| 17.26 Uhr

Borussia Mönchengladbach
Xhakas Schicksal und Morales' Bewerbung für Hollywood

Einzelkritik: Borussias Offensive findet gegen aggressive Ingolstädter keine Mittel
Einzelkritik: Borussias Offensive findet gegen aggressive Ingolstädter keine Mittel FOTO: dpa, mb kno
Mönchengladbach. Über Fußball wurde nach dem 0:0 zwischen der Borussia und dem FC Ingolstadt wenig gesprochen. Dabei hätte es der Aufsteiger verdient gehabt, dass seine Zerstörungstaktik und sein Mut gelobt werden. Doch das machten sich die Gäste selbst kaputt. Von Jannik Sorgatz

1. Audi schlägt Fiat im Fernduell "Liebe, die immer hofft und nichts erwartet. Wo gibt's das denn sonst noch, verdammte Scheiße?", hat der Schauspieler Matthias Brandt mal in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" über den Fußball gesagt. Im imaginären Shop, der T-Shirts mit André Schuberts philosophischem Spruch "Wir sind alle Interimstrainer" vertreibt, sollte es auch Brandts Zitat zu kaufen geben, beschreibt es doch sehr präzise die Essenz des Fanseins. Vor dem Spiel gegen den FC Ingolstadt wurde in Mönchengladbach zum ersten Mal seit Wochen etwas mehr erwartet als gehofft, schließlich kam da ein Aufsteiger zum Champions-League-gestählten Seriensieger aus der Bundesliga. Wie gegen Juventus Turin am Dienstag wurde es ein Unentschieden, wobei der Underdog aus der Audi-Stadt sich den Punkt weitaus mehr verdiente als der italienische Rekordmeister auf der Fiat-Stadt.

2. "Schlechtmachen aus Prinzip" Auch dafür, dass er so ausgeglichen und unberechenbar ist, muss man den Fußball lieben, doch Liebe war nach dem Abpfiff ein rares Gut im Borussia-Park. Dass Ingolstadt mit seinem bewährten Gegenpressing tief in der Hälfte des Gegners vor allem in ersten Halbzeit ein starkes Spiel machte, das sogar fußballerische Elemente enthielt, ging am Ende völlig unter. "Schlechtmachen aus Prinzip" nennt die "SZ" die konsequente Zerstörungstaktik des Aufsteigers, der damit schon zwölf Auswärtspunkte gesammelt und erst drei Gegentore in der Fremde zugelassen hat. Doch am Samstag trieb er es etwas zu weit – zumindest zu weit, um neben einem Zähler den Respekt des Gegners mit nach Hause zu nehmen.

Fotos: Xhaka sieht nach einem taktischen Foul die Gelb-Rote Karte FOTO: dpa, mb kno

3. Gelb nach 18 Minuten Anfangs schien noch ein smarter taktischer Zug von Granit Xhaka dahinterzustecken. Der Schweizer saß seit dem 8. Spieltag auf seinen vier Gelben Karten. Seit er die Kapitänsbinde trägt, regnet es keine Verwarnungen mehr, bis Samstag zumindest. Vor den schwierigen Spielen gegen Bayern München und Bayer Leverkusen im Dezember bot sich die kaum vermeidbare Pause deshalb an, gegen Hannover oder Hoffenheim müsste die Borussia ohne den 23-Jährigen bestehen können. Bereits nach 18 Minuten kam die Karte, Xhaka hatte bis dahin dreimal gefoult und Schiedsrichter Marco Fritz mit einer Schimpftirade vollends überzeugt.

4. Mit allem anderen beschäftigt Danach herrschte erst einmal Ruhe, doch sie erwies sich als trügerisch. Wer Alvaro Dominguez später über die kalkulierten Provokationen der Ingolstädter sprechen hörte, die diese offen zugegeben hätten, wusste im Nachhinein, dass Xhaka nach seiner Verwarnung heillos verloren war. Er wurde in 34 Zweikämpfe verwickelt, in so viele wie kein anderer Spieler auf dem Platz. Sechsmal foulte Xhaka, fünfmal musste er einstecken. So war der Mann, der am ehesten in der Lage gewesen wäre, Ingolstadts Pressinglinie zu überspielen, mit allem anderen beschäftigt und schon vor seinem Platzverweis raus aus der Partie.

5. 27 Prozent Fehlpässe Mahmoud Dahoud war seinem kongenialen Partner der vergangenen Wochen diesmal keine große Hilfe. Wo der 19-Jährige gegen Turin noch international gestandene Spieler mit einfachen Hüftwacklern stehen ließ, verlor er gegen Ingolstadt im Aufbau viele einfache Bälle. Was das mit dem Spiel machte, untermauert die Passstatistik: 155 ihrer 320 Pässe spielten die Gäste im Angriffsdrittel – so hoch standen sie und so früh verlor die Borussia den Ball. Eine Passgenauigkeit von nur 73 Prozent bedeutet den zweitschlechtesten Wert unter Schubert.

