| 16.42 Uhr

Borussia Mönchengladbach
"Magic Johnson" und ein Fall für zwei

Johnson trifft kurz vor Schluss zum 3:3 in Hoffenheim
Johnson trifft kurz vor Schluss zum 3:3 in Hoffenheim FOTO: afp, agz
Sollte bei der Borussia irgendwann wie in der NBA der "wertvollste Spieler", also der MVP, gekürt werden, bahnt sich ein enges Abstimmungsergebnis an. Ein unterschätzter Kandidat drängt sich langsam auf. An Lars Stindl und Raffael müsste Fabian Johnson trotzdem erst einmal vorbei. Von Jannik Sorgatz

1. Hinten rückfällig
Zum ersten Mal in dieser Saison hat die Borussia in drei Bundesligaspielen hintereinander keinen Elfmeter verursacht. Somit blieb in Hoffenheim statt eines Vierklangs nur der Dreiklang des Torekassierens, der stark an die Krise des Spätsommers erinnerte: Ein Treffer fiel nach einer Ecke, dann wurde der Gegner nicht ausreichend bedrängt und nach der Pause kam die Vorlage von einem Gladbacher, in diesem Fall Lars Stindl. Vor ein paar Monaten war die Lösung nahelegend und wurde unter André Schubert gut umgesetzt: besser konzentrieren bei Standards, enger decken, Fehler abstellen. Beherzigt das die Borussia gegen die Bayern, erscheint ein defensives Debakel unwahrscheinlich – aber das galt am Samstag vorab auch für drei Gegentore in Hoffenheim.

2. Mit Moral und Fitness
In 14 Pflichtspielen unter Schubert gab es 15 Gegentore und überhaupt erst vier, die nicht nach Standards fielen. So betont eine Schwäche eine Stärke, aus dem Spiel heraus geht wenig für den Gegner. Da es in Hoffenheim mal anders aussah, kam eine herausragende Moral nach dem Zwei-Tore-Rückstand zum Tragen, zudem spielte die Fitness bei der Aufholjagd eine entscheidende Rolle, sodass das Urteil "gefühlter Sieg" beim Tabellenletzten nicht einmal von übertriebener Demut zeugte.

3. Drmic wie De Jong im Konjunktiv
Einige Umstände passten überhaupt nicht ins Schema der vergangenen Wochen, wozu allein schon die Tatsache zählte, dass Josip Drmic in der Startelf stand. Scheinbar typisch war dagegen seine Leistung in der ersten Halbzeit mit gerade einmal 18 Ballaktionen auf der rechten Seite und einer Roger-Schmidt-Gedächtnis-Passquote von 67 Prozent. Dann passierte es nach der Pause: Drmic kam im Zentrum frei zum Kopfball und erzielte eines dieser Luuk-de-Jong-Tore, von denen der Niederländer 15 pro Saison erzielt hätte, wenn solche Flanken im System von Lucien Favre vorgesehen gewesen wäre. Das ist ganz schön viel Konjunktiv, ganz real war Drmics Premierentor.

4. Ein Fall für zwei
Unter Schubert hat die Borussia 34 Tore erzielt. Stindl (6 Tore/5 Vorlagen) und Raffael (7/8) haben in dieser Zeit 26 Scorerpunkte gesammelt, weshalb die Annahme naheliegt, dass selten etwas ohne die beiden geht. Lediglich in zwei Spielen seit dem Favre-Rücktritt war keiner der beiden an einem Tor beteiligt – beim 0:0 in Turin und beim 0:0 gegen Ingolstadt. Diesmal bekamen Mahmoud Dahoud und Fabian Johnson das mit dem ersten Tor noch alleine hin, dann legte Stindl sogar Hoffenheims 3:1 auf und bereitete den Anschlusstreffer der Borussia vor. Zu guter Letzt hatte Raffael mit seinem Pass auf Johnson den Fuß im Spiel.

5. Bronze für den Ball
Ein 26-Jähriger muss die 100 Meter beim Deutschen Sportabzeichen in 14,8 Sekunden zurücklegen. So alt war der Spielball in Hoffenheim nicht, dafür im Schnitt die sieben Borussen, die ihn über diese Distanz in der geforderten Zeit vom eigenen Strafraum ins Tor beförderten. Wie der Ball nach der Eroberung von Christensen über Xhaka, Nordtveit, Wendt, Stindl, wieder Xhaka und Raffael zu Johnson gebracht wurde, war lehrbuchmäßig. Die Taktik- und Statistik-App "Stats Zone" macht aus solch schönen Toren manchmal digitale Kunstwerke:

6. "Magic Johnson"
Die Schubert-Tabelle hat es am Samstag bis ins ZDF-Sportstudio geschafft – sieht natürlich imposant aus, wie die Borussia den Bayern scheinbar auf den Fersen ist und einen riesigen Vorsprung auf den Dritten hat. Von einer Johnson-Tabelle kann Fabian Johnson nur träumen, doch sie würde ein ähnliches Bild abgeben. Seit der US-Amerikaner im Sommer 2014 an den Niederrhein gewechselt ist, hat er in der Bundesliga 25 Mal von Beginn an gespielt. Dabei gab es 18 Siege, sechs Unentschieden und nur eine Niederlage beim 0:4 in Dortmund Mitte August.

