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Borussia Mönchengladbach
Stindls Wurstigkeit und Hahns Fernseher im Fokus

Gladbach feiert Sieg auf Schalke mit den Fans
Gladbach feiert Sieg auf Schalke mit den Fans FOTO: Dirk Päffgen
Mönchengladbach. Ganz gut, dass Gladbach und Schalke ihr Duell nicht wie beim Eishockey weiterführen. Die Borussia geht zwar als klarer Sieger hervor, hat auf dem Weg dahin aber zwei Spieler verloren. André Hahn darf sich mit der Zuneigung der VfL-Fans trösten – und mit seinem Fernseher. Von Jannik Sorgatz

1. Der Sommer ist zurück Es gibt Sätze im Fußball, die man so nie lesen wird, zum Beispiel: "Die Bayern hätten gegen Wolfsburg aber alt ausgesehen, wenn Robert Lewandowski nicht fünf Tore geschossen hätte." Torhüter sind zwar dafür da, genau das Gegenteil zu bewirken, aber der Effekt unterscheidet sich nicht sonderlich – Toreverhindern kann wie Toreschießen sein. Und trotzdem sorgt folgende Schlussfolgerung für keinerlei Stirnrunzeln: "Ohne Yann Sommer hätte die Borussia in der ersten Halbzeit auf Schalke aber alt ausgesehen." Auch in den Wochen zuvor musste sich der Schweizer allenfalls den Vorwurf gefallen lassen, keine Elfmeter zu halten. Doch jetzt ist Sommer wieder der Erfolgsgarant in herausfordernden Alltagssituationen, schon am Sonntag beim 3:1 in beeindruckender Manier und auch am Mittwoch im zweiten Duell mit den Königsblauen.

2. Wie Butler James, nur ohne Tigerkopf Unter Borussia-Fans sind Joel Matips Auftritte gegen Gladbach bereits ein Running Gag, auch Schalker erkennen in seinen Patzern ein wiederkehrendes Element. Dabei liegt Matips Notenschnitt in 14 Spielen gegen die Borussia bei 3,79, noch ganz in Ordnung. In der Bundesliga konnte Schalkes Innenverteidiger auch nicht allzu viel dafür, dass Ibrahima Traoré im Zweikampf mit ihm den entscheidenden Freistoß herausholte. Am Mittwoch erreichte Matip auf Slapstick-Skala allerdings einen Wert wie Butler James, der in "Dinner for One" über den Tigerkopf fällt. Lars Stindl sagte "Cheerio!" und netzte mit dem ersten Torschuss locker ein.

Stindl nutzt Matip-Patzer eiskalt aus FOTO: dpa, gki jhe

3. Der entscheidende halbe Meter Stindl hat Ende Oktober schon sechs Tore aus dem Spiel heraus erzielt, Max Kruse erreichte diese Zahl vergangene Saison Ende April. In der unkonventionellen Wurstigkeit ihrer Bewegungen ähneln sich beide durchaus, Kruses Laufwege waren bemerkenswert, bei Stindl ist es die Laufbereitschaft, die in der zweiten Hälfte auch das zweite Tor brachte. Wobei im Zweikampf mit Schalke-Keeper Michael Gspurning lediglich 0,5 von 12.000 zurückgelegten Metern entscheidend waren. In den vergangenen vier Spielen hat die Borussia drei Elfmeter bekommen und nur einen verursacht. Auch in dieser Hinsicht ist die Wende vollbracht.

Hazard verwandelt Elfmeter auf Schalke FOTO: dpa, gki jhe

4. Schlüsselspieler im Verborgenen Die Wahrnehmung geht manchmal weit auseinander. Das durfte Fabian Johnson nach dem 3:1-Heimsieg gegen Schalke spüren, falls ihm sein Berater ein Dossier mit seinen Noten aus diversen Medien vorgelegt hat. Die Kollegen vom "Kicker" gaben ihm eine 4, womit er schlechtester Borusse war. Unsere Redaktion verteilte eine 3+, während "Torfabrik" den US-Nationalspieler mit einer 1,5 adelte. Natürlich hat niemand die Wahrheit gepachtet, aber an Johnson zeigt sich, was für einen schwer durchschaubaren Wert ein Spieler haben kann, der weder vorne noch hinten mit spektakulären Aktionen glänzt. Im DFB-Pokal kam er zur Pause für Josip Drmic und wurde allein schon zum Faktor, weil Thorgan Hazard auf seine Lieblingsposition ins Zentrum durfte. Ansonsten darf man Johnson blind das Prädikat "ordentlich" verleihen. Überragend ist seine Bundesliga-Bilanz mit der Borussia. Wenn Johnson in der Startelf stand, gab es 16 Siege, vier Unentschieden und nur eine Niederlage.

