Mönchengladbach: Ein Wunder, das man erklären kann
VON KARSTEN KELLERMANN UND ANDRÉ SCHAHIDI - zuletzt aktualisiert: 27.01.2012 - 07:25Mönchengladbach (RP). Aus dem Fast-Absteiger Borussia Mönchengladbach ist innerhalb weniger Monate eine Spitzenmannschaft geworden. Dieser fast unvorstellbare Aufschwung hat viel mit guter Planung und richtigen Personalentscheidungen zu tun.
Die Fußballwelt staunt über das "Wunder vom Niederrhein". Borussia Mönchengladbach hat sich vom Fastabsteiger zum Gipfelstürmer gewandelt. Die wundersame Geschichte, die Sonntag in Stuttgart (17.30 Uhr/Live-Ticker) möglichst mit einem Sieg weitergehen soll, ist das Produkt gezielter Planung, akribischer Arbeit und richtiger Personalentscheidungen. Ein bisschen Zufall war auch im Spiel.
Der Manager Max Eberl hat 2008 nach der Last-Minute-Rettung als Sportdirektor angefangen, das Team zu konstruieren. Sein Konzept knüpfte nahtlos an seine Arbeit als Nachwuchskoordinator an: Viele junge Spieler sollten es sein, dazu erfahrene Männer als Korsettstangen. Ex-Trainer Michael Frontzeck hatte – auch aufgrund vieler Verletzungen – das vorhandene Potenzial der Mannschaft jedoch viel zu selten abrufen können. Eberl holte Lucien Favre. "Er passt zu uns", sagt er.
Der Trainer Favre arbeitet detailverliebt – damit macht er den Einzelnen und in der Summe das Team stark. Er ist ein Fußball-Freak im positiven Sinn, das macht ihn glaubwürdig. Er hat gleichermaßen die Köpfe und die Füße der Borussen erreicht, hat die Mannschaft defensiv stabilisiert und offensiv effektiv gemacht, seine Taktik passt zum Team, sein "Von-Spiel-zu-Spiel-Denken" verhindert falsche Träume.
Das System Der Trainer hat Borussia ein 4-4-2-System mit zwei defensiven Mittelfeldspielern (Doppelsechs) verpasst. Er setzt auf schnelles Kurzpassspiel und Konterangriffe aus einer stabilen Defensive heraus. Die Laufwege werden genau erklärt und immer wieder einstudiert. "Unsere Verteidigung beginnt im Sturm", sagt Angreifer Mike Hanke, der unter Favre zu einer Art Spielmacher wurde. Borussia macht die Räume eng, lässt kaum Chancen – und damit Gegentore – zu. Weil Gladbach die wenigsten Treffer aller Bundesligisten kassiert hat, reichen pro Spiel ein paar gelungene Offensivaktionen. Gefordert sind hohe Spielintelligenz und taktische Disziplin – sonst ist das System kaum umzusetzen. Die Spieler dafür hatte Favre zu Amtsantritt übrigens bereits zur Verfügung – in der Startelf des Klubs steht kein einziger Zugang.
Der Star Natürlich ist Marco Reus die personifizierte Lebensversicherung der Borussia. Er belebt das Gladbacher Angriffsspiel, er ist torgefährlich – und doch ein Spieler, der auch im Mannschaftssinne denkt. Er überstrahlt alle Teamkollegen – auch wenn sich in Marc-Andre ter Stegen und Patrick Herrmann zwei große Talente eignen, den Platz des nach Dortmund gehenden Reus einzunehmen.
Die Stabilität "Wir sind nur als Kollektiv stark", sagt Martin Stranzl. Jeder Borusse weiß, was er zu tun hat. Der Abstiegskampf hat alle zusammengeschweißt, das Selbstvertrauen scheint unerschütterlich. Rückschläge schüttelt das Team in kürzester Zeit ab.
Die Fans Als Borussia vergangene Saison abstürzte, war die Beziehung hoch angespannt. Die Fans lieben den Klub, doch Liebe und Hass liegen nah beisammen. Die Relegations-Rettung hat dem Team und den Fans gezeigt, was gemeinsam möglich ist. Die Unterstützung bei Spielen ist riesengroß.
Die Perspektive Gladbach ist auf dem Weg nach Europa. Zwölf Punkte Vorsprung auf Rang sieben sind sehr komfortabel, dazu gibt es die Option der Qualifikation über den DFB-Pokal. Bei nur einem Punkt Rückstand auf die Tabellenspitze muss jedoch auch über Meister- oder Champions-League-Ambitionen diskutiert werden. Der Reus-Abgang zur kommenden Saison ist ein Qualitätsverlust, doch ist viel Geld da, um ihn zu kompensieren, die 17,1 Millionen Euro Ablösesumme werden mitsamt stark gestiegenen Einnahmen in den Sport gesteckt. Borussia wird nicht von der "jungen" Linie abweichen.
Das nächste Spiel Auf Borussia warten zwei Wochen der Wahrheit mit drei Auswärtsspielen. Die Spieler wissen, dass spätestens nach den Partien in Stuttgart, Wolfsburg und im Pokal in Berlin absehbar ist, wohin der Weg in dieser Saison noch führen kann.
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