| 11.43 Uhr

Max Eberl im Interview
"Bei uns ist die Luft nach oben dünner geworden"

Das ist Max Eberl
Das ist Max Eberl FOTO: dpa, mb tba
Mönchengladbach. Borussias Manager spricht über die Tücken eines Derbys, sagt, warum sich der Vertrag von Nico Elvedi verlängert hat und erklärt, wie er angesichts des unruhigen Transfermarktes den Kader plant. Von Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz

Herr Eberl, mussten sich Borussias Fans Sorgen machen, dass am Sonntag beim Derby in Köln überhaupt elf Spieler auf dem Platz stehen? Es gab viele Wechselgerüchte.

Max Eberl Es ist ja auch ein Ausdruck von Qualität, wenn unsere Spieler bei großen Vereinen im Gespräch sein sollen. Es wird eben in den Transferperioden extrem viel spekuliert. Aber ich kann alle beruhigen: Wir werden für die Rückrunde und für das Derby einen Kader haben, der ausreicht von der Anzahl der Spieler und auch von der Qualität.

Thorgan Hazard ist einer der Top-Spieler. Dass sich um ihn Gerüchte ranken, liegt auf der Hand. Aber ist er nicht auch ein Spieler, um den herum man ein Team der Zukunft aufbauen könnte?

Eberl Langfristige Planungen sind im Fußball heute fast unmöglich. Aber eine gewisse Mittelfristigkeit möchte man schon erreichen. Was das angeht, haben wir uns in den vergangenen Jahren entwickelt. Wir haben nicht mehr nach nur einer Saison die Gefahr, dass uns ein Topspieler wieder verlässt. Thorgans Vertrag haben wir schon vor längerer Zeit bis 2020 verlängert. Er hat sich gut entwickelt, ist aber mit seinen 24 Jahren nicht fertig. Natürlich will ich Kontinuität und würde gern um Spieler wie Thorgan herum langfristig einen Kader planen – aber ich muss auch realistisch sein: Wir sind nicht frei von den Entwicklungen, die der Markt macht. 

Sieht man das auch am Beispiel Denis Zakaria? Er hat eine starke Hinrunde gespielt als Newcomer. Muss man um ihn schon im Sommer bangen?

Eberl Gefühlt zumindest schon, das ist richtig. Wenn es ein junger Spieler heute gut macht, wird er noch schneller als früher mit den Topvereinen in Verbindung gebracht. Vieles ist aber spekulativ – und mittlerweile ist es auch so, dass sich die Spieler viele Gedanken darüber machen, was der nächste sinnvolle Schritt für die Karriere sein kann. Junge Spieler schauen nicht nur auf große Namen, sie wollen auf hohem Niveau viele Einsätze bekommen, um die nächsten Schritte zu gehen und danach vielleicht den ganz großen Traum zu verwirklichen. In diese Nische passen wir als Borussia. Wir wollen Erfolg und haben in den letzten Jahren auch richtig etwas bewegt.

Die Planung eines Kaders muss aber weit früher erfolgen als in früheren Zeiten?

Eberl Wir haben eine stabile Planung mit klaren Vertragssituationen. Darum können wir einigermaßen entspannt in den Sommer gehen. Wenn es natürlich Angebote in unglaublichen Größenordnungen gibt, müssen wir uns auch mal tief in die Augen schauen und überlegen, was wir tun. Aber grundsätzlich ist unser Kader für die nächsten Jahre angelegt.

Borussia ist in der Transfer-Nahrungskette nach oben gerutscht.

Eberl Wir haben uns in den vergangenen Jahren so entwickelt, dass wir zum einen für Spieler wie Denis Zakaria interessant geworden sind. Es war ja eine große Aufgabe, Andreas Christensen und Mo Dahoud zu ersetzen. Aber wir haben es mit Denis und Matthias Ginter geschafft, zudem gibt es mit Michael Cuisance eine große positive Überraschung. So haben wir die Lücken im Mittelfeld und in der Abwehr schließen können. Die Preise steigen aber, es gibt mehr Konkurrenz für Klubs wie uns. In meinen Augen gibt es weltweit nur sechs bis acht Vereine, bei denen sich die Nahrungskette zuspitzt.

Die da wären? Gehört Borussia Dortmund noch dazu?

Eberl Nein, Dortmund schon nicht mehr. In Deutschland ist es für mich nur der FC Bayern, in Frankreich ist es PSG, in Spanien Real und Barca, in England sind es ManCity und Manchester United, bei Chelsea und Liverpool fange ich auch schon an zu zweifeln. Vielleicht kann man noch Juve dazu nehmen. Aber alle anderen haben doch dasselbe Problem: Wenn die ganz Großen kommen, wird es eng.

Wo würden Sie Gladbach in Deutschland einordnen?

