HSV-Trainer Oenning will Wende erzwingen: "Als Letzter nicht viele Argumente"
zuletzt aktualisiert: 08.09.2011 - 17:15Hamburg (RPO). "Beschimpft wurde ich noch nicht direkt", sagt Michael Oenning. Auf der Straße könne er ruhig seiner Wege gehen, beim Brötchenkauf, beim Zeitschriftenmann. Die Leute, die ihn kennen, sind nett.
In der Anonymität der Fan-Foren und E-Mail-Leserbriefe sieht das anders aus. "Oenning muss weg, kann nichts, hat keinen Plan, macht alles falsch, muss weg", die Schmähungen wiederholen sich, seit der 45-Jährige den Cheftrainer-Job beim Hamburger SV am 13. März übernommen hat.
"Wenn du Tabellenletzter bist, hast du nicht viele Argumente", sagt Oenning. Der Deutsch- und Sportlehrer kennt das Geschäft und seine Mechanismen. Und seine Bilanz bei den Hamburgern ist nun wirklich zum Gruseln. Nur ein Sieg in 13 Spielen saisonübergreifend. Samstag (18.30 Uhr) steht die Partie beim Erzrivalen Werder Bremen an. Natürlich macht da bereits das Wort vom "Schicksalsspiel" die Runde.
"Geduld und Zeit können wir nicht mehr gebrauchen"
"Wir werden den nächsten Schritt machen, gerade in Bremen sehe ich eine große Chance, weil es ein besonderes Spiel ist", erklärt Oenning, "diese Chance werden wir uns nicht nehmen lassen." Manch einer meint das Pfeifen im Wald zu hören, wo der HSV-Trainer eigentlich zur Jagd blasen will. "Fakt ist, dass wir uns in einer schon laufenden Runde finden und einspielen müssen, das ist schwierig", sagt Oenning. "aber Geduld und Zeit können wir jetzt nicht mehr gebrauchen."
Es gibt diese objektiven Hindernisse. Zahlreiche Spieler waren in der Vorbereitung wegen Verletzungen oder Länderspielabstellungen nicht dabei. Andere wurden erst kurzfristig nachverpflichtet. Weitere haben sich gleich zum Start der Saison verletzt. Das alles führt zu einem Puzzlespiel, in dem Oenning die Teile bislang nicht zusammenführen konnte. "Wir haben immer gewusst, wie schwer dieser Neuaufbau ist", sagt der Trainer.
Noch keine Kontinuität in der Mannschaft
"Wir" schließt sicherlich Sportchef Frank Arnesen und Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow mit ein. Offenbar konnte Oenning sie überzeugen. Der Westfale ist eloquent, intelligent und kann sich gut verkaufen. Eigentlich wollte Arnesen ja einen anderen Trainer für den HSV verpflichten, in persönlichen Gesprächen konnte Oenning den Dänen dann aber von sich überzeugen. "Zurzeit habe ich noch volles Vertrauen, dass Oenning die Kurve mit der Mannschaft kriegt", sagt Arnesen.
Kontinuität gab es noch nicht. Immer wieder wurde die Formation geändert. Kapitän Heiko Westermann raus aus der Innnverteidigung, rein ins defensive Mittelfeld - und dann wieder zurück. Doppel-Sechs oder einfacher Abräumer, eine Spitze oder zwei. Außen offensiv oder defensiv. Vier Spiele, vier verschiedene Aufstellungen. Wenn einer damit Erfolg hat, ist es kreativ, verliert er, ist es planlos.
Die Idole sind besorgt
Auch beim 1. FC Nürnberg habe er einen Umbruch nach dem Abstieg in die zweite Liga vorgenommen, der ähnlich "schmerzhaft" gewesen sei. Am Ende stand der Wiederaufstieg 2009. Beim "Bundesliga-Dino" aber ist der Fokus noch mal ein ganz anderer. Schon haben Idole wie Uwe Seeler und Manfred Kaltz ihre "Sorge" geäußert, in München sorgen sich Uli Hoeneß und Stefan Effenberg. Die Koalition der Sorgenden ist groß und jeder äußert sich.
"Wir kämpfen immer noch mit unseren Ansprüchen", sagt Oenning. Das ist möglicherweise die schwierigste Aufgabe in dieser Zeit. Die Zeit der für viel Geld erkauften Erfolge mit ständiger Europacup-Teilnahme ist vorbei. Wer Wasser predigt kann keinen Schampus saufen. Und Oenning ist derjenige, der diese Botschaft verkünden muss. Oft genug in der Geschichte musste der Überbringer schlechter Nachrichten dran glauben.
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