Jahre sind vergangen, seitdem der Schlachtruf "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin" letztmals ein Fakt und kein Wunschdenken war. 2001, 2004 und 2012 gab es Niederlagen im Halbfinale. Jetzt will sich die Borussia die vierte Chance auf das Berlin-Revival ermöglichen, sie aber nicht wieder vergeigen. "Hauptsache Heimspiel" ist die Lieblings-Alliteration der Fans mit Blick auf die Auslosung am Sonntag um 18 Uhr in der ARD-Sportschau. Darauf wartet die Borussia schon wieder seit drei Jahren. Noch sind die ersten vier der Bundesliga im Rennen, dazu der Siebte, der Zehnte, der Siebzehnte und der Tabellenführer der Dritten Liga.

 
  • 10. "Denn es ist ein geil Verein"

Alvaro Dominguez hat Rücken. Und Alvaro Dominguez singt die "Elf vom Niederrhein". Und nun Bühne frei:

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