Zahl der Verletzten steigt: Die Brutalität der Ultras nimmt zu
VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 29.09.2011 - 15:58(RP). In den Stadien von NRW ist die Zahl der Verletzten seit 2007 sprunghaft angestiegen. Auch Raub und Waffendelikte nehmen zu. Die Gewerkschaft der Polizei fordert ein Zutrittsverbot für Fans, die mehr als ein Promille im Blut haben.
Der Angriff kommt überraschend. Als die Fans von Bayer Leverkusen nach dem Spiel in München erschöpft aus dem Bus steigen, werden sie bereits erwartet. Am frühen Morgen, gegen 4.44 Uhr, geht ein Trupp der Ultras des Erzrivalen 1. FC Köln, die sich hinter parkenden Autos versteckt hatten, auf die Bayer-Anhänger los. Die Leverkusener können sich zwar in die Busse retten, aber ein Fahrer wird verletzt. Die Polizei ermittelt in dem Fall wegen Landfriedensbruch.
Der nächtliche Angriff zeigt, wie unberechenbar die Aktionen von gewaltbereiten Fans geworden sind. Schlägereien, die bei der An- und Abreise vom Zaun gebrochen werden, stellen die Polizei vor eine Herausforderung. In der Saison 2009/2010 wurden 784 Personen in NRW beim Besuch von Spielen der ersten und zweiten Liga verletzt. 277 Opfer waren Unbeteiligte. "Es ist völlig unverständlich, wenn die Vereine einfach wegschauen, wenn es aus den Reihen der eigenen Fans zu immer brutaleren Gewalttaten kommt", sagt Frank Richter, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in NRW.
"Pyrotechnik ist kein Verbrechen"
Ultras sorgen in den Stadien für Stimmung. "Wenn die zum Beispiel bei Freundschaftsspielen nicht da sind, ist tote Hose", sagt Andreas Schmidt, Sozialarbeiter beim Kölner Fan-Projekt. FC-Star Lukas Podolski schwenkte nach einem Sieg der Domstädter die Fahne der Ultra-Gruppe "Wilde Horde". "Pyrotechnik ist kein Verbrechen", stand darauf. Mitglieder der Truppe hatten zwei Polizisten angegriffen und krankenhausreif geschlagen. "Die Vereine sind bei den Ultras in der Pflicht", sagt GdP-Chef Richter. "Die Vereine dürfen Ultras, die ausschließlich an Gewalt interessiert sind, nicht auch noch hofieren."
Am Rande eines Fußball-Forums der GdP, das gestern in Köln stattfand, sprach sich Richter gegen ein generelles Alkoholverbot in Stadien aus. "Wichtig ist, dass keine Betrunkenen hineingelassen werden", sagte der Gewerkschaftsvorsitzende. "Fans, die mehr als ein Promille Alkohol im Blut haben, muss der Zutritt zum Spiel verweigert werden", so Richter. Für die Kontrollen am Einlass seien die Vereine zuständig.
Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen werden auch Polizeibeamte immer häufiger verletzt – in der Saison 2009/2010 waren es 277. Oft sind Feuerwerkskörper und Böllerwürfe die Ursache für Verletzungen. Bernd Heinen, Leitender Polizeidirektor im NRW-Innenministerium, sprach sich dafür aus, dass Gewalttäter noch in den Stadien von "Fußball-Richtern" verurteilt werden. "Es hätte einen guten Abschreckungseffekt, wenn die Strafe zum Beispiel für Flaschenwürfe auf dem Fuße folgen würde."
Kritik am Vorgehen der Polizei
Ole Wolff, Sprecher der Koordinationsstelle Fanprojekte, übte Kritik am Vorgehen der Polizei gegen die Ultras. Die "Sicherheitshysterie" und das oft martialische Auftreten der Einsatzhundertschaften mit Schutzhelmen und Handschuhen provoziere die Fans. "Es wäre zu einfach, das Gewalt-Problem auf die Ultras zu reduzieren", sagte Wolff. "Es gibt auch Familienväter, die völlig ausrasten und volle Becher auf den Rasen werfen. Aber die hat die Polizei meist nicht im Blick."
Addi Plickert, Vorsitzender des Hauptpersonalrats im Innenministerium, forderte die Landesregierung auf, mehr Personal für die Fußball-Einsätze einzustellen. "Wir benötigen drei zusätzliche Hundertschaften", sagte Plickert. Wegen der hohen Dienstbelastung haben viele Hundertschaftsbeamte nur drei Wochenenden im Jahr frei. Die Polizei streckt sich nach der Decke. Im November sollen wegen der Castor-Transporte drei Ligaspiele auf den Freitag verlegt werden.
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