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Mönchengladbach
Wo das Fußball-Herz des Niederrheins schlägt

Mönchengladbach: Dank Borussia die Fußballhauptstadt am Niederrhein
Dank der Erfolge unter Udo Lattek (links) und Hennes Weisweiler (rechts) steht Borussia im Ausland sinnbildlich für Mönchengladbach. FOTO: ap
Mönchengladbach. Düsseldorf mag zwar Landeshauptstadt sein, doch der kleinere Nachbar darf sich dank Borussia als Fußballhauptstadt fühlen. Im Pokal kommt es auch zu einem sozio-kulturellen Duell. Von Karsten Kellermann

Köln ist für Gladbach die Mutter aller Derbys. Das ist "Jeföhl", das ist prima! Der Effzeh ist der ewige Erzrivale, weil es Hennes Weisweiler gab, den Kölner, der Gladbach groß machte. Und für ihn war Köln das Spiel der Spiele. Verlieren war verboten, denn Weiseiler wollte in den Tagen nach dem Derby keine dummen Sprüche hören in der Heimat, sondern selbst feixen. Aber Köln war auch ein echter sportlicher Rivale in der großen Zeit. Man traf sich in Europa, im Pokalfinale, im Kampf um den Titel später auch, es gab sogar das irre Wettschießen im Fernduell 1978, das Köln gewann. Derby-Futter ohne Ende.

Die Duelle mit Fortuna müssten der Definition zufolge eigentlich mehr Derby-Charakter haben als die mit Köln. 62 Kilometer sind es vom Borussia-Park zum RheinEnergie-Stadion, nur 31 liegen zwischen dem Gladbacher Stadion und der Esprit-Arena in Düsseldorf. Nähe macht normalerweise Derby. Aber Derby-Gefühle haben auch mit Selbstverständnis zu tun.

Gegen Köln findet das auf fußballerischer Ebene statt: Es geht immer um die Vormacht am Rhein. In der vergangenen Saison ist da etwas in Unordnung geraten, als die Kölner nach Europa zurückkehrten und plötzlich Erster waren in der rheinischen Tabelle. Normalerweise stand da über viele Jahre Bayer Leverkusen, doch das ist für die Gladbacher kein "Jeföhl", sondern ein Spiel mit kurzer Anreise. Derbys sind nicht in Stein gemeißelt, sie werden definiert.

Auch über Fortuna sagen die Gladbach-Fans: Das ist kein Derby. Tatsächlich geht es gegen Fortuna aber auch um mehr. Es ist nicht nur ein sportlicher, sondern auch sozio-kultureller Vergleich. Hier Düsseldorf, die Metropole voller Innovation, Kunst und Kultur, selbstbewusst und glitzernd, da das unscheinbare Mönchengladbach, das sich zwar in einer neuen Aufbruchstimmung räkelt, aber im Vergleich zu Düsseldorf noch immer als "Pupskaff" fühlt, das ständig an sich zweifelt, trotz vieler Grünflächen und des schönen Museums am Abteiberg.

Die Zeiten, als die Menschen Gladbachs Altstadt der "längsten Theke der Welt" in Düsseldorf vorzogen, sind lange vorbei; in Düsseldorf flaniert man auf der Königsallee, auf Gladbachs Einkaufsmeile finden keine Modenschauen statt, man starrt jenseits des Minto in viele tote Schaufenster; Düsseldorf fühlt sich als Weltstadt, Gladbach als Provinz. "Hier gibt es ja nichts", sagt der Gladbacher, setzt sich ins Auto und fährt nach Düsseldorf. Das, was unter der Oberfläche ist, sieht er nicht im Rückspiegel.

Gladbacher, die in der Welt unterwegs sind, sagen, wenn sie gefragt werden, woher sie kommen: "Nähe Düsseldorf." Oder aber sie sagen: "Borussia." Denn seit dem Bundesliga-Aufstieg 1965 und spätestens seit den goldenen 1970ern hat Mönchengladbach etwas, in dem es so viel größer ist als Düsseldorf: den Fußball. Düsseldorf ist die Landeshauptstadt, Gladbach die Fußballhauptstadt am Niederrhein.

In Gladbach ist der Fußball ein Lebensgefühl, wenn Borussia Erfolg hat, ist auch die Stadt wer. Borussia ist Gladbachs ganzer Stolz. In Düsseldorf ist Fußball eine von vielen wichtigen Nebensachen – auch wenn Fortuna "hip" ist. Viele Jahre war sie ein Klientel-Phänomen, die Schönen und Reichen auf der "Kö" rümpften die Nase, wenn es um die Fußballer aus dem Arbeiterviertel Flingern ging. Zumal, als Fortuna abstürzte in die Tiefen des Amateurfußballs. Fortuna war oft nicht schön und glanzvoll genug für Düsseldorfs Selbstverständnis. Nichts zum Vorzeigen. Derzeit ist das wieder anders: "König Friedhelm" (Funkel) gibt die Hoffnung, bald wieder auf die große Bühne zu kommen.

Borussia ist einer der bedeutendsten Namen im deutschen Fußball und hat in den vergangenen fünf Jahren seinen Namen noch mal international erneuert. Fortuna war früher groß, aber in ferner Zeit, als es noch keine Bundesliga gab. In der Bundesliga hatte Fortuna oft gute Mannschaften und Hochphasen wie in den 1980er Jahren. Doch ist es der kleine Nachbar aus der großen Stadt, der nie wirklich an der großen Borussia aus der kleinen Stadt vorbeizog. Das ist nicht der Stoff, aus dem große Rivalität ist: Fortuna war zu wenig erfolgreich, um als ganz großer Konkurrent Borussias wahrgenommen zu werden.

Die Statistik indes gibt derlei Gedankengänge eigentlich nicht her. 29 Spiele gewann Borussia, 28 Düsseldorf. Und im Pokal ist es für Fortuna gar eine 100-Prozent-Quote. Dreimal trafen sich die Klubs, dreimal setzte sich Fortuna durch – jeweils in Heimspielen: 1971 gab es ein 3:1, 1976 ein 3:2. 2012 kam ein 1:0 dazu. So gesehen ist Fortuna am 24. Oktober statistischer Favorit – doch für die Borussen ist der Anreiz groß, die dunkle Serie zu durchbrechen mit dem ersten Pokalsieg gegen Fortuna. Was die Dinge damals geraderückte: In den beiden ersten Jahren, in denen sich Fortuna freuen durfte über die Erfolge im Pokal, wurde Gladbach Meister. Sagen wir es so: Unter den Voraussetzungen würde Borussia wieder Düsseldorf den Vorzug im Pokal lassen.

Dieses Mal kommt mal wieder ein sozio-kulturell-sportlicher Aspekt dazu: Düsseldorf gehört zu den Ausrichtern, falls Deutschland die EM 2024 bekommt, Gladbach nicht. So war es auch 1974 und 1988 (2006 schauten beide Städte unbeteiligt zu und greinten im Duett). Der Aspekt spielt im Pokal durchaus mit. Die zweite Niederlage binnen wenigen Monaten würde MG richtig wehtun. Die Europameisterschaft hat die Stadt nicht bekommen, nun muss Borussia zeigen, dass das Herz des Fußballs am linken Niederrhein schlägt. Doch selbst wenn das nicht gelingt, wird es das Selbstverständnis der Borussen nicht ankratzen in Bezug auf die niederheinischen Verhältnisse. Grundsätzlich sind diese ohnehin geklärt: Was die Städte betrifft, aber auch, was den Fußball angeht, ist Borussia Düsseldorf und Fortuna Mönchengladbach.

 

 
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