| 16.31 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Xhaka raubt Fans den Schlaf und "volle Kraft nach vorn"

Einzelkritik: Raffael glänzt als Vorbereiter
Einzelkritik: Raffael glänzt als Vorbereiter FOTO: dpa, fg fdt
Mönchengladbach. Die Erfolgsgeschichte der vergangenen vier Jahre war schon zu viel für ein glaubwürdiges Drehbuch. Dann folgte der schockierende Abgang von Lucien Favre am Sonntag – und selbst im ersten Spiel unter André Schubert trägt die Borussia wieder dick auf. Von Jannik Sorgatz

1. Werbung für Borussia

Schon seit Jahren beginnt mit dem Schlusspfiff die Werbebeschallung von den Videowänden. Aus Marketingsicht dürften die Plätze beliebt sein, aber mal ehrlich: Der regelmäßige Stadionbesucher kann nicht einmal sagen, ob immer derselbe Spot läuft oder die Werbung wechselt. Doch diesmal werden sich 40.511 Zuschauer minus mindestens 5000 Frühstarter in Richtung Parkplätze an die drei Minuten nach Spielende lange erinnern können. "Die Seele brennt" ertönte nach der A-cappella-Version in der Schlussphase noch einmal aus den Lautsprechern. Und plötzlich ergab das mit "einzig wahrer Star" und "stolzer Blick zurück, volle Kraft nach vorn" erschreckend viel Sinn. Mit einem neuen Auto oder Girokonto kann man sich auch in weniger bewegten Tagen beschäftigen.

2. Nur einmal schneller

Immerhin hatte der Borussia-Park im ersten Spiel der Post-Favre-Ära (was schon jetzt nach einer bedeutenden Kunstepoche klingt) miterlebt, wie die Mannschaft ein Stück Vereinsgeschichte schrieb. Vier Tore in der ersten Hälfte hatte es zuletzt im Januar 2010 gegen Werder Bremen gegeben. Nach einem 3:0 ging es mit einem 4:2 in die Pause, das Spiel endete 4:3 und war das beste Beispiel dafür, warum sich die Menschen auch am Mittwoch wieder zuraunten: "Hoch verlier'n wir das nicht mehr!" Mit vier Toren nach 45 Minuten führte die Borussia zuletzt im September 1994 beim 7:1 gegen den VfL Bochum. 4:0 nach 21 Minuten stand es zuletzt im Oktober 1984 beim 10:0 gegen Eintracht Braunschweig. Schneller gelang das nur einmal, beim 7:1 gegen Bayer Uerdingen im Mai 1981 reichten 19 Minuten.

3. Zweifel nur dank Deutschland – Schweden

Banaler Mut ("volle Kraft nach vorn") war die Basis für diesen Befreiungsschlag in Schallgeschwindigkeit. Das begann bei der Aufstellung, in der sich überraschend das gerade genesene Trio Patrick Herrmann, Fabian Johnson und Alvaro Dominguez wiederfand. So standen sieben Spieler aus der Erfolgself des Frühjahrs von Beginn an auf dem Platz. Hinzu kamen Mahmoud Dahoud auf der Kramer-Position, Lars Stindl auf der Kruse-Position, Andreas Christensen als Stranzl- und Julian Korb als Jantschke-Ersatz. Als das Spiel bis auf die Deutschland-Schweden-Klausel entschieden war, durften Johnson und Herrmann nach einer knappen Stunde Feierabend machen.

4. Pressen wie bei Klopp und Schmidt

Das sichtbarste Indiz für Mut war im Spiel das unter Favre selten praktizierte Gegenpressing. "Sie waren außerordentlich stark darin, die Defensivstruktur schnell wiederherzustellen und die ersten Aktionen des Gegners zu kontrollieren, ohne dabei den Fokus auf die Balleroberung zu legen", fasst "Spielverlagerung" die Favre-Taktik zusammen. Unter André Schubert war nicht zu übersehen, was sein Ex-Schützling Sebastian Schachten im Interview mit unserer Redaktion sagte: "Nach Ballverlusten will er schnell den Ball wieder haben." Vor dem 4:0 durch Dahoud ging es so schnell, dass auf der Tribüne viele noch mit ungläubigen Whatsapp-Nachrichten an die Daheimgebliebenen beschäftigt waren.

