| 17.00 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Kruses Offenbarung und Historisches auf dem Servierteller

Einzelkritik: Kruse überragend, Herrmann stark, Wendt sehr gut
Einzelkritik: Kruse überragend, Herrmann stark, Wendt sehr gut FOTO: afp, dg
Max Kruse hat in Hoffenheim gezeigt, dass sein Wert für die Borussia über das Toreschießen hinausgeht. Sogar der Trainer des Gegners geriet ins Schwärmen. Kann ja mal passieren nach einer Leistung mit Seltenheitswert. Von Jannik Sorgatz

1. Kruse vor Herrmann Hätte die Fifa eine scheinbar deformierte Skulptur an den "Man of the Match" vergeben, wäre Patrick Herrmann wohl der Glückliche gewesen – so wie Mario Götze im WM-Endspiel von Rio, nicht Bastian Schweinsteiger oder Jerome Boateng. Im Maracana des Kraichgaus schoss Herrmann zwei Tore, wurde eines dritten beraubt und leitete eines mit einem zauberhaft-selbstbewussten Außenrist-Pass ein. Trotzdem muss er sich mit Platz zwei begnügen, weil in Sinsheim sowieso keine Skulpturen verteilt wurden und weil Kollege Max Kruse eine Leistung zeigte, die gemeinhin als Offenbarung bezeichnet wird. Denn der 27-Jährige – deshalb nennt man es wohl so – offenbarte, warum die Minutenzählerei seinen Qualitäten nicht ganz gerecht wird. 1854 Minuten ohne Tor aus dem Spiel sollten allenfalls im Hinterkopf behalten werden, Chronistenpflicht. Vordergründig geht es um Laufwege, die selbst den gegnerischen Trainer zu Lobeshymnen bewegen, und um Vorlagen genau in den Fuß des Mitspielers.

2. Auf Daems' Spuren Auch nicht zu verachten sind schlafwandlerisch verwandelte Elfmeter nach einer elendig lang Wartezeit. Viereinhalb Minuten vergingen zwischen den beiden Pfiffen von Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer. Der hatte in der 21. Minute zunächst für Verwirrung gesorgt, obwohl seine Geste in Richtung Punkt ja unmissverständlich war – nur ein Ausbuddeln und Hochhalten des Kreideflecks wäre eindeutiger gewesen. Hoffenheims David Abraham und Oliver Baumann wären sicher noch eine Sekunde länger ohne medizinische Versorgung ausgekommen, bis Herrmann den Ball ins Tor schob. Aber so erledigte Kruse das in der 26. Minute, zuverlässig wie immer. Es war sein neunter Elfmetertreffer im Gladbach-Trikot bei neun Versuchen. Rekordhalter Filip Daems blieb einst 18-mal makellos.

Fotos: Kruse cool vom Punkt trotz Wartezeit FOTO: afp, dg

3. Problemfaktor-Battle Es wäre zu leicht, Hoffenheims Rechtsverteidiger Andreas Beck als größte Schwachstelle der Unterlegenen zu benennen. Nichtsdestotrotz sind vier Gegentore, die über die Abwehrseite des Ex-Nationalspielers eingeleitet wurden, ein ernstzunehmendes Bewerbungsschreiben. Aber auch Becks Pendant auf rechts, der Südkoreaner Jin-Su Kim, mischte kräftig mit im Problemfaktor-Battle. Links durchstecken, hinter der Abwehr quer, reinschieben – das Erfolgsrezept, das Herrmann nach dem Spiel präzise erläuterte, benötigt immer auch die Unterstützung des Gegners. Gleich dreimal verlor Kim seinen Gegenspieler aus den Augen. Zweimal nur – was angesichts von bisher null Assists in dieser Saison aber richtig stark ist – war Oscar Wendt entscheidend beteiligt. Im neunten Spiel in Folge über 90 Minuten reicht das für Platz drei im "Man of the Match"-Ranking.

4. Gnadenlos effektiv Innerhalb von zehn Minuten drehte Gladbach das Spiel nicht nur, sondern setzte sich bereits vor der Pause ab. Einen derart schnellen Auswärts-Dreierpack gab es zuletzt im Oktober 2012 beim 3:2 in Hannover, als Alvaro Dominguez, Roel Brouwers und Juan Arango in neun Minuten einen Zwei-Tore-Rückstand wettmachten. Möglich machte das diesmal eine gnadenlose Effektivität: Die ersten drei Schüsse auf das Tor des Gegners waren drin, zum zwölften Mal in dieser Saison saß gleich der allererste. Von diesen Spielen gewann die Borussia zehn, spielte einmal Unentschieden und verlor nur in Augsburg. Das bedeutet im Umkehrschluss aber: Zu oft ließ der VfL zu viele Chancen liegen.

5. Schnell geantwortet Ein bisschen sind Kruse, Raffael und Co. aus der Übung. Vorne haben sie selbst 17-mal das 1:0 geschossen, dreimal fiel in 90 Minuten gar kein Tor, erst zum siebten Mal erhielten sie nun die Gelegenheit, einen 0:1-Rückstand zu drehen. Dass dieses Unterfangen erstmals seit dem 30. März 2014 (3:1 gegen den Hamburger SV) glückte, war vor allem der schnellen Antwort auf den Treffer von Sven Schipplock zu verdanken. Die ließ nur neun Minuten auf sich warten, die Hälfte der Zeit stand Kruse wartend am Elfmeterpunkt. Auswärts drehte die Borussia zum ersten Mal seit fast zwei Jahren eine Partie (damals 4:2 beim FSV Mainz 05).

