| 17.24 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Phänomenales Phantom und seltener Zuschauer

Sarajevo - Gladbach
Sarajevo - Gladbach FOTO: dpa, fd hm
Mönchengladbach. Nach dem 3:2 beim FK Sarajevo winken Borussia sieben weitere internationale Auftritte. So flüssig wie vor dem ersten Treffer lief es nicht oft. Aber dafür hat die Mannschaft einen, der seinen Lauf scheinbar aus dem Nichts holt. Das und mehr in der "Zehn vom Niederrhein". Von Jannik Sorgatz
  • 1.) Tourbeginn

 In der Saison 2012/2013 hat der 21. eines Monats sowohl den Anfang als auch das Ende des Gladbacher Europa-Abenteuers markiert. Am 21. August 2012 verlor Borussia 1:3 gegen Dynamo Kiew, am 21. Februar 2013 gab es das Aus bei Lazio Rom. Exakt zwei beziehungsweise eineinhalb Jahre danach hat die nächste Rundfahrt über den Kontinent begonnen. Der 3:2-Erfolg am Donnerstagabend beim FK Sarajevo hat die Weichen gestellt, auf dass es für den VfL kein Ein-Tages-Rennen, sondern mindestens eine Tour mit vier Etappen wird.

  • 2.) Phantomenal

Borussias Matchwinner Branimir Hrgota unternahm zunächst wieder alles, um in Vergessenheit zu geraten. Man kann kaum anders, als zu vermuten, dass "alles" in Wirklichkeit "nichts" bis "wenig" ist. Wie sonst schafft es ein Stürmer, dass dem Beobachter erst nach einer halben Stunde einfällt, wer da vorne aufgestellt wurde? Und dann plumpst dem Schweden, der in Bosnien geboren wurde und mit der kroatischen Nationalmannschaft in Verbindung gebracht wird, kurz vor der Pause eine Flanke auf den Kopf. Und dann schlenzt Hrgota mit dem vermeintlich schwächeren rechten Fuß den Ball zum Siegtreffer unter die Latte. In diesem ersten Abschnitt der Saison ist er Phantom und Phänomen zugleich. Tore sind wie Klebezettel an der Kühlschranktür – man vergisst nicht so schnell.

  • 3.) Pflichtsieg

Nur eines von zwölf deutschen Teams ist in der Geschichte der Europa-League-Play-offs gescheitert, der VfB Stuttgart im vergangenen Jahr an Rijeka. Die Schätzung, dass Borussia schon mit der Auslosung zu 91,7 Prozent eine Runde weiter war, erwies sich jedoch spätestens am Donnerstagabend in Sarajevo als fahrlässig. Trotzdem sollte es gelingen, die Bundesliga-Bilanz zu bestätigen beziehungsweise sogar aufzubessern. In 25 Play-off-Spielen setzte es bis jetzt nur drei Niederlagen für Mannschaften aus Deutschland, das Torverhältnis liegt bei 66:28.

  • 4.) Fohlen-H-Milch

Die Favre-Elf konnte sich neben Hrgota auch auf ihr zweites H verlassen. André Hahn traf zum 1:0, bis auf das zweite Gegentor lief alles wie in H wie Homburg. In letzter Instanz fand der Ball mit Glück den Weg zum Ex-Augsburger. Begonnen hatte der Angriff mit einer Kombination zwischen Raffael und Ibrahima Traoré, die die Fußball-Wendung "Hacke, Spitze, Eins-zwei-drei" in all ihren Facetten darstellte. Hahn vollendete mit Entschlossenheit, manch einer mag es Gewalt nennen. Angriffe nach diesem Rezept zeigte der VfL jedoch zu wenige.

