| 12.13 Uhr

Borussia Mönchengladbach
MVP Raffael und die Suche nach Kolkkas Erben

Fotos: Raffael hämmert Ball aus spitzem Winkel ins Tor
Fotos: Raffael hämmert Ball aus spitzem Winkel ins Tor FOTO: afp, OA
Mönchengladbach. Ohne Raffael geht in Borussias hochgelobter Offensive wenig und hinten kann der Brasilianer, bei allem Einsatz, nicht auch noch die Probleme lösen. Sein Partner Lars Stindl hängt momentan etwas in der Luft. Die "Zehn vom Niederrhein" zum Spiel in Wolfsburg. Von Jannik Sorgatz

1. Das wertvollste Fohlen Es gibt keinen Anlass, einen Abgesang auf Borussias Vielseitigkeit und Unberechenbarkeit zu formulieren. Die 16 Tore in der Rückrunde haben neun verschiedene Spieler erzielt, wobei Kevin Großkreutz dabei mitgezählt werden muss. Sechser, Joker und sogar Innenverteidiger trafen, die Führung hat allerdings ein Mann inne, für den es keine richtige Positionsbezeichnung gibt. Raffael ist ein Phänomen, was zumindest sein phänomenales Tor in Wolfsburg erklärt, als er Keeper Koen Casteels mit einem Hammer in die kurze Ecke düpierte. Borussias Brasilianer steht bei sechs Toren, zwei Vorlagen und vier Vorlagen zu Vorlagen seit der Winterpause. Nur fünf Treffer fielen ohne sein Zutun: das 1:0 gegen Bremen, das 5:1 gegen Bremen, das 2:2 gegen Augsburg, das 1:0 gegen Stuttgart und das 3:0 gegen Stuttgart. Raffael bewirbt sich eindrucksvoll um den Titel "Most Valuable Player der Bundesliga". Wenn einer so herausticht, ist das jedoch auch immer ein Indiz dafür, dass er Kollegen mitreißen muss.

2. Neue Probleme und alte Muster Stindl wäre so ein Kandidat. Der 27-Jährige hat seit der Winterpause immer wieder Untertauch-Phasen, die man in der Hinrunde nicht kannte. Einen Assist gegen Dortmund und ein Tor gegen Bremen hat er fabriziert, in den vergangenen Spielen überzeugte Stindl, wenn überhaupt, als fleißiger Arbeiter. Mit zwei Toren und zwei Vorlagen ist Fabian Johnson etwas in seine Rolle geschlüpft, das Zuspiel auf Raffael vor dem Anschlusstreffer in Wolfsburg taugt als Beispiel. Offensiv benötigt die Borussia jedoch die Zuarbeit des kompletten Trios und einen Thorgan Hazard, der nicht wieder in alte Muster zurückfällt – eine große Chance vergab der Belgier, nur vier von 17 Zweikämpfen entschied er für sich.

3. Es ging doch Borussia-Fans, deren "Auswärtsdeppen"-Narben wohl nie verheilen werden, fühlen sich in den Normalzustand befördert. Schließlich gab es von 2004 bis 2007 nur drei Siege in 53 Auswärtsspielen, und von Mai 1998 bis November 2008 nur zehn in 124. Davon ist das aktuelle Team mit seiner Negativserie von sechs sieglosen Auftritten in der Fremde weit entfernt. Gemessen an den Ansprüchen von heute ist die Bilanz jedoch schlimm. Zumal Gladbach im Herbst unter Schubert drei Auswärtsspiele in Folge gewann – zum ersten Mal seit 20 Jahren. Auf 12:3 Tore und neun Punkte folgten seitdem 8:16 Tore und mickrige zwei Punkte.

4. Van Hout, van Lent, Kolkka Falls es für einen Wolfsburger Sieg eine Quote gegeben haben sollte, die über 1,05 lag, wäre das aus mehreren Gründen ein Skandal. Schließlich trafen am Samstag gleich zwei Borussia-Flüche aufeinander: der langfristige Wolfsburg-Fluch und der kurzfristige Auswärtsfluch. Da kann die Metaphysik – anders als bei den Duellen Karnevalslauf vs. Freitagsfluch und Englische-Wochen-Lauf vs. Stuttgart-Heimfluch – auch nichts mehr ausrichten. Seit 2003 hat Gladbach zehn von elf Spielen in der Volkswagen-Arena verloren, 2012 gab es immerhin ein torloses Remis. Einst an einem grauen November-Nachmittag vor mehr als zwölf Jahren trafen Joris van Hout, Arie van Lent und Joonas Kolkka. Ohne Tor blieben: Jörg Stiel, Bernd Korzynietz, Sladjan Asanin, Jeff Strasser, Pascal Ojigwe, Enrico Gaede, Peer Kluge, Igor Demo, Bradley Carnell, Ivo Ulich und Milan Obradovic. Amen.

