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Tony Jantschke
"Borussia entspricht meinem Naturell"

Porträt in Bildern: Das ist Tony Jantschke
Porträt in Bildern: Das ist Tony Jantschke FOTO: Dirk Päffgen
Mönchengladbach. Der Defensivspezialist kam 2006 aus Dresden an den Niederrhein. Seitdem steht er gleichsam für Vereinstreue und Heimatverbundenheit. Deshalb ist der 27-Jährige auch für Themen abseits des Sportlichen ein guter Ansprechpartner.

Tony Jantschke ist seit elf Jahren Borusse und hat mit dem Klub so ziemlich alles erlebt. Im Interview mit Karsten Kellermann und Jannik Sorgatz erklärt er, wie man eine heftige Niederlage als Profi verarbeitet, und sagt, warum ihn einige seiner sächsischen Landsleute zuletzt arg schockiert haben mit ihrer Wahlentscheidung.

Vergangene Woche das 1:6, bei ihrem ersten Auftritt dort vor neun Jahren haben Sie eine Gehirnerschütterung erlitten. Dortmund ist nicht das beste Pflaster, oder?

Jantschke Das stimmt, und beim einzigen Sieg, den wir da in meiner Zeit eingefahren haben, war ich verletzt. Ansonsten gab es meistens auf den Sack, egal ob ich gespielt habe oder nicht. Aber so ist das: In manchen Stadien bist du erfolgreicher, in anderen...

Woran liegt das?

Jantschke Keine Ahnung, dafür gewinnen wir in Stuttgart relativ oft, sehen meistens in Bayern gut aus.

Liegt's an der Spielweise des BVB?

Jantschke Die hat sich über die Jahre auch immer wieder geändert. Unter Tuchel haben sie viel auf Ballbesitz gespielt, jetzt pressen sie wieder mehr. 2014 waren sie in der Hinrunde sogar ganz hinten, haben aber ihr bestes Spiel gegen uns gemacht.

Und benötigten trotzdem Christoph Kramers Hilfe.

Jantschke Stimmt, das Eigentor.

Zuckt es besonders in den Beinen, wenn man draußen sitzt und die Kollegen derart schwimmen sieht?

Jantschke Nein, sagen wir's so: Ich weiß auch, wie die Jungs sich gefühlt haben.

Wie fühlt man sich?

Jantschke Natürlich suboptimal. Vor allem als Verteidiger gibt es angenehmere Spiele. Du hast das Gefühl, du kannst machen, was du willst. Die Tage danach sind auch nicht sehr prickelnd, gerade wenn du keine Englischen Wochen hast. Dann wird auf dich eingehauen, aber das gehört dazu. Wenn du sechs Dinger kriegst, musst du das aushalten. Es war ja auch nicht unverdient. Doch das ist jetzt abgehakt.

Jetzt kommt Hannover. Zehn Spiele haben Sie gegen die gemacht, sieben gewonnen. Also einer der Gegner, gegen die es besser läuft. Beim letzten Mal 2015 war noch Julian Korb ihr Nebenmann, der spielt nun bei 96. Schon eine SMS geschrieben?

Jantschke Noch nicht. Zumindest nicht im Hinblick auf dieses Spiel. Wir schreiben sonst wirklich regelmäßig. Leider ist es schon jahrelang so, dass meine besten Freunde in der Mannschaft den Verein verlassen - Thomas Kleine, Tobi Levels, jetzt Juli. Das ist immer schade, aber so ist der Fußball. Mit Juli habe ich einen sehr guten Kontakt, wir kommen beide hier aus der Jugend und haben viele schöne Sachen erlebt. Deshalb freue ich mich, dass es so gut bei ihm klappt.

Mit drei Siegen und drei Unentschieden ist Hannover super gestartet, noch keine Niederlage.

Jantschke Ich glaube, die nehmen den Schwung gerade etwas mit. Als Aufsteiger ist das oft so. Sie haben ein sehr gutes Trainergespann, das sehr ruhig seine Arbeit macht. Das wird ein harter Brocken.

Aber das Ziel muss es sein, Hannovers Serie zu stoppen.

