| 10.49 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Überproduktion in allen Bereichen

Einzelkritik: Christensen und Vestergaard oft überfordert
Einzelkritik: Christensen und Vestergaard oft überfordert FOTO: dpa, ua hpl
Mönchengladbach. Die Hoffenheimer Fans können das 5:3 gegen Borussia Mönchengladbach als fast perfektes Spiel abspeichern, wenn sie sich an Nick Hornby und sein Buch "Fever Pitch" halten. Deutlich negativer werden es Borussias Fans sehen – doch auch für ihr Team war es ein bemerkenswerter Ostersamstag. Von Jannik Sorgatz

Seltenes Acht-Tore-Spiel

In den 15 Monaten unter André Schubert suchte man es vergeblich, in der Ära Lucien Favre passierte es nur einmal, dafür aber gleich fünfmal unter Michael Frontzeck – und nun hat auch Dieter Hecking sein Mindestens-sieben-Tore-Spiel mit Borussia Mönchengladbach in der Bundesliga. Sogar acht Tore wurden es am Ende, mehr gab es zuletzt im August 2010, als Gladbach dieses wahnsinnige 6:3 bei Bayer Leverkusen holte. Das sind die sieben torreichsten Ligaspiele seit dem Wiederaufstieg 2008:

6:3 bei Bayer Leverkusen (2010)
5:3 gegen Hannover 96 (2009)
3:5 bei 1899 Hoffenheim (2017)
4:3 gegen Werder Bremen (2010)
3:4 gegen Bayern München (2013)
1:6 bei Hannover 96 (2010)
0:7 beim VfB Stuttgart (2010)

Von 5:3 bis 3:5 war alles drin

Kurz hatte es den Anschein, als würde Julian Nagelsmann gleich beim ZDF anrufen und seinen Auftritt im "Sportstudio" absagen – um lieber mit Dieter Hecking in Sinsheim um die Häuser zu ziehen. Beide Trainer waren begeistert von diesem Spiel, und sie hatten unter der Woche mit ihren Aussagen über den Gegner fast schon angekündigt, was die Zuschauer erwarten würde. Bei 2,16:2,03 stand der "Expected Goals"-Zähler am Ende, ohne einen Elfmeter. In 13 Ligaspielen unter Hecking ließ Borussia nur gegen Bayern München und Eintracht Frankfurt (jeweils 2,36) mehr zu, kassierte aber insgesamt nur ein Gegentor. Mehr Gefahr produzierte sie dagegen nur beim 4:2 gegen Schalke 04 mit 2,74 zu erwartenden Toren. 5:3, 4:3, 3:3, 3:4, 3:5 – wenn man den beiden Trainern glaubt, wäre die Pressekonferenz nach jedem dieser Resultate ähnlich euphorisch verlaufen. Es hatte viele Züge von einem "perfekten Spiel", das Nick Hornby in seinem Fußballroman "Fever Pitch" beschrieben hat - auch ohne Elfmeter, Platzverweis und Last-Minute-Siegtor.

Ruhender Ball sorgt für Unruhe

"Der Standard ist der einfachste Weg zum Tor", sagte Co-Trainer Dirk Bremser im Interview mit unserer Redaktion, und ein paar Stunden nach der Veröffentlichung konnte jeder bestaunen, wie er das meinte: Bayer Leverkusen traf gegen Borussia zweimal nach einem Eckball. Bis zum achten Tor des Jahres musste Gladbach selbst auf ein Standard-Tor warten, im DFB-Pokal bei der SpVgg Greuther Fürth war es noch ein Elfmeter. Das zehnte Tor brachte gegen RB Leipzig ein Eckball-Tor, das 13. beim AC Florenz eines nach einem Freistoß. Einen direkt verwandelten gab es unter Hecking und Bremser noch nicht, doch auch so resultierten 13 von 33 Pflichtspieltoren aus einer Standardsituation: vier Elfmeter, fünf Ecken, vier Freistöße. Doch hinten muss Borussia genauso aufpassen: Köln und Hoffenheim trafen innerhalb einer Woche insgesamt dreimal nach Freistößen gegen Gladbach.

Christian Dingert äußerst unglücklich

Wenn so oft falsch entschieden wird und keiner der Beteiligten in Schimpfarien verfällt, ist das für einen Schiedsrichter nicht unbedingt ein Kompliment. In diesem Fall scheint er einfach beide Teams gleichermaßen benachteiligt zu haben. Hoffenheim hätte sich bei Christian Dingert beschweren können über Jonas Hofmanns Handspiel vor dem 2:2. "Auf keinen Fall Absicht", sagte Nagelsmann zwar, aber Hofmann lief in einer klaren Abwehrhaltung auf Torwart Oliver Baumann zu. Zudem hätte Hoffenheim in der 43. Minute einen Elfmeter bekommen können und Mo Dahoud in der zweiten Halbzeit vom Platz fliegen müssen. Bei Borussia war die Liste ähnlich lang: Knappes Abseits vor Hoffenheims 1:0, kein Freistoß vor dem 3:2. Und zu guter Letzt hätte Dingert beim 5:3 wohl eine Münze werfen müssen: Elfmeter oder Stürmerfoul? Es war kein einfacher Nachmittag.

Ganz normal rekordverdächtig

Vergangene Saison hatte der Sechste nach 29 Spieltagen 45 Punkte auf dem Konto und landete am Ende bei 50, genau wie der Siebte. So ein Schneckenrennen kann hinten raus noch lahmer werden. Von Hertha BSC auf dem fünften Platz bis zu Man-weiß-es-nicht-so-genau nimmt der Kampf um den Europapokal schon wieder rekordverdächtige Züge an. Wobei dieser Wahnsinn inzwischen eher die Regel ist in der Bundesliga. Nehmen wir Bayer Leverkusen: vier Punkte Rückstand auf den siebten Platz, vier Vorsprung auf den Relegationsplatz. Mit vier Siegen würde Bayer sicher noch oben eingreifen, aber einen brauchen sie mindestens noch, um sich nach hinten absichern. Vor zwei Jahren hatte Hertha zum gleichen Zeitpunkt ebenfalls nur vier Rückstand auf den Siebten und sogar sieben Vorsprung nach unten: Am Ende reichte es nur dank der besseren Tordifferenz für den direkten Klassenerhalt.

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Borussia Mönchengladbach: Überproduktion in allen Bereichen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.