1. Bundesliga 16/17
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Kommentar zu Borussia Dortmund
Die schwarz-gelbe Scheinheiligkeit des BVB

Bundesliga 12/13: BVB-Fans beleidigen Götze
Bundesliga 12/13: BVB-Fans beleidigen Götze FOTO: dpa, mb hak
Dortmund. Der Fall Lewandowski zeigt auch: Die märchenhaften Jahre bei Borussia Dortmund sind vorbei. Zu rau ist die Realität. Dem BVB gelingt es nicht mehr, sich als demütiges Gegenstück zum FC Bayern zu positionieren. Dabei offenbart er ein hohes Maß an Scheinheiligkeit. Ein Kommentar. Von Jannik Sorgatz

Paris, die Stadt der Liebe, ist nichts dagegen. In Dortmund leben sie die "echte Liebe" überall und permament, pinseln sie an Wände, tragen sie auf T-Shirts, predigen sie im Zwiegespräch beim Pils am Tresen. Liebe ist in Dortmund nicht rot, sondern schwarz-gelb. Das ist furchtbar romantisch. Gegen Romantik im Fußball ist nichts einzuwenden, solange kühles Kalkül die Alternative ist – und solange die Romantik mit Überzeugung gelebt wird.

Mitgerissen vom Klopp-Fußball

Borussia Dortmund hat sich mehr als zwei Jahre lang als romantisches Gegenstück zum schier erfolgsbesessenen FC Bayern München positioniert, als "die Guten". 2011 wurde die Mannschaft mit einem Altersdurchschnitt von 23 Jahren Deutscher Meister. 2012 gewann der BVB das Double, freilich um ein Jahr gealtert. Man musste sich schon mit rauen Mengen Weißbier zudröhnen und die Träger der Lederhose besonders eng ziehen, um nicht wenigstens ansatzweise vom Fußball der Klopp-Elf mitgerissen zu werden.

Betrachtet man die zwei Jahre als großes Ganzes, perlten Negativ-Schlagzeilen an der Borussia scheinbar ab – egal ob der Wechsel von Nuri Sahin 2011, Verletzungspech in beiden Meisterjahren oder Klopp-Ausraster. Sahin kam nach einer unglücklichen Zeit bei Real Madrid und dem FC Liverpool zurück. Dass Shinji Kagawa oder Mario Götze lange fehlten, spiegelten die Ergebnisse nicht wider. Und Klopp ist eben ein emotionaler Pöhler, die Kappe authentisch.

Stichtag 23. April 2013

Sie haben sich ihren schwarz-gelben Kosmos aufgebaut beim BVB, in dem Zusammenhalt der "Jungs" über allem stand und immer noch steht. Teil dieses Rezeptes ist jedoch auch ein hohes Maß an Kritik-Resistenz, an Schönrederei, an Die-Probleme-nicht-so-an-sich-heranlassen.

"Nach Jahren des Prassens zeigt ausgerechnet Borussia Dortmund, dass im Profi-Fußball nicht immer nur das Geld zählt", schrieb das Magazin "Der Spiegel" Anfang 2011. "Doch der Versuch, die Gesetze des Geschäfts auf Dauer außer Kraft zu setzen, dürfte nicht lange gutgehen." Es ging noch länger gut, als der Autor damals sicherlich im Sinn gehabt hat.

Aber spätestens seit dem 23. April 2013 ist der BVB zurück auf dem Boden des Geschäfts. An jenem Tag sickerte durch, dass Mario Götze von seiner Ausstiegsklausel Gebrauch macht und für 37 Millionen Euro zum FC Bayern wechselt. Ziemlich unromantisch.

Klopp beschwichtigt

Stürme der Entrüstung haben generell eine kürzere Halbwertszeit als früher. Das ist kein Dortmunder Phänomen. Trotzdem verwunderte es, wie resolut Götze von den Fans aus dem Kreis der "echten Liebhaber" ausgeschlossen wurde. Der Shitstorm im Netz erreichte epische Ausmaße, stimmte nachdenklich im Hinblick auf Sitte, Anstand, Würde. Auf der Südtribüne wurde dem Neu-Bayer unmissverständlich mitgeteilt: "Verpiss dich, Götze!"

Immerhin – oder auch: ausgerechnet – Jürgen Klopp hatte auf der Pressekonferenz unmittelbar nach Bekanntgabe des Transfers kühlen Kopf bewahrt und sich nicht einmal anderthalb Jahre zurückerinnert. "Allen, die wütend sind, sei gesagt: Wir haben im letzten Jahr Marco Reus für eine festgeschriebene Ablösesumme von 17 Millionen verpflichtet. Das wird in Mönchengladbach auch nicht für Begeisterungsstürme gesorgt haben." Es kommt selten vor, dass ein Dortmunder selbst der Scheinheiligkeit mit Blasphemie begegnet.

Im aktuellen Schmierentheater um Robert Lewandowski bedarf es eines besseren Erinnerungsvermögens, um einen ähnlichen Fall hervorzukramen. Der Pole will weg, zum FC Bayern, sofort, trotz Vertrag bis 2014, es soll eine mündliche Zusage seitens des BVB geben. Vor 18 Jahren wollte Gladbachs Stürmer Heiko Herrlich auch weg, zu Borussia Dortmund, sofort, trotz Vertrag bis 1997, es soll eine mündliche Zusage seitens des VfL gegeben haben.