5. Auf Dahoud

Als Dahoud seine erste große Szene des Abends hatte, schauten die 40.000 noch gebannt hin. Es lief ja erst die 2. Minute. Der 19-Jährige ist kein Xhaka und kein Kramer. Er ist nicht einmal eine Fusion der Erfolgs-Doppelsechs aus den vergangenen beiden Jahren und trägt allein aufgrund seiner Statur keine Züge der Kämpfernatur Nordtveit. Dahoud ist auf verblüffende Weise er selbst, so soll es bleiben. Gegen Köln und Augsburg stand Dahoud genauso lange auf dem Platz wie Xhaka, spielte aber nur 96 Pässe, während sich sein Nebenmann mit 220 in Xabi-Alonso-Sphären bewegte.

6. Xhakas Vulkanausbruch

Manchmal müssen Spieler einfach nur lange jung bleiben, bis man merkt, wie jung sie früher waren. (Den Satz dürfen Sie gerne noch zwei-, dreimal lesen.) Granit Xhaka ist schon so lange in Mönchengladbach, dass er die Mannschaft in Abwesenheit von Stranzl, Jantschke und Brouwers als Kapitän aufs Feld führte. Noch nicht gelungen ist es dem Schweizer, seinen 23. Geburtstag zu feiern, bis Sonntag muss er sich noch gedulden. In einer Zeit, in der die Kapitänsbinde nicht nur unwichtiger wird, weil sie die Blutzufuhr im Oberarm erschwert, verkörpert Xhaka einen alten Spielführer-Typus, dem er noch nach dem Abpfiff gerecht werden wollte. Fast schon enthemmt ging er nach der "Welle" in Richtung Nordkurven-Zaun und peitschte die Fans so sehr an, dass einige Probleme mit dem Einschlafen gehabt haben dürften.

7. Fünf aus sieben in drei

Zweimal das Bein stehen lassen, zweimal im Luftduell ungeschickt angestellt, einmal beim Klären gepennt, einmal traf Yann Sommer zuerst den Ball und zum Schluss lief Dong-Won Ji gegen Xhaka, so dass Gedanken an einen Konzessionselfmeter nicht unterdrückt werden konnten, nachdem der Gegner bei den Bayern zuletzt unter einer vergleichbaren Entscheidung gelitten hatte. Das ist die Typologie der sieben Elfmeter, die Gladbach gegen Bremen, Sevilla und Augsburg verursacht hat. Fünf von sieben waren berechtigt, fünf von sieben waren drin – alles im Rahmen, bis auf die Tatsache, dass hier nicht von einer kompletten Saison die Rede ist.

8. Ohne Größenwahn zum 8:2

Es hätte auch ein demoralisierender Abend für Augsburg werden können. In 21 Minuten brachte die Borussia sechs Schüsse aufs Tor, mehr als gegen Hamburg, Sevilla und Köln zusammen, vier waren drin. Bis dahin hatte der Gegner noch gar nicht aufs Tor geschossen. Dann folgte bis zur 75. Minute, als das 4:2 fiel, ein Schussverhältnis von 13:6 für Augsburg. Bis zum Schluss legte Gladbach noch einmal 6:0 Schüsse drauf. Da zweimal das Aluminium rettete und Torwart Marwin Hitz dreimal stark gegen Raffael, Traoré und Stindl parierte, hätte André Schuberts Debüt mit einem 8:2 enden können, ohne dass dieser Satz von Größenwahn zeugt.

9. In guter Tradition

Borussias 44-jähriger Interimstrainer setzte mit dem Sieg zwei Serien fort. Zum einen hatte er bei seinen vorherigen Station in Baunatal, Paderborn und St. Pauli stets das erste Heimspiel gewonnen. Da kann er sich also auch bei den Spielplan-Machern der DFL bedanken. Zum anderen hat zuletzt Bernd Krauss 1992 beim Debüt auf der Gladbacher Bank verloren. Noch beeindruckender als 23 Jahre klingen 15 Namen: Hannes Bongartz, Norbert Meier, Friedel Rausch, Rainer Bonhof, Hans Meyer, Ewald Lienen, Holger Fach, Dick Advocaat, Horst Köppel, Jupp Heynckes, Jos Luhukay, Hans Meyer, Michael Frontzeck, Lucien Favre, André Schubert.

10. Platz 19 ist sicher

44 Teams starteten mit drei Niederlagen in eine Bundesliga-Saison, 16 mit vier Niederlagen, neun mit fünf Niederlagen und nur eine – Fortuna Düsseldorf in der Saison 1991/92 – mit sechs. Die Historie spricht umso mehr für einen guten Zeitpunkt für den ersten Sieg. Düsseldorf landete damals auf Platz 20. Immerhin war schon vor dem Spiel gegen Augsburg klar, dass es so schlimm nicht enden würde für die Borussia.

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