Mönchengladbach - Bremen 5:0: Drei Tore! Reus-Gala gegen Werder
VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 19.11.2011 - 17:13Mönchengladbach (RPO). Borussia hat gegen Werder Bremen ein regelrechtes Feuerwerk abgebrannt. Als das Ereignis vorbei war, waren die Fans selig, die Spieler hüpften vor Freude. 5:0 besiegten die Gladbacher Werder und lieferten dabei eine atemberaubende Leistung ab. Die Gladbacher führten den Gegner phasenweise vor und berauschten sich an der eigenen Darbietung. Marco Reus (3), Patrick Herrmann und Juan Arango krönten mit ihren Toren diesen zauberhaften Nachmittag der Borussen.
Borussias Trainer Lucien Favre vertraute jener Startelf, die auch beim 2:1-Sieg in Berlin angefangen hatte. Also mit der Doppelspitze Marco Reus und Mike Hanke sowie Havard Nordtveit im defensiven Mittelfeld neben Roman Neustädter. Bei Werder Bremen fehlte der Ex-Borusse Marko Marin in der Anfangsformation. Marin hatte im Vorfeld der Partie Probleme mit der Hüfte und war erst am Ende der Woche wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen.
Im „kleinen“ Topspiel des Samstags trafen sich zwei Teams, die tabellarisch auf Augenhöhe waren: Vierter gegen Dritter der Tabelle, beide hatten 23 Punkte. Und es war das Treffen zweier Helden: Hier Marco Reus, der zuletzt mit zwei Doppelpacks die Gladbacher 2:1-Siege gegen Hannover und in Berlin möglich gemacht hatte, dort Claudio Pizarro, der zuletzt mit seinen Tore neun, zehn und elf im Alleingang Bremens 3:2 gegen Köln herausgeschossen hatte.
Chancen blieben zunächst aus
Beide Mannschaften suchten von Beginn an den Weg nach vorn, Borussia natürlich lautstark angetrieben von den meisten der 53.465 Menschen im nahezu ausverkauften Gladbacher Stadion. Besonders Patrick Herrmann war sehr engagiert und sorgte für das eine oder andere Raunen auf den Rängen. Klare Tormöglichkeiten blieben indes zunächst aus, auch, weil sich Juan Arango mutig in einen Freistoß warf, den Aron Hunt von der Strafraumgrenze trat (9.), und damit dem Schuss entschärfte, bevor er wirklich gefährlich werden konnte. Dann bot sich den Borussen plötzlich die große Chance zur Führung. Doch Roman Neustädters Linksschuss sauste aus sieben Metern am langen Pfosten vorbei (13.).
Auffällig oft erlaubten sich die Borussen zunächst Fouls in Strafraumnähe – das war in den Wochen zuvor kaum passiert. In der 14. Minute lenkte Marc-André ter Stegen, der gerade seinen Vertrag bis 2015 verlängert hat, einen Freistoß von Mehmet Ekici um den Pfosten. Fast im Gegenzug zögerte Tim Wiese zu lange, als eine Hereingabe von Juan Arango, der zuvor bei einem Konter mit Mike Hanke Doppelpass gespielt hatte, in den Fünfmeterraum flog – Patrick Herrmann nutzte das und lenkte den Ball mit dem Kopf ins Tor zum 1:0. Borussias Fans waren aus dem Häuschen. Und die Bremer konsterniert. Nur drei Minuten später klärte Sebastian Prödl nach einer Hanke-Flanke soeben vor Marco Reus, Herrmanns Nachschuss wurde abgefälscht.
Herrmann kaum zu halten
Herrmann hatte mehr und mehr Freude am Spiel. Er wuselte hin und her, war von den Bremern kaum zu halten. Aber auch die anderen Borussen kombinierten fröhlich und mühten sich um das 2:0 zu machen. Mike Hanke (21.) und Filip Daems (23.), dem Herrmann den Ball auflegte, schossen aber über das Tor. Dann hatte Marco Reus seinen großen Auftritt: Er ließ Prödl ganz alt aussehen, behielt, allein vor Wiese, die Nerven und schob den Ball ins Netz (24.). Reus und Herrmann hatten sich bis dahin die letzten acht Gladbacher Tore aufgeteilt: Reus traf sechsmal, Herrmann zweimal. Und es sollte nicht der letzte Streich von „Woody“ (Reus) und „Astrerix“ (Herrmann) sein.
Während Borussias Fans feierten, machte sich zunächst aber Roel Brouwers bereit: Martin Stranzl war angeschlagen und musste raus (28.). „Rooooooeeeeeelllll“ rief die Nordkurve, als der lange Niederländer auf den Platz kam. Claudio Pizarro war bis dahin unsichtbar. Wie, nach einer engagierteren Anfangsphase, die gesamte Bremer Mannschaft, die eigentlich nur noch durch ihre quietschorangenen Hemden auffiel. Das Team von Thomas Schaaf hatte der Gladbacher Spielfreude in dieser Phase nichts entgegenzusetzen. Aber: Auch gegen Köln hatte Werder 0:2 hinten gelegen und das Spiel noch gedreht. Doch kam Werder diesmal kaum ins Spiel. Die Borussen ließen den Ball laufen und waren immer auf der Suche nach dem nächsten Konter.
