| 11.49 Uhr

Lars Stindl im Interview
"Das erste halbe Jahr war extrem"

Stindl erzielt erstes Champions-League-Tor für Gladbach
Stindl erzielt erstes Champions-League-Tor für Gladbach FOTO: dpa, ve sab
Mönchengladbach. Im Interview spricht Borussias vielseitiger Offensivspieler Lars Stindl über Borussias Situation, die Nationalmannschaft, sein historisches Tor und sein Lieblingsspiel der Vorsaison. Von Karsten Kellermann

Lars Stindl war in der vergangenen Saison die Nummer eins aller Stürmer in der Bundesliga – in der Packing-Rate. Kein Offensivspieler kam auf mehr überspielte Verteidiger. Und kein Bundesligaspieler spielte mehr Doppelpässe. Darüber und über andere Themen hat Karsten Kellermann mit ihm gesprochen.

Herr Stindl, Sie sind in Gladbach mitverantwortlich für die Tore. Nach dem EM-Aus des deutschen Teams wurde über die zu geringe Torausbeute diskutiert. Hätten Sie da helfen können?

Stindl Ich hätte es natürlich gern getan – aber es gibt ganz viele, die das gern getan hätten. Aber ich glaube, wenn sich Mario Gomez, der bei der EM groß aufgetrumpft hat, nicht verletzt hätte, hätten wir die Stürmerdiskussion nicht gehabt. Insgesamt finde ich, dass wir eine sehr gute EM gespielt haben. Es ist schade, dass wir es nicht ins Finale geschafft haben.

Dennoch: Ist die Nationalmannschaft ein gedankliches Thema für Sie?

Stindl Ich bin da echt völlig entspannt. Ich muss ja auch zugeben, dass ich ja auch nicht mehr zu den ganz jungen Talenten gehöre. Ich werde jetzt 28, von daher ist es wohl auch wegen des Altes schwer, nochmal reinzurutschen. Vielleicht denke ich nach meiner Karriere mal: Schade, ich habe was verpasst. Aber das, was ich erreicht habe, weiß ich schon richtig einzuschätzen. Ich bin einfach nur glücklich mit meiner aktuellen Situation und Borussia steht für mich ganz klar im Vordergrund.

Sie sind vor einem Jahr auch nach Gladbach gekommen, weil Ihnen die Emotionen hier gefallen. Hat sich das bewahrheitet?

Stindl (grinst) Am Anfang waren es ja sogar fast zu viele Emotionen. So hatte ich es mir nicht gewünscht, das erste halbe Jahr war sehr extrem mit dem schlechten Start und dem unglaublichen Turnaround. Aber da hat man auch gesehen, vor allem bei den Europapokal-Reisen, was für tolle Fans wir haben und was mit dem Klub möglich ist. Ich wollte ein Teil des Ganzen sein – das ist mir ganz gut gelungen.

Was ist das Besondere an den Spielen in der Champions League?

Stindl Es sind viele Kleinigkeiten, das das Ganz ausmachen: Die besondere Anstoßzeit, die Vorfreude, die schon in den Tagen zuvor steigt, man spielt gegen Topspieler, der mediale Hype, der dazu kommt, wenn man in der Champions League spielt. Früher kannte man das nur aus dem Fernsehen, jetzt konnten wir im Halbfinale sagen: Manchester City, dagegen haben wir auch gespielt und nicht schlecht ausgesehen.

Ihr Tor gegen Manchester City war das erste eines Borussen in der Champions League, also historisch. Ist Ihnen so etwas wichtig?

Stindl In dem Moment, in dem man das Tor macht, hat man das nicht auf dem Schirm. Aber wenn man darauf zurückschaut, ist es eine schön Randnotiz, dass man vielleicht für immer mit einem wichtigen Moment der Vereinsgeschichte verbunden sein wird.

Wäre es für Sie auch eine Randnotiz, Borussias Kapitän zu sein? Trainer André Schubert hat sich noch nicht entschieden, aber sie gehören zum von Ihm bestimmten Mannschaftsrat, sind also ein Kandidat. In Hannover haben Sie das Team dort im Abstiegskampf erfolgreich angeführt.

Stindl In Hannover hatte sich unser Kapitän Steven Cherundolo verletzt. So bin ich ein bisschen da reingerutscht. Ich habe mich reingekämpft in die Aufgabe und konnte das Kapitel Gott sei Dank auch positiv beenden. Aber hier ist es anders. Es gibt eine ganze Reihe von Spielern, die ihre Meinung haben und sie kundtun. Ich tue das auch und möchte auch Verantwortung übernehmen. Aber für das Amt des Kapitäns kommt schon der eine oder andere eher infrage und würde auch besser passen.

Aber Sie würden nicht ablehnen, wenn André Schubert Ihnen das Amt anträgt?

Stindl Wenn es so ist, würde ich mich mit dem Thema auseinandersetzen. Ich habe dazu meine Meinung und ich werde dem Trainer diese dann auch sagen. Grundsätzlich glaube ich aber, dass es den einen oder anderen gibt, der es sehr gut machen würde. Aber letztlich entscheidet der Trainer.

Sie brauchen die Binde nicht, um Führungsspieler zu sein?

Stindl Schon durch mein Alter und meine Erfahrung habe ich ein gewisses Standing im Team. Das hat auch etwas mit Respekt zu tun. Als älterer Spieler sollte man immer etwas mehr Einfluss nehmen.

Sie schießen ebenso viele Tore wie Sie den anderen auflegen. Sagt diese Statistik, dass Sie ein mannschaftsdienlicher Stürmer sind?

