1. Bundesliga 16/17
| 09.35 Uhr

Kolumne Gegenpressing
Das können Philosophen im Gasometer lernen

Das können Philosophen im Gasometer lernen
Der Besuch des Gasometers könnte auch für so manchen Bundesliga-Akteur lehrreich sein, meint unser Autor. FOTO: dpa
Düsseldorf. Wer die Animation der Erdkugel über sich langsam kreisen sieht, der findet ziemlich viele Dinge für ein paar Augenblicke trivial. Und selbst Größen des Geistes kamen im Liegen auf gute Gedanken. Von Robert Peters

Neulich war ich im Gasometer von Oberhausen - ganz in der Nähe von dem Fußball-Platz, auf dem der Klub Rot-Weiß wohnt, für den ein Herr namens Lothar Kobluhn in der Bundesliga (ja, ja, Bundesliga) 24 Tore schoss. 1971 war das, Kobluhn spielte im Mittelfeld, und er erklärte, er habe seine Treffer aus lauter Verzweiflung über die Leistung der Stürmer im Team erzielt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurzeit kann man im Obergeschoss des Gasometers in einer Art Amphitheater auf einem gemütlichen Kissen auf dem Rücken liegen und über sich eine 20 Meter große Erdkugel betrachten. Es soll ungefähr der Anblick sein, der sich Astronauten bietet, wenn sie aus dem Weltall den blauen Planeten bestaunen dürfen. In Oberhausen geht das ganz ohne jahrelange Vorbereitung, Kampf gegen Übelkeit und Höhenangst oder Training in überdimensionalen Wäscheschleudern. Und im Gegensatz zum Erlebnis in einer Kapsel oder Raumstation gibt es, während die blaue Kugel sich langsam dreht, sphärische Musik von Brian Eno.

Das Ergebnis ähnelt zumindest dem der Flüge durchs All. Für ein paar Augenblicke wird alles andere ziemlich trivial. Ich ertappe mich bei dem fast schon philosophischen Gedanken: "Was sind schon zwei verschossene Elfmeter im Angesicht der Ewigkeit?" Und ich muss an all die Geistesgrößen im Fußball denken, die jeden Tag Spielsysteme mit Philosophien verwechseln, und an all die Wichtignehmer und Wichtigtuer im Geschäft mit dem schönen Schein. Die sollten sich alle mal hier hinlegen. Dann könnten die mal sehen.

Vielleicht würde sich der dünne Mann von Dortmund, den die Welt als Trainer Thomas Tuchel kennt, dann tatsächlich entspannen, zwei Stunden lang mit dem Kalorienzählen aufhören und nicht hinter jeder Grätsch-Attacke des Gegners einen Angriff auf die Grundsätze der Fairness sehen. Vielleicht würde sein Mönchengladbacher Kollege André Schubert für mindestens zehn Minuten den Matchplan einen Matchplan sein lassen, ins Träumen geraten und das anschließend auch noch zugeben. Vielleicht würde sich der Bundes-Jogi mal selbst zuhören, wenn er sagt: "Die Basis unserer Philosophie ist schon auch der Ballbesitz, klar." Und vielleicht findet Sami Khedira dann seine Rolle auf dem Spielfeld eine Viertelstunde lang nicht wichtiger als die Weltnachrichten.

Jetzt ist nur noch die Frage, wie die besagten Herren bis zum Gasometer bewegt werden können. Tuchel hätte es jedenfalls nicht so weit. Er ist bestimmt bereit, im Dienst der Kultur eine Mahlzeit ausfallen zu lassen. Und sogar große Philosophen wie Diogenes haben sich ja schon mal hingelegt, um auf die richtigen Gedanken zu kommen.

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Quelle: RP
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