Der kam in der 38. Minute: Roman Neustädter spielte in den Raum, Reus ließ zu Herrmann durch, der dann auf Reus zurücklegte – der Rotblonde musste nur noch einschieben zum 3:0. Reus' neuntes Saisontor war ein Gesamtkunstwerk der beiden stärksten Borussen. Es war ein Treffer, der in seiner Entstehung an das dritte Tor der deutschen Mannschaft gegen Holland erinnerte: wunderbar herausgespielt bis in kleinste Detail, das Tor fiel nahezu zwingend. Werders Defensive war in dieser Szene einmal mehr ein staunender Beobachter. Mit dem 3:0 zur Pause waren die Gäste noch gut bedient. Es waren die stärksten 45 Minuten, die Borussia unter Lucien Favre ablieferte – und der zweite Teil der Partie war kaum schlechter.
Nach dem Seitenwechsel versuchte Werder, irgendwie doch noch ins Spiel zu finden, Doch das ließ Borussia nicht zu. Mike Hanke schoss, Wiese wehrte ab, doch Reus stand wieder richtig und erzielte das 4:0 (52.). Nur eine Minute später knallte Juan Arango den Ball mit Wucht zum 5:0 in den Winkel – unfassbar! „Sorry, Werder“, sagte Stadionsprecher Torsten Knippertz da nur. „Oh, wie ist das schön, die Nummer eins am Rhein sind wir“, sangen die Fans.
Abseits-Tor von Hanke
Dann schoss auch Hanke den Ball ins Tor, nachdem Wiese einen Schuss von Tony Jantschke nur abklaschte. Doch Hanke stand im Abseits, der Treffer zählte nicht (56.). Borussia machte aber weiter, es gab nur eine Richtung – nach vorn. Die Bremer hechelten bei den Ballstafetten der Gladbacher nur hinterher, Borussia ließ das Spielgerät in Stile des FC Barcelona zirkulieren: tack, tack, tack – es war schön und zielgerichtet, was auf dem Rasen passierte. Es war ein Spektakel, das, mit Verlaub, an die besten Fohlen-Zeiten in den 70ern erinnerte. Lucien Favre, der Freund des feinen Fußballs, dürfte diesen Nachmittag genossen haben.
Borussias Fans winkten dem Gegner mit Papiertaschentüchern zu, und so manchem Werder-Fan dürfte wirklich zum Heulen gewesen sein angesichts dessen, was im Borussia-Park passierte. „Ich spiele nicht mehr mit“, gab einer resigniert während des Spiels per SMS bekannt. Da waren gerade mal 60 Minuten vorbei. Die Borussen ließen es nun etwas gemächlicher angehen, Werder durfte ein wenig verschnaufen bei diesem turmhohen Rückstand. Die Bemühungen indes, die Niederlage etwas erträglicher zu gestalten, blieben in der gut organisierten Gladbacher Abwehr hängen, während die Fans die Welle durch das Stadion schwappen ließen.
So ging diese grandiose Spiel der Borussen ohne weitere Höhepunkte zu Ende – mal abgesehen von der Gelb-Roten Karte, die sich Sokratis in der 76. Minute einhandelte und damit das Bremer Debakel „abrundete“. 26 Punkte hat Gladbach nun ist ist, zumindest bis zum Top-Spiel zwischen Bayern und Dortmund Zweiter in der Tabelle. Nach diesem Spiel wird es Favre immer schwerer fallen, die These, sein Ensemble habe das Zeug zum Spitzenteam, zu entkräften.
Statistik
Mönchengladbach: ter Stegen - Jantschke, Stranzl (28. Brouwers), Dante, Daems - Nordtveit, Neustädter - Herrmann (81. Bobadilla), Arango - Hanke, Reus (87. Wendt). - Trainer: Favre
Bremen: Wiese - Sokratis, Prödl, Wolf, Ignjovski - Bargfrede - Fritz, Hunt (78. Stevanovic) - Ekici (46. Schmitz) - Arnautovic (61. Rosenberg), Pizarro. - Trainer: Schaaf
Schiedsrichter: Dr. Felix Brych (München)
Tore: 1:0 Herrmann (16.), 2:0 Reus (23.), 3:0 Reus (38.), 4:0 Reus (51.), 5:0 Arango (53.)
Zuschauer: 53.465
Gelb-Rote Karte: Sokratis wegen Foulspiels (76.)
Torschüsse: 16:10
Ecken: 6:4
Ballbesitz: 51:49 Prozent
Fouls: 10:11

















