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Patrick Hermann im Interview
"Dass ich komplett zufrieden bin, kann ich nicht sagen"

Das ist Patrick Herrmann
Das ist Patrick Herrmann FOTO: afp, agz
Mönchengladbach. Erst dreimal hat Patrick Herrmann für Borussia in dieser Saison beginnen dürfen. Entsprechend unbefriedigend ist die Lage für ihn vor dem Auswärtsspiel bei Hertha BSC am Samstag. Im Interview spricht Herrmann über seine und Borussias Situation.

Herr Herrmann, am 4. November 2016 haben Sie sich beim 0:3 in Berlin schwer am Knöchel verletzt - bei Ihrem Startelf-Comeback nach langer Pause. Mit welchen Gedanken fahren Sie nach Berlin?

Herrmann Wir haben uns in den vergangenen Tagen in der Kabine noch darüber unterhalten. Das ganze Spiel ist nicht gut gelaufen für uns. Wir haben nicht gut gespielt, Christoph Kramer hat Gelb-Rot bekommen, und ich habe mich schwer verletzt. Es war so ein Abend zum Vergessen.

Für Sie besonders. Sie waren bei Ihrer Rückkehr richtig gut im Spiel.

Herrmann Das stimmt. Ich war in den ersten 20, 25 Minuten super im Spiel, war auch an der einen oder anderen Torchance beteiligt - und dann fällt mir Vedad Ibisevic wie aus dem Nichts ins Bein rein. Es war ein Unfall, darum gibt es keinen Vorwurf, das kann immer passieren. Aber es war verdammt ärgerlich. Ich kam gerade aus der Verletzung zurück und war gut drauf. Ich habe gleich im ersten Moment gespürt, dass da etwas ganz Schlimmes passiert ist. Es waren höllische Schmerzen.

Das konnte man an Ihrem Gesicht ablesen …

Herrmann Ja, ich habe die Bilder gesehen, wie ich mit unseren Medizinern vom Platz gegangen bin. Ich wusste sofort: Jetzt falle ich wieder länger aus. Am nächsten Tag hat die Diagnose das dann bestätigt. Das Syndesmoseband war gerissen. Es war bisher einer der schlimmsten Momente meiner Karriere.

Schlimmer als vorher der Kreuzbandriss?

Herrmann Auf jeden Fall. Weil ich gerade die eine Verletzung überstanden hatte und durchstarten wollte. Ich wurde wieder brutal ausgebremst. Es ging alles wieder von vorne los: Ich war wieder mehrere Monate weg, musste mich wieder rankämpfen. Und als ich wieder da war, habe ich trotzdem noch gemerkt, dass noch etwas fehlt, bis es komplett ausgeheilt ist. Da fehlt dann die Lockerheit. Jetzt ist zum Glück alles wieder gut seit einiger Zeit. Es ist zwar noch so, dass der Knöchel noch ab und zu reagiert, wie vorher ist es nicht, aber ich bin fit.

Wie sieht es im Kopf aus, gerade jetzt, wenn es wieder nach Berlin geht? Ist da noch eine Sperre manchmal?

Herrmann Es ist ja fast genau ein Jahr her, seit es passiert ist, darum kommt sicherlich alles nochmal hoch. Aber ich bin ja jemand, der die Dinge positiv angeht und nach vorn schaut. Es war ein schlechter Abend für uns alle - wir wissen, dass wir es besser können. Und wir wollen es auch besser machen.

Da fällt einem gleich Hoffenheim ein …

Herrmann Es war unser letztes Auswärtsspiel. Wenn wir so in Berlin spielen wie dort, werden wir gute Chancen haben, etwas in Berlin zu holen.

Nach Hoffenheim kam aber Mainz. Bitte erklären Sie das mal, schließlich sind Sie seit fast zehn Jahren Borusse, haben im Internat im Stadion gewohnt und mehr als 265 Pflichtspiele für Borussia beisammen: Warum läuft es daheim nicht so gut in dieser Saison?

