Uli Hoeneß wird heute 60: Bayern-Ikone, Titelsammler, Arbeiter
VON ROBERT PETERS - zuletzt aktualisiert: 05.01.2012 - 07:18München/Düsseldorf (RPO). Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß war Spieler und Manager seines Klubs. Er hat den deutschen Rekordmeister zur erfolgreichsten Fußballmarke hierzulande gemacht. Der Verein ist sein Lebenswerk. Aber an einen geruhsamen Lebensabend denkt er natürlich nicht.
E-Mails liest er nicht, weil er keinen eigenen Internet-Zugang hat. Den FC Bayern München hat er trotzdem in die Neuzeit geführt. Er hat aus einem verschuldeten Klub mit zwölf Millionen Mark (rund sechs Millionen Euro) Jahresumsatz den gesündesten Fußballverein in Europa gemacht, der inzwischen 328 Millionen Euro umsetzt, eines der modernsten Stadien der Welt und eine der komfortabelsten Trainingsanlagen des Kontinents besitzt.
Frühes Karriereende wegen schwerer Knieverletzung
Er war Europameister, Weltmeister, Europapokalsieger als Spieler und musste die Karriere mit 27 Jahren wegen einer schweren Knieverletzung beenden. Er modernisierte das Managerwesen im deutschen Fußball, aber in seinem Arbeitszimmer hatten die modernen Zeiten keinen Platz. Es sah aus wie ein gemütliches bayerisches Wohnzimmer mit hellen Holzmöbeln und rot-weiß gemusterten Bezügen auf den Sitzmöbeln. Seit fast drei Jahren ist er nicht mehr Manager, sondern Präsident seines Vereins. Heute wird Uli Hoeneß 60 Jahre alt.
An einen geregelten Ruhestand denkt er sehr zum Leidwesen seiner Frau Susi aber nicht. „Ich will ein sehr aktiver Sechzigjähriger sein“, sagt er, "ich will nicht auf meinem Berg hocken, warten, wie die Sonne auf- und untergeht und dazwischen Golf spielen.“ Das war auch nicht zu erwarten.
Mit 60 wird Hoeneß sich bestimmt nicht anders verhalten als nach seinem Rückzug vom Managerposten. Er bleibt der wichtigste Öffentlichkeitsarbeiter des FC Bayern, er wird weiter seine Meinung sagen, er wird die Politik seines Vereins maßgeblich aus der ausgeruhten Rolle des "Elder Statesman“ dirigieren. Und er wird sich ganz bestimmt noch mal mit puterrotem Kopf in den Kabinengang stellen und ungefragt die entscheidenden Antworten geben.
Zuletzt hat er das getan, als ein paar schlaue Menschen öffentlich ziemlich laut darüber nachdachten, ob die Bayern nicht ohne Arjen Robben besser seien als mit ihm. "Unglaublich“, schnaubte Hoeneß, "das sind die gleichen, die vor einem halben Jahr geschrieben haben, der FC Bayern ist ohne Robben nur die Hälfte wert. Das kann ich einfach nicht stehen lassen.“ Und da lässt er niemandem den Vortritt, obwohl es in seinem Verein eine ganze Reihe äußerst meinungsfreudiger Zeitgenossen gibt.
Es sind die Ungerechtigkeiten, auch die vermeintlichen Ungerechtigkeiten, die den Präsidenten noch immer zuverlässig zur Explosion bringen. Dann wirft er sich mit Zähnen und Klauen dazwischen, verteidigt seinen Klub, den er nicht zu Unrecht als Lebenswerk versteht, und seine Spieler.
Spieler sind für Hoeneß wie eine Familie
Die haben ihm das immer hoch angerechnet. Selbst Amateurspieler, die nie über eine Mitläuferrolle in der zweiten Mannschaft hinauskamen, loben die Betreuung durch den ehemaligen Manager in den höchsten Tönen. Die Besserverdienenden tun das erst recht. "Er ist wie ein großer Bruder für mich“, beteuert Franck Ribery. "Schön, wenn Spieler das sagen“, findet Hoeneß, "aber ich habe ihn nicht groß anders behandelt als andere.“
Der Franzose konnte sich allerdings darauf verlassen, dass Hoeneß ihm unverzüglich zur Seite springen würde, als er wegen einer Sexaffäre gemeinsam mit Kollegen aus der französischen Nationalmannschaft ins Gerede geraten war. Hoeneß empfindet derartigen Beistand als Selbstverständlichkeit in einem Klub, dessen familiäres Klima er gern herausstellt.
Er hat dieses Klima im Wesentlichen geprägt. Wer ihn mit dem Poltergeist verwechselt, dessen Ausbrüche nach Bundesligaspielen über die Bildschirme flimmern, mit der unterdessen sprichwörtlichen "Abteilung Attacke“, der kann nicht einmal ahnen, dass der Präsident des FC Bayern ein geradezu harmoniesüchtiger und warmherziger Mensch ist. "Ich bin einer, der allen alles zugesteht“, sagt er. Dazu nicken die Mitarbeiter, selbst wenn der Chef nicht zugegen ist.
Der wiederum genießt nach dem Abgang des schwierigen Trainers Louis van Gaal ("menschlich eine Katastrophe“) "ein unvorstellbar positives Bild im Klub. Es ist Ruhe, kein Krach, keine großen Konflikte. Es hat selten ein Jahr gegeben, wo wir so rundum zufrieden sein konnten“. Zum gemeinsamen Ausruhen ruft er trotzdem nicht auf. "Stillstand ist Rückschritt beim FC Bayern“, erklärt der Präsident, und er hört sich fast wieder wie der Manager an, der er eigentlich noch immer ist, "wir müssen weiter hart arbeiten. Du bekommst nichts geschenkt.“
Er weiß das, weil er es als Heranwachsender in seiner Heimatstadt Ulm erfahren hat. "Ich habe meinen Vater erlebt, wie der morgens um drei Uhr in der Wurstküche unserer Metzgerei war“, sagt er, "ich habe meine Mutter erlebt, die uns das Frühstück gemacht hat, danach als Verkäuferin im Laden stand und am Wochenende die Buchhaltung machte. Wenn zu Weihnachten von zehn Gänsen zwei nicht verkauft wurden, war es nicht sehr lustig. Ich habe nie vergessen, wo ich herkomme. Ich denke, dass hinter allem, was ich erreicht habe, viel Arbeit steckt.“
Hoeneß feiert zwei Geburtstags
Und er hat nie vergessen, dass er zweimal auf die Welt gekommen ist. Am 17. Februar 1982 überlebte er als Einziger den Absturz eines kleinen Charter-Flugzeugs, als er auf dem Weg von München zu einem Länderspiel in Hannover war. Bis heute hat er keine Erinnerung an das Unglück. Aber er weiß noch, dass er hinten rechts gesessen hat.
Und seine Erinnerung setzt erst wieder ein, als er in Hannover im Krankenhaus aufwacht. "An meinem Bett saßen meine Frau und Paul Breitner“, erklärt Hoeneß. Der alte Freund aus den frühen gemeinsamen Tagen bei Bayern München war direkt aus der Umkleidekabine vom Länderspiel in die Klinik geeilt. Mit Breitner, der sich wie ein Revoluzzer gab, teilte sich der stets konservative Hoeneß bei Bayern-Spielen das Zimmer. Inzwischen hat er ihn wieder als Berater in den Klub geholt. Denn alte Freunde vergisst Uli Hoeneß nicht.
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