5. Nächster Versuch auf Schalke Eine gute Idee wäre es, Auswärtsspiele bis zum Saisonende nicht andauernd mit der Hypothek eines Doppelschlages durch den Gegner bestreiten zu müssen. Die 38. und 41. Minute in Hamburg, die 50. und 53. Minute in Augsburg, nun die 15. und 17. Minute in Wolfsburg – zuvor hatte die Borussia wenigstens immer vorgelegt, bevor sie den Gegner ins Spiel zurückbrachte. Nach dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt, das sich am Sonntag von Trainer Armin Veh getrennt hat, gibt es beim FC Schalke die nächste Gelegenheit, es besser zu machen.

6. Starke 30 Minuten Man muss als Beobachter der Borussia höllisch aufpassen, sich nicht blenden zu lassen. Schließlich wirkt manch ein Hoch im Wellental dieser Saison nur so hoch, weil es so viele Tiefs gibt. Die halbe Stunde nach dem zweiten Gegentor am Samstag war aber auch ohne den Kontrast zu den kurz zuvor beobachteten Unzulänglichkeiten sehr überzeugend. Es ist zweifellos eine in der Bundesliga seltene Qualität, nach einem 0:2 in der 17. Minute so zu dominieren, dass zur Pause der Ausgleich völlig verdient wäre. Zwischen Max Kruses Tor und Lars Stindls entschärftem Versuch in der 49. Minute lagen 8:0 Torschüsse aus Sicht der Borussia und null Wolfsburger Besuche im gegnerischen Strafraum. Erst danach wurde es wieder ein Duell auf Augenhöhe.

7. "Helle Aufregung" Die Geschichte "Herrmann bewirbt sich für Fair-Play-Preis" musste bald nach dem Abpfiff umgeschrieben werden in "Herrmann verhindert erst im Liegen den Ausgleich und sahnt dann nicht einmal einen Fair-Play-Preis ab". Was war passiert? Herrmann wurde im Luftduell mit 197 Casteels-Zentimetern konfrontiert und ging mit brummendem Schädel zu Boden. Kollege Thorgan Hazard schoss ihm gegen das knapp über dem Rasen baumelnde Bein, anstatt ins leere Tor zu treffen. "Auf einmal war helle Aufregung. Wieso? Das habe ich jetzt auch noch nicht ganz verstanden", gab Herrmann nachher zu Protokoll. Schiedsrichter Daniel Siebert korrigierte sich und entschied auf Abstoß statt Eckball, nachdem Herrmann auf die Frage, ob er noch dran war, geantwortet hatte: "Das kann gut sein." Vielleicht gibt es ja einen Preis für aufgrund von Benommenheit entgangene Fair-Play-Preise.

8. Das Fortune der "Wölfe" Nicht nur mit der Herrmann-Geschichte ist die Erkenntnis verbunden, dass Profi-Fußballer beileibe nicht immer wissen, was sie da tun, und habe es noch so gewollt und überlegt ausgesehen. Lionel Messi ist von diesem Willkür-Vorwurf wohl auszunehmen, aber ein Spieler wie Julian Draxler gibt auch mal zu, nachdem er für seinen präzisen Abschluss gelobt wurde: "Ich hatte da etwas Glück, denn eigentlich habe ich den Ball gar nicht richtig getroffen." Zum Glück gibt es dieses Synonym für Glück, das etwas mehr Können suggeriert: das berühmte Fortune. Davon hatte ganz Wolfsburg auf jeden Fall mehr am Samstag.

9. Berechnend Wenn zwei von fünf direkten Konkurrenten der Borussia noch spielen, ergibt es scheinbar keinen Sinn, den Spieltag bereits abzupfeifen. Andererseits ist es bis zu einem gewissen Grad auch wurscht, weil jeder gegen jeden Punkte liegen lässt, oder eben auch nicht. Eine realistische virtuelle Tabelle lässt sich unter bestimmten Voraussetzungen immer erstellen. Natürlich muss nächste Woche Gladbach gegen Frankfurt gewinnen und Mainz darf nicht in Dortmund gewinnen, damit nach dem 26. Spieltag alles im Lot ist. Im schlechtesten Fall ist Hertha BSC dann enteilt, die Borussia aber Vierter und punktgleich mit Schalke, dem dann folgenden Gegner. Im besten Fall hat der VfL nach dem Frankfurt-Spiel gegen Schalke und Hertha sein Champions-League-Wohl sogar in der eigenen Hand.

10. Die Hypothek des Fehlstarts Aber genau das ist das Problem: Noch ist ungewiss, in welche Richtung die Saison pendelt, und wenn sie es erst am 34. Spieltag tut und dann die Konkurrenten aufgrund der Tordifferenz voneinander trennt. Irgendwann muss es passieren. Bis dahin bleibt die Möglichkeit, dass die Borussia auch zu Hause Punkte liegen lässt und Europa ganz zu verlieren droht. Oder aber sie überwindet ihre Auswärts-Krankheit, die Symptome wären ja heilbar. Stand jetzt hat Gladbach nur einen Punkt mehr auf dem Konto als zum gleichen Zeitpunkt der Hinrunde. Das wiederum klingt eher alarmierend, schien die Hypothek des Fehlstarts doch immer geringer zu werden.

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