Herrmann Das ist schwer zu sagen. Gegen Hoffenheim waren wir einfach ganz anders im Spiel drin, haben große Chancen kreiert und auch in der Defensive mit Ausnahme des Gegentores gut gestanden, wir waren aggressiv und bissig. Daheim fehlt uns das alles noch so ein bisschen, das hat man gegen Mainz gesehen. Da waren wir in der ersten Halbzeit gar nicht gut drauf, sind viel zu spät in die Zweikämpfe reingekommen. So kommt man nicht in ein Spiel rein.

Nun geht es nach Berlin. Da gibt es sehr, sehr viele Gladbach-Fans, es ist im Olympiastadion gefühlt immer wie ein Heimspiel.

Herrmann Es ist in Berlin eine Mischung zwischen Heim- und Auswärtsspiel, das stimmt. Ich kann mich an Spiele erinnern, da waren unfassbar viele Gladbach-Fans da. Das beflügelt weit weg von zu Hause natürlich nochmal extra, das ist für uns Spieler auch etwas Geiles, und es macht viel Spaß da zu spielen.

Sie wollen natürlich wieder spielen, wie in Hoffenheim, als Sie nach 15 Minuten für Jonas Hofmann reinkamen. Es war viel Geschwindigkeit drin im Spiel nach vorn.

Herrmann Wir haben gegen Hoffenheim ja ein bisschen anders gespielt. Thorgan war im Zentrum, Vince Grifo und ich waren auf Außen. Das wäre natürlich auch jetzt eine Möglichkeit. Ich hätte natürlich nichts dagegen, wenn ich wieder ran dürfte.

Dieter Heckings Ansatz ist auf starke Flügel und schnelles Umschalten ausgelegt. Das kommt Ihnen entgegen.

Herrmann Das ist so. Wir sind darum auf den Außen sehr gut besetzt, darum passt der Ansatz zu unserem Team. So haben wir immer die Möglichkeit in die Tiefe zu kommen. Lars Stindl und Raffael sind ja eher Spieler, die entgegenkommen und zwischen den Linien unterwegs sind, wir anderen gehen mehr in die steilen Räume.

Stichwort Raffael: Er tut sich derzeit etwas schwer. Muss man sich als Team ein wenig um ihn kümmern?

Herrmann Raffa ist lange genug dabei, viel sagen muss man ihm nicht. Jeder Spieler hat mal eine Phase, in der es nicht so gut läuft, das kenne ich ja auch. Trotzdem wissen wir doch, dass Raffa eine enorme Qualität hat, darüber müssen wir nicht reden. Er ist einer der besten Spieler, mit denen ich zusammengespielt habe. Er wird seine Qualität wieder abrufen.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunftsplanung aus. Ihr Vertrag endet im Sommer 2019 - da kommt langsam die Zeit, zu sprechen.

Herrmann Es ist schwierig, das gebe ich zu. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich gern spielen will. Und das kann ich momentan selten. Natürlich habe ich ein paar Spiele gemacht in dieser Saison, aber dass ich damit komplett zufrieden bin, kann ich nicht sagen. Wir haben natürlich außen eine Riesendichte, das weiß ich. Aber ich gebe in jedem Training Gas und hoffe, dass die Chance kommt, wieder mehr zu spielen. Dass ich mir Gedanken über meine Zukunft mache, ist aber klar.

Aber kann man sich das vorstellen: Patrick Herrmann nicht mehr in Gladbach?

Herrmann Schwierig nach fast zehn Jahren, die ich jetzt hier bin. Das ist eine verdammt lange Zeit. Borussia ist mein Verein, das ist doch klar. Es ist keineswegs so, dass ich unbedingt weg will, im Gegenteil. Aber man muss eben schauen, wie es sich entwickelt für mich. Wir werden darüber in Ruhe reden mit Borussia.

Es ist eine Saison, in der fast jedes Spiel eine neue Richtung vorgibt. Das ist das Problem?

Herrmann Leider ist es so. Wir machen super Spiele wie gegen Hoffenheim, und dann sind auch Spiele dabei wie gegen Leverkusen. Das müssen wir in den Griff kriegen und konstanter werden. Und wir müssen es schaffen, auch in den Spielen, in denen es nicht so gut läuft, Punkte zu holen. Dann gibt es der Saison auch eine Richtung.

Angesichts des Hin und Her - können sie verstehen, dass einige Leute im Umfeld des Klubs nicht zufrieden sind mit der Saison?

