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Borussia Mönchengladbach
Schuberts Rekord und ein Interims-"Fußballgott"

Schubert: "Sie sind gelaufen, gelaufen und gelaufen"
Mönchengladbach. Granit Xhaka war sportlich nur ein Nebendarsteller beim 2:0 gegen den VfL Wolfsburg. Dennoch waren die Scheinwerfer dank einer knappen Gegenfrage im Nachhinein auf den Schweizer gerichtet. Natürlich ging es um André Schubert, den Rekordmann. Von Jannik Sorgatz

1. Nur "nach unten" geh'n sie nicht
Hennes Weisweiler hat es nicht geschafft, Udo Lattek nicht, Jupp Heynckes nicht, Bernd Krauss nicht und auch nicht Lucien Favre, der aufgrund seiner herausragenden Arbeit jetzt stets als fünfter Kandidat zu nennen ist, wenn es darum geht, welcher Borussia-Trainer eine Bestmarke verloren hat. Es klingt einfacher, als es war für André Schubert, mit drei Siegen Wolf Werner vom Sockel zu stoßen, der 1987 als einziger seine ersten beiden Bundesligaspiele gewonnen hatte. Und schwupps, beträgt der Abstand auf den vierten Platz nur noch fünf Punkte, vor zwei Wochen waren es zehn. Seitdem hat Gladbach auf den VfL Wolfsburg acht Punkte und auf Borussia Dortmund sieben aufgeholt. Was aber auch bedeutet: Seriöse Prognosen, wo der Weg in den kommenden Wochen hinführt, sind schwieriger denn je. Lediglich "nach unten" scheint es momentan nicht zu gehen.

2. Interims-"Fußballgott"
Ähnlich schwierig ist es, einen "Mann des Spiels" zu küren. Granit Xhaka ist in Tony Jantschkes Abwesenheit mittlerweile Interims-"Fußballgott" und er trägt schwarze Schuhe. Letzteres besitzt in Zeiten der Neontreter ja Nachrichtenwert. Sportlich hat sich der Schweizer nicht allzu sehr aufgedrängt. Die Anfangsphase war zwar stark, als in 23 Minuten alle Pässe ankamen. Doch in dieser Zeit trat er Marcel Schäfer auch schön böse auf den Fuß und sagte André Schürrle nach dessen Halbschwalbe, dass er bitte damit aufhören solle (großzügig umschrieben). Später sah er seine vierte Gelbe Karte der Saison, aber für eine dezente Bewegung ins Rampenlicht reichte eine Gegenfrage in der Mixed Zone: "Wofür brauchen wir einen neuen Trainer?" 

3. Den einfachsten Teil versemmelt
Als Martin Stranzl sein Bundesligadebüt feierte, war Andreas Christensen gerade drei Jahre alt geworden. Jetzt ersetzt der Däne den Österreicher mit einer Abgeklärtheit, als hätte er damals schon einen leichten Flaum über der Oberlippe gehabt. Fünf Spiele in Folge hat er absolviert, in denen die Borussia nur sechs Gegentore kassierte, davon vier per Elfmeter. Bei den anderen beiden Treffern verlor Christensen ein Kopfballduell gegen Kölns Modeste und hielt den Kopf in den Schuss von Manchesters Otamendi. So richtig falsch machte er jeweils nichts. Erklären müsste Christensen eher noch einmal, wie er in der ersten Halbzeit gegen Wolfsburg gleich zwei Gegenspieler austanzen, dann aber einen einfachen 20-Meter-Steilpass versemmeln konnte.

Übersicht: So starteten die Bundesliga-Trainer der Borussia FOTO: rpo

4. Gesellenprüfung bestanden
Reiner Sippel dürfte stolz sein auf den Landesehrenpreis im Bäckerhandwerk 2013. Am Samstag hatte der Bäcker-und Konditormeister aus dem rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim einen weiteren Grund: Sein Sohn Tobias feierte seine Pflichtspiel-Premiere für Borussia Mönchengladbach und hielt zum ersten Mal in dieser Saison die Null. Dass seine Kollegen nicht den zehnten Elfmeter verursachten, war sehr freundlich von ihnen. Beinahe hätte Sippel das selbst erledigt, aber André Schürrle zeigte im Fallen etwas zu wenig Einsatz, um den Strafstoß mitzunehmen. Unterm Strich war Bäckergeselle Sippel vor allem eins: kein entscheidender Faktor.

