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Nach Gewalt-Ausbruch in Berlin: Die Angst vor Fußball-Chaoten wächst

VON STEPHAN SEEGER - zuletzt aktualisiert: 15.03.2010 - 18:52

Berlin/Düsseldorf (RPO). Die Spieler des 1. FC Nürnberg streiften nach dem Last-Minute-Sieg bei Schlusslicht Hertha BSC Berlin gerade ihre T-Shirts über, um dem verletzten Abwehrspieler Breno eine gute Genesung zu wünschen, als es passierte. Aus der Hertha-Fankurve stürmten plötzlich rund 100 gewaltbereite Anhänger der Hauptstädter das Spielfeld, machten mit Stangen bewaffnet Jagd auf die Spieler.

Die Nürnberger und die Berliner Akteure flüchteten vor den Chaoten in die Kabine, draußen herrschte das blanke Chaos. Die "Fans" zertrümmerten Trainerbänke, Werbebanden und Fernsehkameras. Immer wieder wird das Ansehen der Bundesliga durch solche Chaoten gestört, die Vorfälle in Berlin bildeten nun den traurigen Höhepunkt.

Die Polizei hat bereits die ersten Randalierer identifiziert. Der Klub kündigte an, gegen die Krawallmacher mit aller Härte vorzugehen und will Stadionverbote und Strafanzeigen aussprechen. Es hat auch bereits eine erste Selbstanzeige gegeben.

Bei der Lagebesprechung in der Polizeidirektion II in Spandau hielt die Polizei fest, dass das Verhalten der Ordnungshüter funktioniert habe. Auch habe es sich bei den Ausschreitungen um eine spontane Situation gehandelt und sei nicht geplant gewesen.

Info

Nach den Krawallen hat der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, "Geisterspiele" für Hertha BSC Berlin gefordert. "Man ist fassungslos darüber, dass sowas in der Bundesliga möglich ist. Ich fordere mindestens einige Spiele ohne Zuschauer, damit diese Krawallmacher auch merken, dass sie ihrem Verein schaden", sagte Wendt.

Der DPolG-Vorsitzende bezeichnete den Sicherheitsdienst der Hertha am als "personifizierte Überforderung" und forderte vom DFB und der DFL drastische Maßnahmen. "Wir brauchen endlich den namentlichen Ticketverkauf. Dieser muss in allen Stadion Standard werden."

Rückblick:

26. Februar 2010, 24. Spieltag: Gewaltbereite Fans des von Schalke 04 haben nach dem Revier-Derby gegen Borussia Dortmund (2:1) Profis von Union Berlin attackiert und verletzt. Zehn bis 15 Schalker Hooligans warteten am Bus der Berliner. Spieler und Betreuer flüchteten anschließend über den Parkplatz.

27. Februar 2010, 24. Spieltag: Die Partie zwischen dem VfL Bochum und dem 1. FC Nürnberg wird von einem schlimmen Zwischenfall überschattet. Unmittelbar vor dem Anpfiff der Partie wird im Gästeblock Magnesiumpulver entzündet. Sieben Menschen erleiden Verbrennungen, ein Fan eine Rauchvergiftung. Alle acht Betroffenen mussten ins Krankenhaus gebracht werden.

27. Februar 2010, 24. Spieltag: Rheinisches Derby in Leverkusen. Bayer empfängt den 1. FC Köln. Es geht um drei Punkte und viel Prestige. Vor dem Anpfiff machen Kölner Chaoten die Leverkusener Innenstadt unsicher. Die Bilanz: Vier Verletzte, 72 Ingewahrsamnahmen, 58 Platzverweise und 31 Strafanzeigen. Damit nicht genug: Während des Spiels zünden die Kölner Fans in ihrem Block Bengalos, bewerfen die Leverkusener Spieler mit Feuerzeugen. Bayer spricht insgesamt 135 Stadionverbote gegen Kölner Problemfans aus.

Diese drei Beispiele zeigen, dass Chaoten immer aggressiver, immer gewaltbereiter werden. Zu was die Anhänger einer Mannschaft bereit sind, haben die Szenen in Berlin am vergangenen Samstag gezeigt. Auslöser für die Aktion waren die 90 vorausgegangenen Minuten, in denen Hertha die wohl letzte Chance auf den Klassenerhalt verspielte und 1:2 gegen den 1. FC Nürnberg verlor.

Minutenlang wüteten die Rowdies im Innenraum des Stadions, ehe eine Hundertschaft von Polizisten eingriff. Die Beamten drängten die Krawallmacher durch das Stadion zurück in den Block und verhinderten schlimmere Ausschreitungen. Angeblich waren einige Beamte zuvor schon zu einem anderen Einsatzort abberufen worden. Vier Polizisten wurden leicht verletzt, 30 Randalierer festgenommen.

Hertha geht gegen Gewalttäter vor

Herthas Präsident Werner Gegenbauer verurteilte die Krawalle in aller Schärfe: "Das gehört nicht in ein Fußballstadion. Dagegen werden wir mit allen Mitteln vorgehen. Das Spiel unserer Mannschaft gab keinen Anlass, so mit dem Olympiastadion umzugehen." Der Kontrollausschuss des DFB wird Ermittlungen einleiten, Hertha droht eine Geldstrafe oder sogar eine Platzsperre.

Es vergeht kaum eine Woche mehr ohne Zwischenfälle in der Bundesliga. Auch am kommenden Spieltag muss mit dem Schlimmsten gerechnet werden. Am Freitag empfängt der 1. FC Köln Borussia Mönchengladbach zum Derby. Wenn es vor und nach der Partie so abläuft wie bei den letzten Aufeinandertreffen, wird es auch in der Domstadt wieder zahlreiche Festnahmen, Platzverweise und womöglich Verletzungen geben.

Die Stimmung zwischen den beiden Fanlagern ist permanent gereizt, zudem geht es in der Partie sportlich um sehr viel. Gewinnt Gladbach, rutscht der FC wieder in die Abstiegszone. Sollte Köln drei Punkte holen, ziehen die "Geißböcke" den rheinischen Rivalen wieder mit nach unten.

Erneute Gewalt beim rheinischen Derby?

Vor fast genau einem Jahr (14. März 2009) gab es rund um das Derby insgesamt 25 Festnahmen, 17 Randalierer wurden in Gewahrsam genommen. Zudem entstand ein erheblicher Sachschaden. Beim Duell am Freitag sollen Randalierer keine Chance haben. Die Kölner Polizei setzt nach einem Bericht des "Express" doppelt so viele Kräfte ein wie im vergangenen Jahr, in den Zügen von Gladbach nach Köln herrscht Alkoholverbot.

Ob es was bringt, wird sich zeigen. Die schrecklichen Bilder aus Berlin bereiten aber Grund, sich große Sorgen zu machen. Sorgen um die "normalen" Fans, Spieler und den Betrieb Bundesliga.


 
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