Morales bewirbt sich mit Schauspieleinlage für Hollywood FOTO: Dirk Päffgen

6. Kein Happy End durch Hazard Entsprechend früh war Schluss für Dahoud. Bereits in der 51. Minute kam Josip Drmic zu seinem Bundesliga-Debüt unter dem Interimstrainer. Wenn dem Schweizer der Siegtreffer gelungen wäre, wäre vermutlich ein Schreibtisch vor die Nordkurve getragen worden und Schubert hätte gegen 17.28 Uhr seine Unterschrift unter einen Vertrag bis 2017 gesetzt. Das Happy End ließ jedoch auf sich warten, immerhin war Drmic kein völliger Fremdkörper wie noch im DFB-Pokal gegen Schalke. Was hätte Schubert auch sonst groß verändern können? Er brachte später in Thorgan Hazard die zweite ernstzunehmende Offensivoption von der Bank. Mehr geht in diesen Tagen nicht.

7. Mehr drin trotz schwieriger Umstände Trotzdem waren die Chancen da, um auch gegen Ingolstadt zu gewinnen. Raffael scheiterte in ersten Halbzeit nach dessen Patzer an Ramazan Özcan, in der zweiten Halbzeit verpasste er eine Flanke von Ibrahima Traoré knapp. Lars Stindl erreichte wenig später den Ball, setzte ihn per Kopf aber daneben. Fabian Johnson schoss sich nach guter Vorarbeit von Drmic selbst ans Bein. Und in der 90. Minute scheiterte Hazard mit der besten Gelegenheit des Spiels an Özcan, der herausragend parierte. Die Borussia hat unter Schubert schon mit einem geringeren Chancenvolumen dreifach gepunktet – fiese Ingolstädter, zunehmende Müdigkeit und mangelnde Alternativen auf der Bank hin oder her.

8. "Vorgetäuschter Erstickungstod" Alfredo Morales hat sich einen Namen gemacht in Mönchengladbach, das muss man ihm lassen. Vor dem ersten Auftritt seiner Ingolstädter im Borussia-Park hätten viele Fans sicher nicht sagen können, ob der 25-Jährige ein Fußballprofi oder der Hauptprotagonist einer neuen Netflix-Serie aus den USA ist. Die Schauspielkarriere dürfte sich Morales nun vorerst verbaut haben. Ein wütender Borussia-Fan hat das Video seiner Einlage der Marke "vorgetäuschter Erstickungstod" schwarz-weiß eingefärbt und mit dramatischer Musik unterlegt. Jetzt sieht es wirklich so aus, als habe die Szene für Morales kein Gutes Ende genommen.

Die Schubert-Tabelle FOTO: afp, oa-iw

9. Gegen den Fußballknigge Moritz Hartmann hat keinen coolen Netflix-Namen wie Morales und gab sich bei seiner Schauspiel-Einlage in der 87. Minute noch weniger Mühe. 90 Sekunden lang ruhte das Spiel, weil Hartmann erst eine ernüchternde Kritik von Schiedsrichter Fritz erhielt, die Borussia noch einmal wechselte und Ingolstadts Keeper Özcan das Fairplay der Gladbach dreist ausnutzte. Lars Stindl hatte dem Gegner zunächst gar nicht den Ball zurückgeben wollen, Dominguez spielte ihn dann doch zurück zu Özcan, als es weiterging. Und was machte der? Ließ den Ball zum Abstoß ins Aus trudeln, anstatt das Spiel direkt fortzusetzen, so wie es der Fußballknigge an dieser Stelle vorgesehen hätte. Allein diese Szene ließen zwei Minuten Nachspielzeit wie einen schlechten Witz erscheinen.

10. Nur einen Punkt schlechter als 2014/15 Aber vielleicht ist dieses erste Unentschieden unter Schubert in der Bundesliga auch eine Chance, die Trennungsphase nach dem Rücktritt Lucien Favres endgültig zu beenden und den Alltag einzuläuten. Jetzt ist das Rekordgerede erst einmal vorbei. Acht Pflichtspiele stehen bis Weihnachten noch an. 19 Punkte sind nur einer weniger als zum gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison, die damalige Ausbeute von 27 sollten das Ziel sein. Dann würde das neue Jahr mit besten Europapokal-Aussichten beginnen und von hinten nicht viel Gefahr drohen, weil die Borussia mittlerweile trotz Verletzungspech eine Qualität im Kader hat, mit der Klubs wie Köln, Mainz und Hamburg langfristig einfach nicht mithalten können. Sieben Wochen nach dem Ende der Ära Favre sind das verheißungsvolle Aussichten am Niederrhein.

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