5. Tor des Willens
Havard Nordtveit war für diese Rolle auch nicht unbedingt vorgesehen und Raffael hatte sich 75 Minuten lang immer wieder unsichtbar gemacht. Obendrein begann ihre gewinnbringende Co-Produktion illegal, weil der Ball nicht ruhte, als Nordtveit den Freistoß nach einem Abseitspfiff ausführte. Allerdings heißt das ja noch lange nicht, dass Timm Klose gleich zwei unfair geführt Zweikämpfe gegen Raffael verlieren muss und sämtliche Wolfsburger Spieler den gemächlich trabenden Nordtveit ignorieren dürfen. Der Borussia-Park feierte das Tor des Willens mit einer entsprechenden Explosion. 

Gladbach - Wolfsburg: Einzelkritik FOTO: ap

6. Falsch gerechnet
Ein paar Borussen stiegen am Donnerstagvormittag aufs Fahrrad, der Rest ließ sich pflegen. Die Nacht hatten alle in ihren Betten verbracht, was nach einem aufregenden Abend wie dem Champions-League-Spiel gegen Manchester City besonders wohltuend sein kann. Und dann war auch schon wieder Samstag. Die Wolfsburger mussten in der Zwischenzeit eine Nacht im Hotel in Manchester verbringen, zurück nach Hause fliegen und den Weg nach Mönchengladbach hinter sich bringen. Somit wähnte Dieter Hecking seine Mannschaft in Sicherheit und "hatte schon mit einem 0:0 gerechnet". Aber dann nutzte die Borussia den Müdigkeitsvorteil. 

7. Product-Placement in der Pk
Es ist in diesen Tagen fast schon zu leicht, den VfL Wolfsburg mit Häme zu überschütten. Man kann den VW-Abgasskandal nutzen, muss man aber nicht. Die Nordkurve schickte nach dem Spiel erst einmal ein paar Grüße an ihren Ex-Liebling Max Kruse und sang: "Siehst du Kruse, so wird das gemacht!" Doch dann sagte Dieter Hecking in der Pressekonferenz: "Uns fehlt im Moment einfach das Schalten vom vierten in den fünften Gang." Da fiel es schon schwer, kein Product-Placement der Volkswagen AG zu wittern.

8. Nuancen entscheiden
Selbst die Foul- und die Abseitsstatistik sahen keinen klaren Sieger in diesem Spiel, der Rest war sowieso ausgeglichen. Lediglich ein etwas detaillierterer Wert sprach eindeutig für die Borussia. Unklar ist, ob die Wolfsburger so selten im Angriffsdrittel auftauchten, weil sie auf dem Weg dorthin spielerisch scheiterten oder weil ihnen die Kraft fehlte. Beides klingt plausibel. Jedenfalls sind 81 Pässe im Angriffsdrittel der niedrigste Wert für einen Gegner unter André Schubert. Manchester City hatte 244, der VfB Stuttgart 152 und der FC Augsburg 114. Gladbach zeigte in der kritischen Zone 50 Prozent mehr Präsenz als Wolfsburg – und reduzierte hinten das Risiko, dass irgendwer über ein Bein fällt oder einen Ellbogen abbekommt.

Hecking muss auf die Tribüne – und wird von Fan provoziert FOTO: Screenshot Sky

9. U23 ist Spitze
Eine Übersicht über die Startbilanz der U23-Trainer von Borussia Mönchengladbach liegt nicht vor. Allerdings ist davon auszugehen, dass Arie van Lent mit drei 2:1-Siegen weit vorne auftaucht. Zumindest vorübergehend hat das Kopfballungeheuer a. D. die zweite Mannschaft an die Spitze der Regionalliga West geführt. Mit einem Sieg im Nachholspiel können die Sportfreunde Lotte noch vorbeiziehen. 

10. Alles nicht normal
Was denken sich eigentlich die Teams aus Champions-League-Gruppe D? Der FC Sevilla war nach fünf Spieltagen in der Primera Division Letzter, der Europa-League-Sieger wohlgemerkt. Jetzt gab es zwei Siege in Folge, darunter am Samstag ein Erfolg gegen den FC Barcelona, was jedoch beeindruckender klingt, als es war, da Barca fünfmal Aluminium traf. Juventus Turin konnte nicht einmal gegen Provinzklub Frosinone Calcio gewinnen und berappelt sich erst so langsam wieder in der Serie A nach einem der schlechtesten Saisonstarts seit Christi Geburt. In der Premier League gewann Manchester City die ersten fünf Partien zu Null, verlor dann aber drei der folgenden vier Pflichtspiele. Am Wochenende gab es ein 6:1 gegen Newcastle United, bei dem Sergio Agüero fünfmal in 20 Minuten traf. Das ist der Mann, der gegen Borussia Mönchengladbach zahlreiche Chancen vergab und erst vom Elfmeterpunkt erfolgreich war. Und die Borussia, die kennen Sie ja.

 
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