 
  • 5.) 180-Grad-Wendung

Ein weiteres H, das von Patrick Herrmann, durfte erst in den zweiten 45 Minuten mitmischen. Nach den 29 Rekord-Auswechslungen in der vergangenen Saison hat der Saarländer momentan zum Joker umgeschult. Große Impulse setzte er in Sarajevo nicht, eine Großchance ließ er liegen. Dagegen erwies sich ein anderer Wechsel als wertvoll. Lucien Favre brachte Julian Korb für Hahn, der hinten zeitweise überforderte Fabian Johnson rückte auf rechts nach vorne – und wurde zum Vorlagengeber bei Hrgotas 3:2.

  • 6.) Eidgenössisch

Tony Jantschke und Hahn waren die einzigen deutschen Spieler in Borussias Startelf. Genauso viele Schweizer stellte der Schweizer Lucien Favre in Granit Xhaka und Yann Sommer auf. Der Niederrhein mutiert zum 26. Kanton. Außerdem liefen auf: ein US-Amerikaner, ein Österreicher, ein Spanier, ein Norweger, ein Brasilianer, ein Schwede und ein Guineer (hat sich gelohnt, das mal nachzuschlagen). 

  • 7.) Erfahrung

240 – so viele Europacup-Einsätze hat Borussias Startelf nach dem Spiel auf dem Buckel. Sollte das Weiterkommen gelingen, könnte Lucien Favre am Ende der Gruppenphase bereits eine 300er-Elf aufbieten. So verteilen sich die Einsätze (Stand nach dem Spiel): Stranzl 53, Sommer 48, Dominguez 40, Raffael 33, Xhaka 24, Traoré 15, Nordtveit 10, Jantschke 9, Hrgota 5, Johnson 2, Hahn 1. Nur der Torschütze zum 1:0 gab also sein Debüt. 

  • 8.) Seltene Abstinenz

Ein potentieller Premierenspieler stand erneut nicht im Kader. Europa musste erst einmal ohne den verletzten Max Kruse auskommen. Schon dessen Ausfall in Homburg war außergewöhnlich: Kruse hatte zuvor für den FC St. Pauli, den SC Freiburg und Borussia Mönchengladbach 114 Pflichtspiele in Folge absolviert. Zweimal hintereinander fehlte er in seiner Laufbahn zuletzt in der Anfangsphase der Saison 2009/2010, vor beinahe fünf Jahren.

  • 9.) TV-Lieblinge

Kruse dürfte wie 2,13 Millionen andere Menschen vor dem Fernseher gesessen und kabel eins geguckt haben. Die dortige Übertragung war eine Mischung aus Dauerwerbesendung, 90-Minuten-Monolog des Kommentators und 80er-Jahre-Bild. Der Kameramann versuchte offenbar, das Auf und Ab im Gladbacher Spiel mit zittrigen Schwenks zu untermalen. Kabel eins wird sich über den Sieg gefreut haben – Borussia ist ein Quotengarant.

  • 10.) Kein Skandal

Die gut 1000 Gladbach-Fans in Sarajevo zahlten umgerechnet je zehn Euro für ihre Eintrittskarte. Per Mail erreichte unsere Redaktion der Hinweis (sehr wahrscheinlich aus Bosnien-Herzegowina), dass Borussias Anhänger dennoch die teuersten Plätze im gesamten Stadion hätten. Premium-Plätze auf der Haupttribüne kosteten zwar mehr, korrekt war jedoch die Feststellung, dass die Sarajevo-Fans in ihrer Kurve für die gleiche Kategorie nur ein Viertel des Gästepreises zahlen mussten, 2,50 Euro. Fair ist das nicht, und die Uefa verbietet in ihren Regularien eine derartige Preisgestaltung, solange die beiden Klubs keine anderweitige Vereinbarung treffen. Wie auch immer: Zehn Euro sind selbst in einem veralteten Stadion sicherlich kein Wucher. Fünf Euro kostete die Karte damals in Kiew, der Durchschnittspreis für alle fünf Europacupspiele lag bei etwa 18 Euro.

 
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