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Borussia Mönchengladbach
Mehr Mut zum Fernschuss

Borussia Mönchengladbach: Mehr Mut zum Fernschuss
Thorgan Hazard traf in dieser Saison einmal aus der Distanz und bildet damit eine Ausnahme in Borussias Team. FOTO: afp
Mönchengladbach. Borussia hat eine lange Tradition guter Distanzschützen. Derzeit aber ist sie in dieser Disziplin das Team mit den wenigsten Versuchen. Auch bei Standards ist es mau. Dabei könnte beides helfen, wenn die Chancen-Kreation schwerfällt. Von Karsten Kellermann

Wer Hans-Günter Bruns googelt, bekommt das "größte Tor, das nie erzielt wurde" zu sehen. Das Video jenes Solos des blonden Borussen, bei dem er im Münchner Olympiastadion über den gesamten Platz sprintete mit dem Ball, einen feinen Doppelpass mit Frank Mill spielte, um dann den Ball an den linken Pfosten zu schießen. Von da rollte die Kugel über die Torlinie und prallte vom rechten Pfosten zurück aufs Spielfeld. Bruns stemmte die Hände in die Hüfte und schaute entgeistert. Fußballgeschichte.

Derzeit erholt sich Bruns, mittlerweile 61 Jahre alt, von einem Herzinfarkt. Viele Genesungswünsche gab es von Borussen-Fans, die den früheren Gladbach-Kapitän, der jetzt Trainer des Landesligisten Arminia Klosterhardt ist, nicht vergessen haben. "Bruno" hat Kultstatus - sicherlich wegen des Nicht-Tores von München, aber auch wegen seiner berühmt-berüchtigten "linken Klebe": Die Kunst des Fernschusses gehörte früher zu seinen Markenzeichen.

Auch Harald Nickel und Rainer Bonhof, der laut des englischen Torhüters Ray Clemence "schneller schoss als Wyatt Earp", waren Distanzschützen der brachialen Art. Die beiden erzielten 1978 und 1979 die Tore des Jahres jeweils aus weiter Entfernung. Bonhof ist nun Vize-Präsident. Er wäre wohl ein passender Referent für einen Vortrag, der den Jetztzeit-Borussen die offenbare Angst vor dem Fernschuss nehmen könnte. Denn in dieser Disziplin sind die Borussen hinten dran in der Bundesliga.

Zehn Weitschussversuche wurden in dieser Saison gezählt, jeweils fünf daheim und in der Fremde. Dabei werden jene Schüsse addiert, die von außerhalb des Strafraums abgegeben werden. Der Nächstschlechteste ist Darmstadt 98, das aber mehr als doppelt so viele Schüsse hat (21). Hoffenheim ist mit 45 Weitschussversuchen Liga-Spitze.

Schuberts Ansatz ist, wie auch bei seinem Vorgänger Lucien Favre: Die Borussen sollen sich zum Tor kombinieren. Bei Favre waren die Fernschüsse sogar total verpönt. Nach der WM 2014, bei der die etwas bodenständigere Art der Torjagd gerade von Teams wie Chile oder Mexiko wieder salonfähig gemacht wurde auf der großen Fußballbühne, strich Favre den Fernschuss dann wohl offiziell von der No-go-Liste, gerade Granit Xhaka (u.a. in Villarreal) und Havard Nordtveit (in Zürich) taten sich diesbezüglich hervor. In der vergangenen Spielzeit unter André Schubert gab es im Schnitt 5,3 Versuche pro Spiel von außerhalb des Strafraums. Aktuell sind es 1,7. Immerhin trafen Thorgan Hazard (in Freiburg) und Lars Stindl (gegen Ingolstadt) aus der Ferne.

Gerade in Spielen, in denen sich die Chancen-Kreation, die in dieser Saison ohnehin nicht die hervorstechende Qualität der Gladbacher ist (55 Schüsse in sechs Spielen, nur Hertha BSC und Darmstadt sind schlechter), schwer fällt wie zuletzt auf Schalke, könnte mehr Mut zum Fernschuss helfen. Oder aber mehr Effektivität von Standards. Ecken-Tore beispielsweise sind seit Jahren ein knappes Gut bei Borussia. Die Mangel-Bilanz in dieser Disziplin taugt allein zum Reim: In der Vorsaison gab es eins, in dieser noch keins.

Fernschüsse und Standards sind vielleicht nicht die edelste Art zum Tor zu kommen. Aber eine ebenso einfache wie schnelle Art. Rainer Bonhof jedenfalls hat schon öfter darauf hingewiesen, dass Fernschüsse "eine absolute Waffe im Spiel sind". Nun ja, und die Variante Ecke, Kopfball, Tor, die ist ein Klassiker. Borussia versuchte sie beim 0:4 bei Schalke 04, doch Jannik Vestergaard traf nicht. Es wäre das plötzliche 1:0 gewesen. Vielleicht wäre die Geschichte dann anders gelaufen.

In Vestergaard ist schon der Länge wegen (199 Zentimeter) ein Standard-Spezialist dazugekommen. Was den Fernschuss angeht, sind indes die Experten eher abhandengekommen: Xhaka ist weg; und auch Nordtveit. Spieler wie Hazard, Ibo Traoré, Lars Stindl oder Raffael, mit 0,7 Versuchen in dieser Saison der "fleißigste" Weitschießer, haben ihre Fähigkeiten nachgewiesen, wenn sie auch eher Schlenzer mit der Innenseite sind als Brachiale wie Bonhof, Nickel, Bruns oder Xhaka. Nur: Sie müssen es öfter tun.

Quelle: RP
 
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