Jantschke Klar, es ist ein Heimspiel und wir wollen gewinnen - gerade nach dem Dortmund-Spiel. Leider haben wir gegen Frankfurt zu Hause schon Punkte liegen lassen. Das läuft uns noch etwas hinterher.

Bislang hat die Saison ohne Sie auf dem Platz stattgefunden, das Ende der vergangenen auch. Ihr letztes Pflichtspiel haben Sie am 1. April im Frankfurt gemacht.

Jantschke Genau, in der Vorbereitung habe ich aber alle Spiele mitgemacht. Was soll ich sagen? Ich kann da viel philosophieren, aber es bringt nichts. Natürlich ist es ärgerlich, weil ich sehr gut drin war, als Dieter Hecking angefangen hat. Da habe ich die ersten 14 Spiele oder so gemacht und mich dann verletzt. Es hat dann doch länger gedauert, als vermutet, weil es zweimal wieder aufgebrochen ist. Es war schade, das Pokal-Halbfinale und den Schlussspurt zu verpassen. Im Urlaub habe ich dann durchtrainiert, bin gut in die Vorbereitung gekommen, habe vier Wochen komplett mitgemacht - und dann passiert etwas Ähnliches auf der anderen Seite hinten am Oberschenkel. Es hat keinen Sinn, sich davon aus dem Konzept bringen zu lassen. Verletzungen gehören zum Fußball dazu.

Stehen Sie trotzdem noch mit einer gewissen Skepsis auf dem Platz?

Jantschke Wenn ich mit der Mannschaft trainiere, ist das erledigt und ich denke nicht mehr dran.

Hinten rechts gibt es eines der wenigen echten Duelle im Kader. Nico Elvedi vs. Tony Jantschke?

Jantschke Als Duell habe ich das nie gesehen, auch vorher nicht. Es muss sich nur einer unserer Innenverteidiger verletzen, dann müssen Nico oder ich vielleicht nach innen, vielleicht auch Reece Oxford. Nico macht seine Sache gut, da kann man nichts sagen. Deshalb bin ich etwas hinten dran. Als Dieter Hecking neu kam, hatte Nico eine Verletzung und saß die ganzen Spiele draußen. Wenn du als Trainer eine eingespielte Viererkette hast, wechselst du nicht viel. Das kennen wir schon von Lucien Favre. Aber ich bin lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass das in ein, zwei Spielen schon wieder anders aussehen kann.

Wenn Spieler wie Sie oder Tobias Strobl ausfallen, fällt das besonders ins Gewicht, weil Sie im Borussen-Kader mehrere Positionen einnehmen.

Jantschke Solche Spieler dürfte jeder Trainer gerne haben - ob sie jetzt spielen oder er sie in der Hinterhand hat. Gerade für die Kaderzusammenstellung ist das wichtig, weil du vielleicht einen Stürmer mehr mitnehmen kannst für alle Eventualitäten, weil du zwei hast, die hinten alle Positionen spielen können. Das ist natürlich ärgerlich, wenn am Anfang der Saison Fabian Johnson, Tobi Strobl und ich gleichzeitig ausfallen.

Um noch mal auf das Thema Eigengewächse zu sprechen zu kommen - damals mit Julian Korb, Patrick Herrmann, Marc-André ter Stegen und Ihnen standen oft vier in der Startelf. Das hat sich ein wenig gewandelt. Es scheint das Zeitalter angebrochen zu sein, in dem junge Spieler von außerhalb kommen, wie Reece Oxford und Mickael Cuisance. Ist es schwieriger geworden für die eigene Jugend?

Jantschke Ich weiß es nicht, das wäre eine interessante Frage für Max Eberl (lacht). Ich bin wirklich zu wenig in der Thematik drin, um zu wissen, wie viele Spieler es momentan in unserer Jugend gibt, denen der Sprung zugetraut wird.

... oder man bekommt nicht mehr die Talente, die man früher bekommen hat, weil sie jetzt nach Leipzig oder Bayern gehen.

Jantschke Auch das wäre eine Frage für Max Eberl.

War für Sie, Patrick Herrmann oder Marc-André ter Stegen der Misserfolg ein Sprungbrett?

