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Borussia Mönchengladbach
Mannschaftsfoto als Zeichen der Kontinuität 
Bundesliga 13/14: Borussia beim offiziellen Fotoshooting
Bundesliga 13/14: Borussia beim offiziellen Fotoshooting FOTO: Hans-Peter Reichartz
Mönchengladbach. Drei Reihen, 25 Spieler – Borussia Mönchengladbachs neues Mannschaftsfoto ist im Kasten. Unser Autor findet: Diese Bilder sind eine Wissenschaft für sich. Und natürlich auch ein kleines bisschen Kunst. Von Jannik Sorgatz

Es gibt zwei Disziplinen, mit denen man sich dem Phänomen der Mannschaftsfotos beim Fußball nähern kann: die Statistik und die Kunstwissenschaft. Letzteres liegt vor allem daran, dass Mannschaftsfotos der Picasso, der Chagall, der Monet der Fans sind. Sie schaffen es in Büros (sowohl in kleine als auch große), in Kinderzimmer (manchmal sind die Kinder auch schon etwas größer) und in Sportredaktionen (Größe beliebig). Davon können die großen Maler nur träumen.

Das Haltbarkeitsdatum ist mit Ablauf einer Saison erreicht. Danach merkt jedes einigermaßen geschulte Auge, dass es alt ist. Wer will im Jahr 2013 schon noch Kahe an der Wand hängen haben?

Was die reinen Zahlen angeht, bestechen Mannschaftsfotos bei Borussia Mönchengladbach durch Eintönigkeit. Sportdirektor Max Eberl würde wohl darauf bestehen, dass die Bilder lediglich die oberste Gladbacher Prämisse widerspiegeln: Kontinuität. Bei genauerem Hinsehen nimmt die Kontinuität in dieser Hinsicht fast schon erschreckende Züge an.

Drei Reihen auf dem Foto sind heutzutage noch etablierter als die Viererkette auf dem Platzt – eine Reihe sitzt auf Bierbänken, die zweite steht normal, die dritte auf einer Bierbank. Schalke 04 setzt dieses Jahr auf vier Reihen, was zum einen die Frage aufwirft, ob dort demnächst mit Dreierkette gespielt wird, und zum anderen, ob in der letzten Reihe zwei Bierbänke übereinander stehen.

Dafür glänzt das Schalker Bild durch Symmetrie. In Gladbach scheitert das nun, statistisch gesehen, schon im dritten Jahr hintereinander an der ersten Reihe, wo auf der einen Seite der Torhüter zwei Spieler Platz nehmen, auf der anderen Seite drei. Statistisch gesehen könnte Lucien Favre da seine perfektionistischen Finger im Spiel haben.

Younes wechselt die Reihe

Dr. Heribert Ditzel fehlte im vergangenen Sommer, ist jetzt wieder da. Ansonsten hat sich beim Trainer- und Betreuerteam auf dem Foto nichts getan. Und auch bei den Spielern gibt es nur eine einzige Änderung, die nicht mit Zu- und Abgängen zusammenhängt. Amin Younes ist in die erste Sitzreihe gewechselt. Dem Dramaturgen dieses Stücks fußballerischer Zeitgeschichte dürfte der Philipp-Lahm-Effekt aufgefallen sein. Man kennt ihn von Länderspielen, wenn sich der Kameramann beinahe einen Hexenschuss holt, weil er nach Manuel Neuer so weit zum DFB-Kapitän runterschwenken muss.

Für Anarchie ist leider kein Platz mehr. Legendär: Im Jahr 2000 posierte Thorsten Legat mit bis unter die Achseln hochgezogener Hose auf dem Schalker Mannschaftsfoto. Ein Duisburger Amateurfußballer wurde vor fünf Jahre für zehn Spiele gesperrt, weil er vor den Kameras der Lokalpresse Werbung in intimer Sache betrieb – und seinen Penis entblößte. Wobei das wohl unter Pornografie als unter Anarchie zu verbuchen ist.

Mittlerweile hat sich eine Werbebande mit möglichst vielen Sponsoren eingebürgert, die das Mannschaftsfoto zwar künstlerisch nicht aufwertet, aber eine Seuche der 90er gelindert hat. Damals versteckten sich unzählige Koffer mit Werbeaufdruck auf den Bildern. Wobei die Verantwortlichen mit ihrer Ansicht, dies geschehe durchaus dezent, ziemlich alleine waren.

Vogts und der Uefa-Pokal

Seit dem Umzug in den Borussia-Park regiert in Mönchengladbach also die Eintönigkeit. Einmal ging es nach draußen vor einen Fangzaun. Nur sind Fangzäune noch weniger inspirierend als eine leere Osttribüne. Zu Bökelberg-Zeiten sah der Hintergrund aus architektonischer Sicht zwar trister aus. Dafür wurde Berti Vogts 1975 aber zum Beispiel beinahe vollständig vom Uefa-Pokal verdeckt. Wolfgang Kleff hatte vor seinen Füßen die Meisterschale stehen.

Damals gab es auf den Mannschaftsfotos übrigens nur zwei Reihen. Bierbänke existierten noch nicht. Ab Ende der 70er paarten sie sich dann mit der Marotte, kriegerisch die Arme zu verschränken. Dazu herrschte offenbar Schnäuzerpflicht. Deshalb darf es nächstes Jahr, der Abwechslung zuliebe, gerne heißen: Bänke weg, Arme kreuzen und wachsen lassen.

Quelle: seeg