5. Nur noch 45 Minuten Die Startelf-Bilanz von Josip Drmic in der Bundesliga weist eine Niederlagenquote von 100 Prozent und kein einziges Tor auf – der gesamten Mannschaft, wohlgemerkt. Doch das größere Problem ist die Tatsache, dass die Zahlen aufgrund der geringen Menge nicht repräsentativ sind. Auf Schalke durfte Drmic seine ersten Minuten unter André Schubert absolvieren. Dass es nur 45 wurden und anschließend offensiv weitaus mehr ging für den VfL, verheißt nichts Gutes im Fall des Zugangs. Wieder war Drmic kaum ins Spiel eingebunden und wenn, dann schlief er bei einem Einwurf, rutschte weg oder foulte, nachdem er sich ein einziges Mal gut durchgesetzt hatte.

6. Jantschke im Glück Mangelnde Spielpraxis wird ein Faktor bei Drmic gewesen sein, doch der Schweizer darf sich nichts vormachen: Wenn er eine Chance bekommt, muss er ohne funktionieren. Aus diesem Teufelskreis wird Drmic kaum herauskommen, solange das Verletzungspech der Borussia nicht auf die Offensive übergreift. Raffaels grippaler Infekt ist die harmloseste Diagnose im Lazarett, das zuletzt in der Seuchen-Hinrunde 2010/2011 unter Michael Frontzeck so voll war. Tony Jantschke gesellt sich mit einer schweren Kapsel-Bänderdehnung in der rechten Schulter hinzu, er wurde kurz vor Schluss von Pierre-Emile Höjbjerg abgeräumt. Immerhin ist die Diagnose nicht so schlimm, wie zunächst befürchtet. So langsam rückt jedoch die U23 in den Fokus, um den 18er-Kader zu füllen.

7. Trash Talk auf den Rängen Es dürfte ganz gut sein, dass das Duell mit dem FC Schalke keine Best-of-Seven-Serie wie beim Eishockey ist. Mitunter ging es ähnlich rabiat zu wie in der Halle auf dem Eis. Auf den Rängen fielen die Schalker Fans erneut negativ auf, diesmal mit "Wo ist André Hahn?"-Gesängen. Ansonsten boten beide Lager besonders in der Schlussphase genügend Anlass, den Hintergrund-Sound mit einem Piepen wie in amerikanischen Talkshows zu übertönen. Ohne Schimpfworte kamen eigentlich nur die "Patrik Andersson"-Sprechchöre aus dem Gladbacher Gästeblock auf, der die Vier-Minuten-Meisterschaft-2001-Karte mal auf etwas andere Weise spielte.

8. Groß wie der Fünfmeterraum Die "Zehn vom Niederrhein" widmet sich auch der Technik – Technik im Wohnzimmer gehört jedoch selten dazu. Für André Hahns Fernseher, den es bei Facebook zu bestaunen gab, wird eine Ausnahme gemacht. Also dann: Was für ein Gerät!

Auf geht's Männer. Kämpfen und Siegen und ab in die nächste Runde! Ich drücke Euch Krücken & Daumen! 󾭞🏻 #fohlenelf

Posted by André Hahn on  Mittwoch, 28. Oktober 2015

9. Alles andere als Schongang Das Wort "Spezialprogramm" kennt jeder, der ab und an die Waschmaschine bedient. Seit der Pressekonferenz vor dem Schalke-Spiel kennt man es auch in Verbindung mit Gladbachs U23-Torjäger Marlon Ritter. Der hat Lucien Favre schon ein berüchtigtes "Oh lala!" abgerungen, das Profidebüt lässt allerdings noch auf sich warten. So nah dran wie jetzt war der 21-Jährige noch nie, allein aufgrund der personellen Lage. Nach Schuberts Rüffel ("Er muss in dem ein oder anderen Bereich mehr und härter an sich arbeiten") ist die Tür zwar weiterhin auf, es kamen aber erste Zweifel auf, ob Ritter hindurch passt. Die Arbeit mit nicht ganz so leicht zu bedienenden Jungspielern ist eine Herausforderung für Schubert. Bei Erfolg kann er in dem Bereich starke Argumente sammeln. Thorgan Hazard – wenn auch auf einem anderen Niveau – ist auch so ein Kandidat für ein "Spezialprogramm". Eine Waschmaschine hat ja mehr als nur eins.

10. Schubert ist gefordert Auf 108 Seiten reglementiert die Uefa so ziemlich alles, was es in der Champions League zu reglementieren gibt. "Der Zeitplan für die Bewässerung des Spielfelds ist vom Heimverein bei der Organisationssitzung am Spieltag bekanntzugeben", heißt es. Genauso erfährt der aufmerksame Leser, dass in den Play-offs eine horizontale und vertikale Beleuchtungsstärke von 1400 Lux in Ordnung ist, ab der Gruppenphase müssen es 1500 sein. Nur in einer Sache schweigt sich die Uefa aus und deshalb gilt es, mit einer Legende aufzuräumen: Trainer dürfen in der Champions League anziehen, was sie wollen – auch grüne Pullover.

(jso)
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