Eberl Bei uns ist die Luft nach oben dünner geworden. Als wir noch in anderen Tabellenregionen waren, waren es Vereine wie Werder Bremen oder Hannover 96, der HSV oder Stuttgart, die uns Spieler weggeholt haben. Da ist, meine ich, die Gefahr kleiner geworden. Gegen Klubs wie Barcelona, Arsenal oder Chelsea haben wir dagegen relativ wenig Chancen. Aber wenn wir uns in interessanten Tabellenregionen bewegen und das Gesamtpaket passt, sind wir interessant für die Spieler. Wenn es aber nur noch um viel Geld geht und darum, immer in der Champions League zu spielen, wird es schwierig für uns, mitzuhalten.

Das Wort Ausbildungsverein mögen Sie nicht. Wie darf man Gladbach nennen?

Eberl Wir sind der Verein mit eigenen großen Ambitionen, bei dem im Erfolgsfall für den Spieler der nächste Schritt möglicherweise zu einem Weltklasseklub führt.

Die Summen, die auf dem Transfermarkt unterwegs sind, sind extrem. Haben Sie sich trotzdem schon daran gewöhnt?

Eberl Man hat ganz sicher eine andere Umrechnungstabelle als noch vor fünf bis acht Jahren. Aber wenn auf der einen Seite die Summen explodieren, werden auf der anderen Seite auch die 45 Millionen Euro, die wir für Granit Xhaka bekommen haben, für uns mal fallen. Insgesamt machen aber Transfers wie der von Virgil van Dijk, der 65 Premiere League-Spiele hat und 85 Millionen Euro kostet, alle anderen Transfers viel schwieriger.

Die WM im Sommer, bei der ja einige Borussen dabei sein könnten, macht Ihnen kein Kopfzerbrechen?

Eberl Nein, weil wir vertraglich langfristig aufgestellt sind. Auch da gilt: Wenn, dann reden wir über außergewöhnliche Dinge. Zahlen möchte ich aber nicht in den Mund nehmen. Wir sprechen ja inzwischen über 70 oder 80 Millionen, als ob es nichts wäre, das darf nicht sein, da sollten wir uns alle etwas zügeln. Ich würde mich freuen, wenn unsere Jungs bei der WM gut spielen, mit ihren Nationalmannschaften erfolgreich wären und auf sich aufmerksam machen würden. 

Trotzdem: Ein Spieler wie Nico Elvedi könnte mit ein paar WM-Minuten dann doch Begehrlichkeiten wecken. Sein Vertrag endet 2019.

Eberl Auch da bin ich entspannt. Durch seine Einsätze hat sich sein Vertrag inzwischen bis 2020 verlängert. Trotzdem habe ich ihm signalisiert und auch schon mit seinem Berater darüber gesprochen, den Vertrag zu verlängern. Ich hoffe, dass das relativ zeitnah passiert.

Patrick Herrmann ist auch ein Thema. Sein Vertrag endet 2019.

Eberl Er war ja eineinhalb Jahre fast ständig verletzt, dann war die Hinrunde nicht so, wie er sich das vorgestellt hat. Er hatte zwar seine Einsätze, aber viele Ein- und Auswechslungen. Ich kann Spieler verstehen, wenn sie unzufrieden sind, anders herum haben wir einen Kader mit einer großen Konkurrenzsituation, der man sich stellen muss. Bei Patrick sind wir so verblieben, dass im Winter nichts passiert, wir uns aber im Laufe der Rückrunde zusammensetzen und besprechen, wie es weitergeht. Er ist bei uns groß geworden, geht in sein zehntes Jahr – auch das ist ein Zeichen von Qualität. Wir sind froh, dass Patrick da ist. Er hat gegen Ende der Hinrunde sein Niveau wieder erreicht und wird in der Rückrunde eine wichtige Rolle spielen, auch im Derby.

Es gibt noch immer viele Verletzte. Das sollte eigentlich besser werden.

Eberl Zunächst mal hoffe ich, dass wir im neuen Jahr von Verletzungen mehr verschont bleiben als in den vergangenen Jahren. Wenn wir alle beisammen haben im Laufe der nächsten Wochen, haben wir eine Chance aus einer sehr guten Ausgangslage heraus, unsere Ziele zu erreichen. Natürlich fehlen immer noch einige wichtige Spieler mit Stammplatz-Potenzial. Aber es hat sich schon etwas getan bei den Verletzungen: Wir haben weniger Muskelverletzungen, aber dafür leider mehr, ich sage es mal so, Spielschäden wie einen Innenbandriss, einen Mittelfußbruch, Kopfverletzungen, einen Kreuzbandriss. Die Verletzungen machen ein Gefüge natürlich immer instabil. Als wir einige Spiele lang den gleichen Kader hatten, gab es dann auch eine Serie. Für die Rückrunde wünsche ich mir öfter eine solche Situation.

Trotz der Verletzungen kann aber noch Qualität eingewechselt werden, wie in Mainz Thorgan Hazard, Michael Cuisance und Jonas Hofmann.

