Jürgen Klopp gegen Felix Magath: Der Nette und der Harte
VON ROBERT PETERS UN FRIEDHELM KÖRNER - zuletzt aktualisiert: 04.02.2011 - 14:35Dortmund (RP). Dortmunds Trainer Klopp gilt als Motivationskünstler und Freund der Spieler, sein Schalker Kollege Magath als knallharter Machtmensch, für den nur Erfolge zählen. Am Freitag stehen sie sich im Derby gegenüber.
Der Nette: Manchmal muss man ihn einfach gern haben. Wenn Jürgen Klopp einen Raum betritt, sein Zahnpasta-Werbelächeln anknipst, dass es auch noch in der hintersten Ecke ziemlich hell wird. Wenn er mit einem Kabarettisten aus dem Stegreif die Floskeln des Fußball-Geschäfts durchnimmt, während sie um ihn herum gerade mit größtmöglichem Ernst ausgetauscht werden. Oder wenn er einen Spieler beim Auswechseln in die Arme nimmt, dass es bis auf die Tribüne kuschelig wird.
So einem gönnen die Fans den Erfolg - mit Ausnahme der Schalker Fußballfreunde, die heute Abend im Bundesliga-Derby bei Klopps Borussia Dortmund (20.30 Uhr im Live-Ticker) natürlich lieber selbst gewinnen wollen.
Seine Spieler, zu denen Klopp ein freundschaftlich-väterliches Verhältnis pflegt, bestätigen allerdings sehr bereitwillig, dass der freundliche Trainer in der Kabine und auf dem Trainingsplatz schon mal sehr bestimmend sein kann, gelegentlich grantelt wie der alte Ernst Happel oder wütet wie das märchenhafte Rumpelstilzchen. Das wiederum kann sich jeder vorstellen, der die heißen Tänze des Fußballlehrers am Spielfeldrand miterlebt hat oder seine selten dosierten Ausfälle gegen das Ordnungspersonal auf dem Rasen. „Manchmal erschrecke ich, wenn ich das im Fernsehen sehe“, beteuert der Coach.
Kaum eine Szene illustriert die Zerrissenheit zwischen Wut und Bedauern des eigenen Temperaments besser als jene nach dem Abpfiff des Europa-League-Spiels beim FC Sevilla. Voller Empörung über die Zeitverzögerungen der Spanier und die Nachsicht der Schiedsrichter stürmte Klopp nach dem Abpfiff los. Zu seinem Glück befanden sich die Unparteiischen aber rund 50 Meter entfernt, so dass der Trainer unterwegs ein wenig darüber nachdenken konnte, was die Vorbildfunktion als öffentlicher Mensch und die Erfahrungen aus vielen durch Geldstrafen beendeten Auseinandersetzungen mit Schiedsrichtern gebieten. Kurz vor dem Ziel des Protests bog Klopp ab und tröstete lieber seine Spieler über das Ausscheiden aus dem Wettbewerb hinweg. Diese öffentliche Aufführung war seiner Beliebtheit gewiss nicht abträglich.
Klopp lebt in seinem Beruf nicht nur Leidenschaft und Herzenswärme, rhetorische Begabung und taktisches Geschick vor. Er hat auch erkannt, was Klubs wie Borussia Dortmund und ihren Anhang im Innersten zusammenhält. „Die Fans sind unser größtes Kapital“, betont der Fußballlehrer. Und er handelt danach.
Nicht nur nach Erfolgen sucht er durchaus die Nähe des Anhangs, auch nach den Trainingseinheiten ist der Austausch mit den Fans Pflicht. Im Autogrammschreiben und beim Posieren für Schnappschüsse mit den Handys leistet Klopp Rekordverdächtiges. Das hält er selbst für vorbildlich. Denn er verlangt seinen Spielern eine vergleichbare Kontaktpflege ab. In den Trainingslagern, die immer von zahlreichen Fans begleitet werden, entlässt er niemanden unter die Dusche, der seinem öffentlichen Auftrag nicht gerecht geworden ist.