Herrmann Teils, teils. Wir spielen ja trotz der Schwankungen noch eine gute Saison. Wir haben viele Punkte geholt, und das auch verdient. Dennoch müssen wir noch an ein paar Stellschrauben drehen, damit es runder wird. Das will jeder Spieler und jeder im Verein. Aber ich denke nicht, dass man mit der Situation aktuell sehr unzufrieden sein muss.

Da haben Sie selbst schon andere Zustände erlebt, seit Sie Profi wurden.

Herrmann Oh ja. Das waren Zeiten, in denen man unzufrieden sein konnte. Das ging uns ja allen so, dem Team, den Verantwortlichen. Aber gerade diese Zeit, in der wir es gemeinsam hinbekommen haben, hat uns alle zusammengeschweißt, jeden Spieler, jeden Fan, jeden, der in der Stadt lebt und im Verein arbeitet. Das hat uns dann auch in den Jahren danach sehr stark gemacht.

Aus der Generation Relegation, sind nicht mehr viele Spieler dabei: Christofer Heimeroth, Tony Jantschke und Sie. Sind die Strukturen im Team noch im Wandel?

Herrmann Das ist ja normal im Fußball. Es gibt eben viele Transfers, und es ist selten geworden, dass Spieler wie Tony und ich und auch Heimi so lange im Verein sind. Aber auch wir werden älter und sind nicht mehr die, die aus der eigenen Jugend gekommen sind, sondern gestandene Spieler. Ich bin jetzt fast 27, natürlich übernimmt man dann auch mehr Verantwortung.

Zumal als Ehemann. Sie haben in diesem Jahr geheiratet.

Herrmann Auch das trägt dazu bei, natürlich. Es ist ja nicht so, dass nun alles anders ist im Leben, aber man hat eben mehr Verantwortung. Daran reift man auch.

Was das angeht, können Sie den Kollegen Grifo beraten, er hat sich verlobt.

Herrmann Ja, stimmt. Dann steht sicher die standesamtliche Hochzeit nächstes Jahr an, die wir dieses Jahr hatten. Ich habe ihm natürlich gleich gratuliert.

Die Themen waren andere, als sie mit 17 herkamen aus Saarbrücken.

Herrmann Das ist wahr.

Was Sie gelernt haben, ist, als Offensivspieler auch defensiv zu arbeiten. Was das angeht, können Sie dem einen oder anderen Kollegen noch Tipps geben.

Herrmann Es sollte in einem guten Team so sein, dass man sich gegenseitig hilft und Tipps gibt. Es ist ein Geben und Nehmen, von dem dann alle profitieren können. Wichtig ist, dass man als Mannschaft kommuniziert.

Wie muss man die Aufgabe Berlin angehen? Die Hertha ist schwer zu spielen, im vergangenen Jahr hat sie Borussia im eigenen Stadion ausgekontert.

Herrmann Wir müssen gerade gegen Berlin versuchen, die Lücken zu finden - wie wir es im vergangenen Jahr in den ersten 20 Minuten gut gemacht haben. Danach wurde es Stück für Stück schlechter, darum haben wir auch verloren. Wenn wir aber an die Anfangsphase anknüpfen, Druck machen und Berlin in die eigene Hälfte zurückdrängen, dann ist was möglich.

Gerade die Konter des Gegners waren auch gegen Mainz das Problem.

Herrmann Genau. Das müssen wir abstellen, wir dürfen uns nicht so auskontern lassen. Die Gegner haben oft noch einige große Chancen, die ja nicht immer alle genutzt werden. Wir müssen insgesamt kompakter sein. Das können wir noch besser machen.

Mit Christoph Kramer ging es nach der Pause gegen Mainz besser.

Herrmann Chris ist natürlich einer, der mit seinem Laufspiel Konter unterbinden kann. Er macht die Lücken zu. Das ist wichtig. Wir waren immer dann stabil, wenn einer da war, der diese Gegenstöße unterbindet, auch in den Jahren davor. Wenn wir das hinkriegen, haben wir gegen jeden Gegner eine Chance zu gewinnen, auch in Berlin.

Karsten Kellermann führte das Gespräch.

 
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