7. Dahoud und Kramer im Vergleich
Nach dem Sevilla-Spiel haben wir einen genauen Blick auf die Statistiken von Lars Stindl aus dieser und Max Kruse aus der vergangenen Bundesliga-Saison geworfen. Im Sommer war an diesen Vergleich noch nicht zu denken gewesen, genauso wenig an das Nachfolger-Vorgänger-Pärchen Mahmoud Dahoud und Christoph Kramer. Gladbachs Youngster im Mittelfeld bereitete am Samstag das 1:0 mit einem Traumpass vor, wurde aber kurz nach der Pause geopfert, weil Schubert offensiv wechselte und Dahoud schon verwarnt war. Die Zahlen (jeweils auf 90 Minuten gerechnet) zeigen, dass er deutlich angriffslustiger agiert als Kramer, etwas mehr läuft, aber defensiv noch das Nachsehen hat:

  • Dahoud: 86% Passquote, 126 Min. pro Scorerpunkt, 71 Ballkontakte, 1,2 abgefangene Bälle, 0,7 Torschussvorlagen, 1,5 Torschüsse, 50% gew. Zweik., 12,94 km
  • Kramer: 87% Passquote, 627 Min. pro Scorerpunkt, 80 Ballkontakte, 2,4 abgefangene Bälle, 0,8 Torschussvorlagen, 0,4 Torschüsse, 52% gew. Zweik., 12,70 km

8. Zettel-André
Nico Elvedi für Julian Korb – das ist, ohne beiden zu nahe zu treten, im Normalfall kein Wechsel, der Aufsehen erregt. Da Schubert und sein Trainerteam in der 80. Minute jedoch auf Dreierkette umstellten, hielten sie die Hereinnahme des jungen Schweizers selbst für so aufsehenerregend, dass Elvedi je einen Zettel an Stindl und Xhaka übergab, einen dritten bekam Wendt direkt von Schubert überreicht. Sieben Minuten später flipperte der Ball dann tatsächlich im neuen 3-4-3 von Station zu Station, so dass lediglich Hazard vorne links, Hrgota im Zentrum und Briefträger Elvedi nicht am 3:3 beteiligt waren.

9. Schuberts Credo
Es ist schwierig, das Besondere an Schuberts Auftritt im "Sportstudio" zu benennen. Zunächst einmal kam der Nicht-mehr-Interimstrainer sympathisch rüber, der kleinste gemeinsame Nenner ist ja nicht unwichtig. Schubert umriss noch einmal sein Credo, das schon oft den Eindruck erweckt hat, er wolle gar kein Bundesligatrainer sein. "Ich war selber nicht Profi", erklärte Schubert, "und ich habe für mich immer ein Berufsziel im Leben gehabt: im Fußball arbeiten zu dürfen, auf einem möglichst guten Niveau." Und das sei ja auch schon bei der U23 oder der U15-Nationalmannschaft gegeben gewesen. Typisch Schubert war, wie er die Sven-Voss-haftigkeit des Sportjournalismus abschüttelte, als eben jener Voss zum gefühlt sechsten Mal auf die Zettel-Übergabe einging. "Elvedi hat das gut gemacht als Postbote", meinte der Moderator. "War jetzt auch nicht so schwer", antwortete Schubert nüchtern.

10. Ein Trainer fürs ZDF
Und nach einigem Überlegen fällt es einem dann ein: Lucien Favre war als Gladbach-Trainer nie zu Gast im "Sportstudio", allein Schuberts Anwesenheit im Studio bemerkenswert. Noch eine Woche vor Favres Rücktritt hatte Sportdirektor Max Eberl zum wiederholten Mal auf Mainzer Lerchenberg gesessen und von Raufereien mit seinem Hund erzählt. Dante war in den vergangenen Jahren da, Granit Xhaka war da, Favre jedoch nur als Hertha-Trainer, zuletzt im April 2009. Damals sorgte er für Aufsehen, mehr Favre geht eigentlich nicht, als er nach seinem Auftritt im Publikum auf einem Zettel den Trainingsplan für den nächsten Tag notierte.

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