Die Guten im Polarisierungs-Zirkus

Wenn man bedenkt, dass der Fall Herrlich vor dem Arbeitsgericht landete und eine Einigung erst durch Vermittlung des DFB zustande kam, steckt im Fall Lewandowski noch überraschend viel Potenzial. Dabei macht das Thema schon so lange Schlagzeilen. "Es hat sich gelohnt", resümierte Herrlich 1995 am Tag seiner ersten Trainingseinheit beim BVB. "Vielleicht überlegen es sich manche ja jetzt vorher, ob sie ein Versprechen brechen."

Die "Stuttgarter Zeitung" hat nun berichtet, dass es sogar eine schriftliche Zusage an Lewandowski geben soll, er dürfe für eine entsprechende Summe schon jetzt wechseln. Dortmund dementiert.

Über fast drei Jahre waren sie beim BVB die Guten im Polarisierungs-Zirkus Bundesliga, die Harry Potters im Kampf gegen Lord Voldemort. Die Posse um Lewandowski beschert jetzt ausgerechnet dem FC Bayern Sympathiepunkte, weil sich der Rekordmeister gepflegt zurückhält und den Dingen ihren Lauf lässt. Der Triple-Gewinner würde Lewandowski jetzt schon nehmen, auch gegen eine stattliche Ablöse. Aber die Bayern könnten bestens damit leben, noch ein Jahr zu warten.

Watzke im Heißluftballon

Auf der Suche nach BVB-FCB-Analogien kommt man nicht an Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke vorbei. Anders als sein früheres Pendant beim FC Bayern, Ex-Manager Uli Hoeneß, fährt der 53-Jährige keinen Populismus-Bulldozer. Eher sitzt Watzke im Heißluftballon und lässt wohldosierte Populismus-Säckchen fallen. Das fällt der breiten Öffentlichkeit nicht so unangenehm auf, die Wirkung ist aber ähnlich.

Doch die Scheinheiligkeit des BVB offenbart sich noch an anderen Stellen, nicht nur im Umgang mit wechselwilligen Spielern, die die "echte Liebe” für das halten, was sie ist – einen Marketing-Slogan. Den Einzug ins Champions-League-Finale 2013 hat der Verein in den sozialen Netzwerken clever mit dem Hashtag #fairytale versehen. Fragt sich nur: Wie märchenhaft ist es, wenn ein börsennotiertes Unternehmen, das dieses Jahr 250 Millionen Euro Umsatz anpeilt, auch international Erfolg hat?

"Dortmunder Jungs" aus ganz Deutschland

Das Weiterkommen gegen den FC Malaga im Viertelfinale sicherten erst eklatante Fehlentscheidungen des Schiedsrichter-Teams. Kein Problem, niemand wollte es den Schwarz-Gelben verdenken, dass ihnen so viel Glück herzlich egal war. Doch auch die Halbwertszeit der Dankbarkeit und Demut ist in Dortmund gering. Am 34. Spieltag nahm Schiedsrichter Jochen Drees einen Last-Minute-Treffer des BVB nach langer Bedenk- und Beratungszeit couragiert zurück. Drees wurde im Nachhinein für seinen Mut ausdrücklich gelobt. Klopp hätte das alles egal sein können. Er ging verbal auf den Referee los.

Auch in Sachen Talentförderung feiert sich Dortmund gerne als Gegenstück zu Vereinen, die weniger auf die eigene Stadt und die eigene Region setzen. Die "Dortmunder Jungs" vereint jedoch größtenteils nur der Firmensitz ihres Arbeitgebers. Von den Stammspielern der abgelaufenen Saison schafften lediglich der gebürtige Magdeburger Marcel Schmelzer und Mario Götze den Sprung aus der eigenen Jugend. Die Ur-Dortmunder Marco Reus und Kevin Großkreutz sortierte man als Jugendliche einst aus, schickte sie nach Ahlen in die Provinz, von wo sie teils über Umwege zurückfanden. Reus' Umweg Mönchengladbach kostete den BVB 17 Millionen Euro.

Und Mats Hummels?

Aufgewachsen in München, für vier Millionen von den Bayern geholt.

Sven Bender?

Angeblich ohne Zusatzzahlung gegen Antonio Rukavina mit 1860 München getauscht. Der spielt heute bei Real Valladolid in Spanien (am besten für das nächste Fußball-Quiz merken).

Ilkay Gündogan?

Für 5,5 Millionen als Sahin-Nachfolger vom 1. FC Nürnberg weggekauft, ausgebildet unter anderem beim VfL Bochum und dem FC Schalke 04.

Neven Subotic?

Für 4,5 Millionen von Klopp vom FSV Mainz 05 mitgenommen.

Das Märchen ist vorbei

All das ist Teil des Geschäfts, wie es überall funktioniert. Auch in Dortmund. Dass sich der BVB nicht als Nacheiferer des FC Bayern, sondern vehement als Gegenpol geriert, ist auch historisch bedingt. Der 14. März 2005 hätte das Ende des BVB einleiten können. Stattdessen wurde am Düsseldorfer Flughafen ein Sanierungskonzept verabschiedet, die Insolvenz verhindert. "So viel Glück, wie wir hatten, gibt's kein zweites Mal”, sagt Geschäftsführer Watzke rückblickend.

Dem BVB kann die Sympathie aller Nicht-Schwarz-Gelben egal sein – selbst wenn der Verein im Fall Lewandowski am Ende doppelt verlieren sollte. Watzke, Klopp und Co. ist nur zu wünschen, dass ihnen längst bewusst ist: Die #fairytale, das Märchen ist vorbei. Alles andere wäre wiederum scheinheilig.

(spol/seeg)
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