Jantschke Es kommt auf die Sichtweise an. Im Abstiegskampf gibt es auch Trainer, die nur auf die Erfahrenen setzen. Natürlich ist es für junge Spieler etwas einfacher, in einer mittelmäßigen Mannschaft hochzukommen als in einer Champions-League-Mannschaft.

Wäre RB Leipzig damals eine Option für Sie gewesen, wenn es den Verein schon gegeben hätte?

Jantschke Ausschließen würde ich es nicht. Aber Hertha war auch nicht besonders weit weg von Dresden. Für mich kam es aufs Gesamtpaket an. Ich bin groß geworden in einem Verein, der im Schatten von Dynamo Dresden stand, bei Dresden-Nord, heute Borea Dresden. In allen Jugendklassen spielte der Klub in den höchsten Ligen, wir waren top aufgestellt. Aber das ging nur über die mannschaftliche Geschlossenheit, und das war es, was mich damals in Gladbach überzeugt hat. Dieses Gesamtkonstrukt mit der Nähe zwischen Profis und Jugend, den Kabinen direkt nebeneinander, war einfach ein Punkt, den ich mir genauso vorgestellt hatte und der meinem Naturell entspricht.

Hat sich etwas daran geändert?

Jantschke Nein, das schätze ich auch immer noch. Viele meckern über RB Leipzig oder Bayer Leverkusen, und ich habe schon mal gesagt, dass viele Leute, die mit Borussia sympathisieren, lieber herausstellen sollten, was uns auszeichnet. Wir sind ein Traditionsverein, die Kommunikation zwischen allen Schichten ist sehr eng, darauf sollte man stolz sein - und nicht so viel nach rechts und links gucken.

Dieter Hecking und Dirk Bremser setzen als Trainer sehr viel auf Kommunikation. Ist das für Sie besonders wichtig in Ihrer Situation nach den Verletzungen?

Jantschke Für mich selber ist es jetzt nicht besonders wichtig, permanent das Feedback vom Trainer zu bekommen, oder eine Erklärung, warum ich spiele und warum nicht. Egal ist es mir nicht, aber wir sind Profis. Wenn der Trainer denkt, dass ihm diese elf den maximalen Erfolg bringen, dann hast du das zu akzeptieren. Am wichtigsten ist es, zu wissen, was der Trainer taktisch auf einer bestimmten Position verlangt. Das kommt auch an.

Sie sind Botschafter der Oberlausitz. Im Wahlkreis Bautzen I, in dem ihre Heimatstadt Hoyerswerda liegt, ist die AfD stärkste Kraft geworden. Beschäftigt Sie die Politik in diesen Tagen besonders?

Jantschke Das ist auf jeden Fall ein Thema im Freundes- und Bekanntenkreis. Über das Ergebnis aus Sachsen war ich schon sehr schockiert, keine Frage. Ich habe selber zu Hause gewählt per Briefwahl, weil ich in Gladbach meinen Nebenwohnsitz habe. Mein Freundeskreis teilt meine Einstellung größtenteils, deshalb war ich auch ein Stück weit überrascht. Das Ergebnis war deutlich und man muss nicht drumherum reden, dass da irgendetwas schiefläuft. Wir leben zum Glück in einer Demokratie, in der sich jeder frei äußern kann. Und wenn jemand unzufrieden ist, kann er das äußern - aber in einem bestimmten Rahmen. Denn jedem in Deutschland sollte klar sein, dass Rassismus oder auch nur Äußerungen, die in diese Richtung gehen, keinen Platz haben.

Wird das auch in der Mannschaft diskutiert?

Jantschke Ich kann Ihnen versichern, dass wir gerade nach so einer Wahl immer wieder Diskussionen führen - auch wenn es das Image des blöden Fußballprofis gibt.

Die Bundesliga mit ihren vielen Nationalitäten ist eigentlich das beste Beispiel, wie es sein muss.

Jantschke Ich weiß, dass Rassismus existiert. Aber ich kann mich schwer in diese Leute hineinversetzen, weil mir die Herkunft eines Menschen grundsätzlich egal ist. Jeder Mensch hat seine Würde - und die kann ihm niemand absprechen. Diese Toleranz gilt es vorzuleben.

Quelle: RP
 
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