| 00.00 Uhr

Borussia Mönchengladbach
"Wir wollen Jugendliche mit dem Holocaust konfrontieren"

Fanprojekt "De Kull" besucht das KZ Auschwitz
Fanprojekt "De Kull" besucht das KZ Auschwitz FOTO: Dirk Päffgen
Mönchengladbach. Der Leiter des Fanprojekts "De Kull" spricht über das Selbstverständnis des Fanprojekts und Bildungsfahrten ins KZ Auschwitz.

Herr Hülsen, was hat sich "De Kull" zur Aufgabe gemacht?

Hülsen ,De Kull' ist freier Träger der Jugendhilfe. Wir kümmern uns um Belange Jugendlicher aus Mönchengladbach mit dem Hauptinteresse Fußball und Borussia. Wir organisieren Auswärtsfahrten, Feriencamps, Bildungsfahrten, es gibt ein Jugendzentrum. Das ist montags bis freitags von 15 bis 20 Uhr geöffnet. Wir kümmern uns aber auch um die Belange der Jugendsubkultur Ultras und begleiten die Ultras bei Spielen. Hier treten wir vor allem als Vermittler zwischen den Ultras und anderen Institutionen auf. Insgesamt hat ,De Kull' den Anspruch, sich um alle sozialen Belange der Borussia-Fanszene zu kümmern, und versucht, in allen Lebenslagen Unterstützung und Begleitung zu ermöglichen.

Was hat sich seit dem Umzug vom Container am Fanhaus nahe des Stadions in das alte Grundschulgebäude an der Hehner Straße verändert?

Hülsen Die Entwicklung ist großartig. Als ich angefangen habe, hätte ich nicht gedacht, dass unser Projekt so groß wird. Das zeichnet aber auch die Arbeit unseres Teams aus. Wir sind stets motiviert bei der Sache und offen für neue Entwicklungen. Wir gehen hierbei auch mal neue Wege und versuchen Methoden der Oldschool-Sozialarbeit aufzubrechen. Durch unsere ständige Präsenz in der Lebenswelt der jungen Fans sind wir ernstzunehmende Ansprechpartner für alle Beteiligten geworden und konnten uns insbesondere ein gut funktionierendes Vertrauensverhältnis zu der Jugendfanszene aufbauen.

Was ist Ihnen speziell im Umgang mit den Jugendlichen wichtig? Was möchten Sie den Jugendlichen mit auf den Weg geben?

Hülsen Wir dürfen nicht vergessen, dass Jugendliche in der schwierigsten Phase ihres Lebens sind. Da passieren Fehler, vielleicht auch im Verhalten - was in der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Genau das ist aber der Knackpunkt - die Fehler müssen passieren, und auch das Verhalten muss von dem der Gesellschaft abweichen, um sich zu prägen und Grenzerfahrungen zu machen. Nur so können sich die jungen Menschen auf Hürden und Gefahren des weiteren Lebens vorbereiten. Sicherlich schlägt auch mal jemand über die Stränge, aber auch hier ist die Intensität immer Ansichtssache. Die Meinung der Eltern ist da nicht immer das Maß aller Dinge. Mir ist wichtig, dass wir Freiräume für Jugendliche schaffen, in denen sie fernab von Eltern und Schule ihre Zeit verbringen können und in uns Vertrauenspersonen sehen, mit denen man über Dinge sprechen kann, die woanders nicht angesprochen werden können.

Borussia Mönchengladbach: Einblicke in Bildband "Wir leben Borussia" FOTO: Przemek Niciejewski

Sie haben die Bildungsfahrten von "De Kull" angesprochen. Zuletzt wurden Konzentrationslager besucht. Warum sind solche Angebote wichtig?

Hülsen Unser Ansatz war immer: Andere reden drüber, wir fahren hin. Wir wollen die Jugendlichen mit der Geschichte des Holocaust konfrontieren und vor Ort zeigen, was passiert ist. Ich denke, dass solche Angebote ergänzend zur Bildung in der Schule enorm wichtig sind. Wir bieten die Fahrten so günstig wie möglich an. Dabei unterstützen uns Sponsoren.

Welche Ziele hatte die Bildungsfahrt?

Hülsen Zuerst ging es nach Auschwitz. Dort besuchten wir die Gedenkstätten der Vernichtungslager Auschwitz 1 und Auschwitz-Birkenau. Tags darauf sind wir nach Weimar gefahren. Dort trafen wir Steffen Andritzke vom Verein Halbstark. Er ist seit vielen Jahren Gladbach-Fan und Autor des Buches ,Kulturstadtbanause'. Steffen hatte für uns ein Sportprogramm zusammengestellt. Der Verein Halbstark versucht, anhand von Kampfsport und Anti-Aggressionstraining Jugendlichen zu helfen. Am Tag danach besuchten wir vormittags die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Buchenwald. Dann ging es nach Frankfurt, wo wir Borussias 5:1-Erfolg feiern durften.

Auch in den Sommer- und Winterpausen bietet "De Kull" ein abwechslungsreiches Programm an. Warum ist es so wichtig, dass der Kontakt zu den Jugendlichen auch in den Spielpausen nicht abreißt?

Hülsen Im Grunde sind diese Angebote alle in Absprache mit der Jugendszene entstanden. Wir haben den Bedarf gesehen und darauf reagiert. Die Ferienaktionen und Feriencamps sind enorm wichtig, um ein vertrautes Miteinander zu schaffen. Wir haben mittlerweile die dritte Jugendgeneration bei ,De Kull' und wir merken, dass die Älteren uns unsere Tätigkeiten mittlerweile mehr als positiv zurückspiegeln.

Wie viele Kids sind regelmäßig bei "De Kull"? Gibt es eine Altersgrenze?

Hülsen Es gibt im Grunde keine Altersgrenze. Die Jüngeren, das heißt, die Kids unter zwölf Jahren, würden wir wohl zu unserem Nachfolgeprojekt ,FanhausKids' auf das ,De Kull' Gelände hinter dem Fanhaus schicken. Zu alt für ,De Kull' wird man im Grunde auch nicht. Wir kümmern uns auch um ältere Fans, die vielleicht die eine oder andere Problemstellung in ihrem Leben nicht alleine lösen können oder wollen.

Dirk Päffgen begleitete die Fahrt des Fanprojekts "De Kull" nach Polen und führte das Gespräch mit Philip Hülsen.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Borussia Mönchengladbach: "Wir wollen Jugendliche mit dem Holocaust konfrontieren"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.