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Borussia Mönchengladbach
Warum Schweizer für die Borussia interessant sind

Porträt in Bildern: Das ist Marcel Koller
Porträt in Bildern: Das ist Marcel Koller FOTO: AP
Mönchengladbach. Früher waren es die Dänen. Sie passten zu Borussia Mönchengladbach. Gute Typen, gute Fußballer, leicht zu integrieren, Teamplayer. Aus keinem anderen Land beschäftigte Borussia mehr Spieler als aus Dänemark. Männer wie Ulrik Le Févre, Henning Jensen oder Allan Simonsen prägten dann auch die große Zeit der Gladbacher in den 70er Jahren, ihre Namen gehören zur Ikonen-Galerie des Klubs. Auch sonst sind Skandinavier durchaus beliebt bei Borussia. Acht Norweger finden sich in der "Gastarbeiter"-Liste, zudem sechs Schweden und fünf Finnen, das macht in der Summe Nordlichter. Aktuell sind vier Skandinavier im Kader: Der wehrhafte Norweger Havard Nordtveit, der gegen Wolfsburg ein brachiales Tor erzielte, der filigrane Linksverteidiger Oscar Wendt, Innenverteidiger Andreas Christensen und Stürmer Branimir Hrgota. Sie setzen eine gute alte Tradition fort. Von Karsten Kellermann

Doch der Trend ist längst ein anderer in Gladbach: Er geht zum Schweizer (es ist ein genereller Trend in der Bundesliga). Jörg Stiel war 2001 der erste bei Borussia, David Degen folgte 2006. 2012 kam dann Granit Xhaka. In diesem Sommer nun waren die Eidgenossen der ganz große Importschlager: Josip Drmic, Nico Elvedi und Djibril Sow (U23) wurden geholt. Dass da noch der Trainer Lucien Favre war, der Fußballprofessor aus der Westschweiz, komplettiert das Bild: Borussia geht mithin als der 27. Kanton des Nachbarlandes durch.

Folgt Koller auf Landsmann Favre?

Darum verwundert es nicht, dass nun, da die Borussen einen Nachfolger des überraschend entschwundenen Lucien Favre suchen, einige Namen aus der Schweiz im Spiel sind, Marcel Koller zum Beispiel, derzeit Nationaltrainer Österreichs. Koller kennt die Bundesliga, er jobbte schon beim 1. FC Köln (2003 bis 2004) und beim VfL Bochum (2005 bis 2009). In Gladbach ist sein Name schon lange bekannt: 2003 interessierte sich der damalige Manager Christian Hochstätter für Koller. Als sich Borussia 2011 von Michael Frontzeck trennte, war auch sein Name im Gespräch, es wurde aber Favre. Kurz darauf übernahm Koller Österreich und führte das Team zur ersten EM-Teilnahme seit 2008. Nach dem kontinentalen Turnier endet sein Vertrag.

Ein anderer eidgenössischer Fußball-Lehrer, den man mit Gladbach in Verbindung bringt, ist Pierluigi Tami. Der wie Koller 54-Jährige hat alle Nachwuchsteams des Schweizer Verbandes betreut und kennt somit die Schweiz-Borussen der Gegenwart allesamt. Gerade macht Tami einen guten Job bei Grasshopper Zürich. Die Bundesliga kennt er indes allenfalls aus der Beobachtung, doch genießt er einen guten Ruf in seiner Heimat und gilt als Entwickler und Trainer mit einer klaren Handschrift. Zudem hat er, wie Koller auch, einen Hang zur Akribie. "Ich finde gerne die Strategie des Gegners heraus. Aber genauso gerne lerne ich auf diese Weise auch meine eigenen Spieler kennen. Und das nicht nur auf dem Spielfeld. Wie ist sein Verhalten beim Frühstück? Wie gibt er sich in der Kabine? Wie auch auf dem Rasen. Dabei ist nicht einmal so wichtig, was er sagt, sondern wie er sich gibt. Ich höre am besten mit meinen Augen", sagte er in einem Gespräch mit dem "Zürcher Tages-Anzeiger".

Schweiz profitiert von Leistungszentren

Es gibt reichlich Gründe, warum es eine besondere Verbindung zwischen Gladbach und der Schweiz gibt. Beide, der Schweizer Fußballverband und die Gladbacher, setzen auf intensive Nachwuchsarbeit. Leistungszentren, wie sie der DFB nach der miesen EM 2000 einführte, gab es in der Schweiz damals schon seit vielen Jahren. Der U17-WM-Sieg, an dem unter anderem Gladbachs Granit Xhaka aktiv beteiligt war, war ein Teil der Ernte. Die starken Auftritte bei der WM in Brasilien vor einem Jahr ebenfalls. Und auch die Tatsache, dass Schweizer Fußballer zum begehrten Gut geworden sind, nicht nur in Gladbach.

Der Schweizer Verband ist ein kleiner, so wie Borussia ein Klub ist, der im Vergleich zu den Branchenriesen Bayern, Dortmund, Leverkusen, Schalke und Wolfsburg hintenansteht mit den finanziellen Möglichkeiten. In beiden Fällen sind kreative Ideen gefragt und gute Konzepte. In der Schweiz gibt es klare Vereinbarungen der 14 Topklubs mit dem Verband, was die Nachwuchsausbildung angeht – das greift. Und auch Borussia hat ein vom DFB mehrfach hochdekoriertes Ausbildungskonzept. "Andere kaufen Stars, wir machen sie selbst", sagte Gladbachs Sportdirektor Max Eberl zuletzt.

Die soziale Vielfalt der Schweizer Fußball-Landschaft mit den vielen Secondos, den Kindern von Einwanderern, erweitern das Spektrum. Für die Arbeitnehmer aus der Schweiz gilt, was für die Skandinavier gilt: gute Typen, gute Fußballer, leicht zu integrieren, Teamplayer. Und es gibt keine Sprachbarriere. Spieler wie Yann Sommer oder Xhaka bringen nebenbei internationale Erfahrung schon in jungen Jahren mit, denn aufgestellt wird im Nachbarland wie bei Borussia nicht nach Alter, sondern nach Qualität. Gleiches Denken verbindet.

Der Rückschluss, dass da, wo es gute Fußballer gibt, auch gute Trainer zu finden sind, liegt nahe. Darum geraten Männer wie Tami oder Koller in den Fokus, wenn Borussia auf der Suche nach einem Trainer ist. Favre gilt als Vorzeige-Trainer-Export, er hatte schon Hertha BSC in die Champions League geführt, und nun hat seine Arbeit in Gladbach für viel Aufsehen gesorgt. "Lucien passt zu Borussia, Borussia passt zu Lucien", pflegte Eberl zu sagen und nannte den Ex-Coach den "perfekten Trainer".

Würde es nun wieder ein Schweizer werden, dem Eberl die Fortentwicklung des Projekts Borussia zutraut, würde sich ein Trend fortsetzen. Und eine gute Tradition.

Quelle: RP
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