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Borussia Mönchengladbach
Favre muss Borussia zum sechsten Mal neu erfinden

Welcher Trainer fliegt zuerst?
Welcher Trainer fliegt zuerst? FOTO: dpa
Mönchengladbach. Der Schweizer steht einmal mehr vor der Aufgabe, eine Fohlenelf neu zu justieren. Dass er es kann, hat er bei verschiedenen Ausgangslagen nun schon fünf Mal bewiesen. Von Stefan Klüttermann

Viel Arbeit wähnt Lucien Favre immer vor sich. Ob seine Mannschaft nun gerade 4:0 gewonnen oder 0:4 verloren hat. Es gilt schließlich für Borussias Trainer, das nächste Spiel vorzubereiten. Und das ist aus seiner Sicht eben vor allem eins: Viel (Detail-)Arbeit. Nun hat das 0:4 von Dortmund den Vorteil, dass Favre gar nicht mal so sehr ins Detail gehen muss, um den Seinen Fehler und Lösungsansätze aufzuzeigen, denn das, was Borussia beim BVB falsch gemacht hat, war auch für Laien ziemlich offensichtlich. In jedem Fall aber ist in Gladbach nach dem missglückten Saisonauftakt die Erkenntnis floriert, dass Favre in seiner sechsten Saison zum sechsten Mal eine neue Borussia erfinden muss. "Wir müssen schnell lernen. Wir müssen auch jetzt wieder eine neue Mannschaft aufbauen", sagt Sportdirektor Max Eberl.

Es waren diesmal zwar "nur" zwei Abgänge zu verzeichnen, aber Max Kruse und Christoph Kramer waren eben Balance-Garanten in Offensive und Defensive. Ohne sie fehlt nun noch die Balance, dieses Austarieren zwischen Wagnis und Sicherheit, zwischen Agieren wollen und Absichern müssen. Dass Favre diese Balance wieder hinbekommt, daran hat in Gladbach kaum einer Zweifel. Schließlich hat der Schweizer diese Aufgabe bislang noch immer gelöst, und dabei war - das ist vielleicht das Entscheidende - die Ausgangslage zur Neujustierung bislang in jeder seiner Borussen-Spielzeiten eine anders-knifflige.

Schulz trainiert erstmals mit Borussia FOTO: Dieter Wiechmann

Als Favre Borussia in der Rückrunde 2010/11 auf Rang 18 übernahm, ging es darum, von jetzt auf gleich dem vorhandenen Spielermaterial ein passenden System zu verordnen. Favre tat genau dies, er stabilisierte die Defensive, er beorderte Juan Arango zurück in die Startelf, baute zügig Tony Jantschke und dann auch Marc-André ter Stegen ein. Das Vertrauen in das eigene Tun wuchs bei den Spielern zusehends, der Klassenerhalt stand am Ende als Ziel.

2011/12 entwickelte Favre auf Basis dieser Arbeit seine Borussia zu einem Team weiter, das aus einer quasi unüberwindlichen Defensive mustergültig konterte. Seine wegweisendste Entscheidung dahingehend: Er funktionierte einen gewissen Marco Reus zum Stürmer um. Nach dem Abgang von Reus, Dante und Roman Neustädter wurde 2012/13 absehbar ein Konsolidierungsjahr. Es war eine Saison, in der auch Favre Zeit brauchte, um die richtigen Ansätze für eine Neujustierung zu finden. Er musste mit seiner Elf weg von der reinen Kontermannschaft, er baute irgendwann Thorben Marx als Stabilisator wieder ein. Er experimentierte viel mit den vorhandenen, ähnlichen Stürmern, schließlich spielte auch Patrick Herrmann Stürmer.

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2013/14 hielt mit den Neuzugängen Max Kruse und Raffael offensiv wieder mehr Spielkultur Einzug. Borussias Spiel wurde variabler, Christof Kramer avancierte zum besseren Neustädter, die Balance im Spiel wuchs merklich, die Reife im Spiel ebenso. Darauf aufbauen formte Favre schließlich 2014/15 mit neuen schnellen Außenstürmern und um einen gereiften Granit Xhaka herum Borussia zu einer dominanten wie variablen Ballbesitzmaschine, die bis auf Rang drei vorstieß.

Favre hat also nachgewiesen, dass er beides kann: eine Mannschaft weiterentwickeln, die funktioniert, aber eben auch eine Mannschaft neu auszubalancieren, die nach Abgängen neu justiert werden muss. So wie jetzt. Einer, der dabei sehr wertvoll sein kann, trainierte gestern wieder mit der Mannschaft: Kapitän Martin Stranzl.

Quelle: RP
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