Eberl Wir haben uns diesbezüglich in den letzten Jahren stark verbessert. Deswegen haben wir auch Luft nach oben. Wir haben 28 Punkte in der Hinrunde geholt und trotzdem sage ich: Wenn der Kader komplett ist, geht vielleicht noch mehr, weil wir stabiler sind. Wir haben einen Kader, der um das internationale Geschäft mitspielen kann. 

Und am Sonntag als Favorit nach Köln fährt.

Eberl Das ergibt sich aus der Tabellenkonstellation. Der Sechste reist zum Letzten. Man kann es aber auch umdrehen und sagen: Ein Europapokal-Teilnehmer empfängt ein Team, das das Ziel Europa in der vergangenen Saison verpasst hat. Aber ja: Wir sind in der Favoritenrolle – und trotzdem sind Derbys immer speziell. Wir müssen unserer Rolle mit Moral und Einsatz gerecht werden. Köln wird genau das in die Waagschale werfen. 

Was ist in dieser Saison noch drin für Borussia?

Eberl Bayern, Dortmund und Leipzig werden oben stehen, vermute ich. Sie haben die größte Qualität. Es folgen fünf, sechs, sieben Teams, die um die Plätze dahinter spielen. Dazu gehören wir. Wir würden natürlich gerne Vierter werden, aber es ist alles sehr eng. Diese Enge ist Chance und Risiko zugleich. Man muss es hochprofessionell und konzentriert angehen, sonst wird man seine Ziele nicht erreichen. Selbst, wenn wir in Köln gewinnen, wäre es nur eine Etappe. Danach geht es weiter und es bleibt eng. Wir müssen uns oben festbeißen, um dabei zu sein, wenn die Entscheidungen fallen. 

Wie wichtig ist die Tabellenkonstellation für die Kaderplanung?

Eberl Die Champions League und die Europa League sind natürlich ein Argument mehr, wenn ich mit Spielern verhandele. Aber wir können nicht per se mit Europa argumentieren, so weit sind wir noch nicht. Trotzdem fällt es mir heute leichter, Gespräche zu führen als noch vor einigen Jahren. Ich kann auf Erfolge verweisen und nicht nur auf das, was wir vorhaben, wie damals, als wir mit Marco Reus gesprochen haben, um ihn zu uns zu holen. 

Sind Spieler wie Cuisance ein Argument, eben weil sie so schnell in der Liga angekommen sind?

Eberl Das ist ja die Kehrseite der Verletzungen. Wenn Tobias Strobl und Laszlo Bénes gesund geblieben wären, hätte Mika vielleicht nicht schon neun Einsätze, sondern nur zwei oder drei. Er hat die Qualität sich durchzusetzen, aber er hätte nicht die Rolle gespielt wie jetzt. So sind Verletzungen immer auch eine Chance. Und es ist ja unser Ansatz, dass dann, wenn es nötig wird, die Jungen spielen müssen und ins kalte Wasser geworfen werden. Wir vertrauen ihnen in der Situation. Wir sagen den Jungs: Du hast den Kaderplatz. Und wenn du besser bist, spielst du. Oder, wenn sich der andere verletzt und du deine Qualität gezeigt hast im Training, spielst du. Das sind Argumente, die auch bei Gesprächen mit jungen Spielern eine Rolle spielen. Die Spieler setzen sich mit unserem Verein auseinander und wissen, was sie bekommen. Wir müssen diese Argumente bieten, es ist und bleibt der einzige Weg, erfolgreich zu sein. Bei den Transfersummen können wir nicht mithalten, darum müssen wir den Mut haben, auf die jungen Spieler zu setzen. 

Wirkliche Eigengewächse haben es aber schwerer als früher.

Eberl Die erste Frage, die wir uns immer stellen, ist: Wer kommt aus dem Nachwuchsleistungszentrum? Wenn da keiner ist, dann denken wir über Spieler wie Mika oder vielleicht auch einen Andreas Poulsen oder Reece Oxford nach. Klar ist, dass die Spieler aus unserer Akademie auch Geduld haben müssen. Da ist Julian Korb ein gutes Beispiel. Er hat lange warten müssen und kam dann bei Lucien Favre rein. Jetzt war aber Nico Elvedi stärker und Julian ist einen neuen Weg gegangen. 

Derzeit gibt es aber nur wenig Einsatzzeit für Eigengewächse.

Eberl Das ist ja gerade ein Thema um uns herum, ich weiß. Aber es gibt eben Aaron Herzog oder Marcel Benger, die ihre Rolle in der U23 gut gespielt haben und daher von Dieter Hecking dazu genommen werden. Auch in Louis Beyer haben wir ein Talent, bei dem ich sage: Er hat großes Potenzial. Und auch, wenn wir mit unserer U19 im Moment bescheiden dastehen, gibt es dort Spieler, bei denen es sich lohnt, hinzuschauen. Im Moment haben wir eben nicht so viele Jungs, weswegen wir extern geschaut haben. Trotzdem spielt der eigene Nachwuchs eine elementare Rolle bei der Kaderplanung.

Quelle: RP
 
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