Es ist überhaupt kein Wunder, dass die zuvor mächtig gestörte Beziehung der zahlenden Kundschaft zur Mannschaft seit Klopps Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren stetig besser wurde. Und der Anhang trägt das Team dankbar über schwächere Passagen hinweg.
Deshalb ist die Haltung des Trainers professionell. Denn sie zahlt sich aus.
Der Harte: Felix Magath ist seit vielen Jahren ein Freund des Schachspiels, und er sieht in ihm auch einen Mannschaftssport. Das Spiel werde, so hat er einmal in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gesagt, erst dann richtig schön, „wenn die Figuren gut zusammenarbeiten, und nicht, wenn eine von ihnen ganz allein über das Brett spaziert“.
Als Trainer und Manager betätigt sich Magath ebenfalls wie beim Schach. Aber diese Partien ziehen sich, anders als die am Brett, über Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre hin. Es sind seine Puzzles, mit denen er Teams zusammenstellt. Ein Mannschaftsspiel der etwas anderen Art also, mit lebenden Figuren. Beim FC Schalke, für den er seit Juli 2009 mit großer Machtfülle arbeitet und den er um den Meistertitel bereichern will, den die Fans des Klubs schon seit mehr als fünf Jahrzehnten herbeisehnen, hat er das Figurenspiel bislang in einer Art betrieben, die den Anhang des Vereins ziemlich irritiert. In dieser Woche gab er beim Winterschlussverkauf auf dem Fußballmarkt überraschend dem griechischen Torjäger Angelos Charisteas und dem iranischen Mittelfeldspieler Ali Karimi einen Vertrag, was auf großes Unverständnis gestoßen ist. 40 Spieler, so die Rechnung des Sport-Informations-Dienstes, sind nach Gelsenkirchen gekommen, seitdem der 43-malige Nationalspieler auf Schalke herrscht. Viele von ihnen sind längst wieder weg.
Felix Magath ist mit seinem Figurenspiel ein hohes Risiko eingegangen. Die Mannschaft von Schalke 04 bildet immer noch keine Einheit, das Zusammenspiel der Figuren funktioniert noch nicht. Droht Magath da sogar das Schachmatt? Der 57-Jährige gilt als ein äußerst strenger Coach, als Verfechter von Disziplin und als ein Chef, der den Spielern im Training viel abverlangt. Man hat ihm schließlich auch den Spitznamen „Quälix“ gegeben. Hinlänglich bekannt ist, dass der gebürtige Aschaffenburger seine Männer bei der physischen Vorbereitung auf das schwere Programm einer Saison gern mit Medizinbällen hantieren lässt. Wer nicht mitzieht oder nicht die Anforderungen erfüllen kann, hat bei ihm schlechte Karten, womöglich wird er von ihm auch in die zweite Schalker Mannschaft versetzt. Beim großen personellen Figurenspiel ist Magath nicht zimperlich. Er setzt es knallhart durch, um Erfolg zu haben.
„Der ist so locker wie der nordkoreanische Geheimdienst“, hat einmal der Kabarettist Richard Rogler über Magath gesagt. „Ich bin kein Trainer zum Knuddeln und Liebhaben. Die Fans sollen Manuel Neuer knuddeln oder Raúl. Der ist einer zum Liebhaben“, meinte Magath ganz offen während dieser Saison - ein Wort, das aus seinem Mund nicht wie ein Eingeständnis oder gar Bedauern klingt, sondern wie eine total nüchterne Selbsteinschätzung. Braucht der Mann jenseits des ganz privaten Bereichs, des Familienlebens, überhaupt Harmonie? Hält er ein angenehm friedliches Miteinander im Beruf überhaupt für erstrebenswert?
Er kenne das System Magath, er habe es selbst zwei Jahre erlebt, sagte unlängst Bayern Münchens ehemaliger Nationaltorwart Oliver Kahn. Man könne es sicherlich sehr, sehr kritisch sehen, und er glaube nicht, dass es auf Dauer funktioniere. Die Frage sei doch, wie nachhaltig ein System sei, das immer nur auf Druck aufgebaut ist.
Diese Frage mögen sich derzeit auch die Schalke-Fans stellen.
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