Stindl Wir haben sehr viele mannschaftsdienliche Spieler. Raffael zum Beispiel hat eine zweistellige Tor- und Assist-Bilanz. Da sieht man, dass es den Stürmern nicht nur auf Tore ankommt, sondern dass sie immer bemüht sind, mitzuspielen. Sicher kommt uns zu Gute, dass wir sehr variabel sind. Raffa ist ein Ausnahmespieler, aber drum herum haben wir viele, die es auch gut draufhaben. Jeder hat da ganz unterschiedliche Fähigkeiten. Darum sind wir schwer ausrechenbar. Das ist ein Vorteil.

Wurde der Kader mit den Neuverpflichtungen nochmal breiter gemacht?

Stindl Ich glaube schon. Es sind ja nicht nur neue Spieler dazu gekommen, sondern auch die wieder da, wie verletzt waren. Wir haben eine sehr hohe Qualität im Kader – aber die brauchen wir auch, da wir in allen drei Wettbewerben den größtmöglichen Erfolg wollen. Da gibt es auch immer mal schwierige Phasen, wo man auch mal etwas personell ändern muss. Dafür haben wir den breiten Kader mit einem gesunden Konkurrenzkampf, der die Leistung hoffentlich auch vorantreibt.

Der Start hat es gleich in sich.

Stindl Es kommt bei uns zu Beginn ganz dicke. Die Champions-League-Play-offs vor dem Ligastart sind gleich ein Härtetest, da wird es von Null auf Hundert losgehen. Dann haben wir Leverkusen zu Hause, auch ein Topspiel. Dann spielen wir in Freiburg, die schon ewig darauf brennen, wieder in der Bundesliga zu spielen, in Leipzig wird das noch mehr so sein. Es ist ein schwieriges Programm. Aber wir müssen eh gegen alle spielen und schauen, was dabei rumkommt.

Vermuten Sie, dass die Erwartungshaltung der Fans nach Platz drei und vier in den letzten beiden Spielzeiten gewachsen sind?

Stindl Ich glaube, die Leute in Gladbach können das schon ganz realistisch einschätzen. Sie sind ehrgeizig, haben aber auch andere Zeiten erlebt und diese nicht vergessen. Natürlich wecken die Erfolge der vergangenen Jahre Erwartungen, und jeder, auch wir Spieler, hat den größtmöglichen Ehrgeiz. Aber es ist ein gesundes Zusammenspiel von Anspruch und Wirklichkeit. Andere Teams haben noch mehr Möglichkeiten, aber auch wir sind sehr gut aufgestellt, auch Management und Präsidium machen einen guten Job – darum bin ich sehr positiv gestimmt für die neue Saison. Die Fans werden uns nicht hemmen in dem, was wir vorhaben, sondern unterstützen.

Was für eine Art Fan wäre Lars Stindl? Einer, der in der Kurve steht, vielleicht ein Ultra sogar? Oder eher der Analytiker?

Stindl Zu Beginn meiner Karriere wäre ich ein sehr emotionaler Fan gewesen. Jetzt wäre ich eher ein Genießer, ein Fan, der sich zwar auch für Emotionalität, aber auch für Systematik und Strategie interessiert, der das große Ganze sieht.

Was würde den Fan Lars Stindl am Gladbacher Spiel erfreuen?

Stindl Wir haben sehr viele Facetten gezeigt. Es gab viele Spiele, in denen wir sehr dominant und kontrolliert waren, in denen wir unser Positionsspiel gespielt haben und Torchancen herauskombiniert haben. Es gab klar Siege. Der Sieg gegen die Bayern war natürlich ein besonderes Spiel, weil wir zwar erst Glück hatten, dann aber taktisch überzeugt haben. Auch sonst haben wir gegen die Großen spielerisch dagegen gehalten. Aber wir hatten auch Spiele, wie das gegen Darmstadt. Das war für mich sensationell, als wir in Unterzahl das Spiel noch gedreht haben. Da ging es nicht um das Spielerische oder Taktische, sondern da haben wir wirklich Darmstadt über den Kampf mit seinen eigenen Mitteln geschlagen. Das war uns damals ganz hoch anzurechnen, in dieser Phase: wir mussten uns noch finden, hatten viel Aufwand betrieben, hatten vorher eine sehr schlechte Woche und lagen dann mit einem Mann weniger 1:2 hinten. Das nochmal auf kämpferische Art umzubiegen – das war wirklich sensationell.

Was das Ihr Lieblingsspiel der vergangenen Saison?

Stindl Ich könnte jetzt sagen Bayern oder Juventus oder City. Das waren schon tolle Spiele, ja. Aber emotional war das Heimspiel gegen Darmstadt das beste Spiel für mich.

Übrigens: Wie fühlt man sich als ein Packing-König der Bundesliga?

Stindl (lacht) Das Thema ist ja im Sommer durch die EM ein bisschen gehypt worden. Die Kollegen Reinartz und Hegeler sind mal mit einer neuen Sicht an die Sache rangegangen und ich glaube, dass es schon richtig ist, nicht nur aufgrund von Ballbesitz ein Spiel zu analysieren. Da muss man sicher etwas mehr ins Detail gehen, das wird beim Packing gemacht. Ich finde es interessant. Aber entscheidend ist am Ende doch, Spiele zu gewinnen. Das muss man immer wissen.

Was für eine Statistik nehmen Sie sich für die neue Saison vor?

Stindl Ich nehme mir nichts vor, das habe ich nie getan. Ich hoffe, im ersten Pflichtspiel auf dem Platz zu stehen, will wieder meine Leistung bringen und erfolgreich mit dem Team sein. Ich denke, wir fahren alle am besten, wenn wir als Mannschaft zusammen agieren.

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