Pressestimmen: "Der BVB ist für die Münchner kein Gegner mehr" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

6. Vielleicht noch Leverkusen, vielleicht noch Bremen Zweiter Auswärtssieg in Folge, Rückstand wettgemacht, vier Tore auf fremdem Platz geschossen – addiert man die Wartezeiten auf diese Ereignisse, erhält man das, was in der Regel als Seltenheitswert bezeichnet wird. Doch die große Sensation ist ja nicht das Ereignis an sich, sondert der Ort, an dem es stattfand: Im wettbewerbsübergreifend neunten Anlauf hat die Borussia ein Spiel bei der TSG Hoffenheim gewonnen. Was soll jetzt noch kommen? Ein Heimsieg gegen Bayer Leverkusen etwa (zuletzt 1989)? Oder ein Auswärtssieg bei Werder Bremen (zuletzt 1987)? Ja, vielleicht.

7. Gereizt in der Frühlingssonne Noch ist lediglich offen, ob Christoph Kramers Gelbe Karte auf der Dämlichkeits-Skala eine 9 oder doch die Höchstpunktzahl 10 erhält. Es waren 81 Minuten gespielt, es stand 4:1 aus Sicht seiner Mannschaft, als Kramer vom Hoffenheimer Kim angerempelt wurde und daraufhin kräftiger zurückrempelte – Kinhöfer zückte die fünfte Gelbe. Damit folgt jetzt die zweite Erwähnung des WM-Endspiels von Rio in diesem Text: Man sollte meinen, dass ein Spieler, der im Maracana die Schulter von Ezequiel Garay überlebt hat, in der Frühlingssonne von Sinsheim etwas besonnener reagiert. Jetzt fehlt Kramer am Samstag gegen Dortmund. November, 45 Meter, Eigentor – kein Wunder, dass die zynischen Kommentare nicht lange auf sich warten ließen.

8. Evolution seit 2012 Aber das war eine Randnotiz an einem für Gladbach rundum gelungenen Nachmittag. Nunmehr 50 Punkte nach 27 Spieltagen sind – auf die Drei-Punkte-Regel umgerechnet – die drittbeste Ausbeute seit 1984. Besser war es nur 1995 und 2012 mit je einem Zähler mehr. Vor drei Jahren unter Favre war am gleichen Spieltag die TSG Hoffenheim zu Gast, die Borussia verlor nach einer 1:0-Führung. Damals begannen die Gegner gerade, sich auf die überfallartigen Konter von Marco Reus und Co. einzustellen, sprich, sich hinten reinzustellen. Bis zum Saisonende gelangen nur noch zwei Siege in sieben Spielen. Im Frühjahr 2015 ist das Favre-Team in der Lage, die eigene Strategie durchziehen, unabhängig von der des Gegners. Auch in Hoffenheim gab es Phasen mit 70 bis 80 Prozent Ballbesitz, trotzdem fielen die Tore wie in München über Vertikalpässe die Linie runter.

Fotos: Kramer kassiert fünfte Gelbe für unnötigen Rempler FOTO: Screenshot Sky

9. Ein ganz normales Spitzenteam Nicht einmal vier Wochen ist es her, dass das Wort "Schneckenrennen" auch an dieser Stelle auftauchte. Nach 24 Spieltagen war die Borussia der Tabellendritte mit den wenigsten Punkten der vergangenen 20 Jahren. Drei Siege später gilt: Nach 27 Spieltagen hatten acht Mannschaften schon eine schlechtere Bilanz. 2001 wäre Gladbach mit 50 Zählern sogar Spitzenreiter gewesen. Leverkusen liegt im historischen Vergleich der Tabellenvierten noch besser, lediglich Schalke, Augsburg und Konsorten ziehen noch im Schneckentempo ihre Kreise. Das Endspiel ums direkte Champions-League-Ticket am 9. Mai nimmt Konturen an.

10. Noch Großes vor? Durch die Dortmunder Niederlage gegen den FC Bayern ist Gladbach jetzt das am längsten ungeschlagene Team der Liga. Platz 13 ist sicher – das mag absurd klingen, aber immerhin hat die Borussia in den vergangenen zwei Jahrzehnten neunmal schlechter abgeschnitten. Ein bisschen wird es noch dauern, bis Vergleiche dieser Natur aus der Welt sind. Mit einem Sieg gegen den BVB kann sich der VfL zum vierten Mal in die Folge die Einstelligkeit sichern. Angesichts der aktuellen Lage wäre ein Pokal-Aus in Bielefeld mehr als nur ein Wermutstropfen. Immerhin liegt nicht weniger als eine historische Saison auf dem Servierteller. "Jeder von uns sieht das Ziel vor der Nase, dass wir noch zwei Spiele haben, bis wir nach Berlin fahren können", sagte Max Kruse. "Wer da zusätzlich motiviert werden muss, ist fehl am Platz."

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