Analyse zum FC Bayern München: Es geht wieder um Gladiolen oder Tod
VON DENIS CANALP - zuletzt aktualisiert: 07.02.2011 - 09:56Düsseldorf (RPO). Mangelnde Konzentration hat Louis van Gaal, Trainer des FC Bayern, als den Hauptgrund für die 2:3-Niederlage beim 1. FC Köln ausgemacht. Auch die eigene Halbzeitansprache kritisierte der Niederländer. Doch die Probleme des FC Bayern sind vielschichtiger. Für van Gaal stehen Endspiele an.
"Wenn man die erste Halbzeit so souverän spielt wie wir, ist es unglaublich, dass wir wieder, und zwar schon zum vierten oder fünften Mal, ein Spiel weggeben. Wir haben das Spiel unter Kontrolle, wir machen Tore, zwei Tore müssen normalerweise genug sein. Aber wir konnten nicht 90 Minuten konzentriert spielen. Nach dem 3:2 haben wir alles versucht, aber da war es zu spät. Es ist unsere eigene Schuld", monierte van Gaal nach der Niederlage in Köln treffend.
In der Kabinenansprache nach der 2:0-Führung, sei er "vielleicht zu souverän" gewesen, räumte er zudem ungewohnt selbstkritisch ein. Doch es is zu bezweifeln, dass dies die einzigen Gründe für drei Gegentore binnen 45 Minuten gegen einen spielerisch klar unterlegenen Abstiegskandidaten sind.
Ein Spiel dauert 90 Minuten
Auffällig ist, dass die Bayern in der laufenden Spielzeit Schwierigkeiten haben, eine Führung zu verwalten. Waren frühere Mannschaften des Rekordmeisters eigentlich immer dazu in der Lage, verspielte die aktuelle Elf so bereits zahlreiche Punkte. In Leverkusen (1:1) hielt die Führung ebenso wenig wie gegen Mönchengladbach (3:3), in Wolfsburg (1:1) und nun in Köln. Auch in der Champions League verspielten die Münchner eine 2:0-Führung beim 2:3 in Rom.
Hinzu kommt, dass Gegentore diese Mannschaft immer wieder aus der Bahn werfen. So waren die Bayern bei den Niederlagen in Dortmund (0:2) und auf Schalke (0:2) bis zum Rückstand überlegen und anschließend kopflos, beinahe hilflos. Wie jetzt in Köln. "Man müsste der Mannschaft mal sagen, dass ein Spiel 90 Minuten dauert. In der zweiten Halbzeit hat komplett die Einstellung gefehlt. Das begleitet uns schon die ganze Saison. Das ist fahrlässig und so werden wir unser Ziel, mindestens Platz zwei, nicht erreichen", sagte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge.
Auch Kölns Bundesliga-Trainer-Novize Frank Schaefer hatte die Schwachstelle der Bayern erkannt und Altmeister van Gaal damit ein Schnippchen geschlagen. "Ich habe meiner Mannschaft in der Pause gesagt, dass die Bayern Probleme haben, ihre Dominanz 90 Minuten durchzuziehen", verriet er nach der Partie. Für van Gaal war Schaefers Analyse ein Schlag ins Gesicht: "Wenn es schon so bekannt ist, dass der Trainer von Köln daran appelliert, ist es sehr schlecht", bilanzierte er nachdenklich. Dass die Liga-Konkurrenten – und zwar nicht nur Spitzenteams wie Dortmund oder junge, spielstarke Mainzer – den Respekt vor den Bayern vermissen lassen, ist eine traurige Erkenntnis für den Niederländer.
Fragwürdige Aufstellung
Doch auch die Aufstellung und die Kaderplanung van Gaals werfen Fragen auf. In der Innenverteidigung setzt er neben den in Köln völlig indisponierten Holger Badstuber auf den gelernten Mittelfeldspieler Anatolij Timoschtschuk. Der Ukrainer, in der Hinrunde einer der besten Bayern-Spieler, offenbarte in der Abwehrzentrale abermals ein schwaches Stellungsspiel. Bei allen drei Gegentoren stand er – teils auch durch taktisches Fehlverhalten der Kollegen verschuldet – falsch. Beim ersten Tor verschob er zu weit nach rechts, beim zweiten zu weit nach links und beim dritten im falschen Moment nach vorne.
Die Abstimmung der beiden Innenverteidiger wirkte alles andere als perfekt. Als Alternativen stehen nach dem Abgang Martin Demichelis' lediglich noch Daniel van Buyten und Breno bereit. Der Belgier kommt jedoch nur noch gelegentlich als Brechstange in den Schlussminuten zum Einsatz, und von den Qualitäten des jungen Brasilianers scheint der Trainer nicht restlos überzeugt, besonders dessen Spielaufbau hält er für verbesserungswürdig.
Die chronischen – und längst bekannten – Probleme links in der Viererkette wurden im Winter nicht behoben. Stattdessen darf sich hier Zugang Luiz Gustavo solange probieren, bis er die van Gaal'sche Spielphilosophie komplett verinnerlicht hat und auf seiner Stammposition im defensiven Mittelfeld eingesetzt wird. Eine Dauerlösung in der Problemzone ist der 15 Millionen teure Brasilianer jedoch nicht.
Auf der rechten Seite ist Kapitän Philipp Lahm derart konkurrenzlos, dass er keine Pause einlegen kannn, obwohl er diese dringend nötig hätte. Stattdessen erhielt der routinierte Torwart Jörg Butt eine Pause, allerdings von Dauer. In der Winterpause wagte van Gaal das Experiment, den jungen Thomas Kraft ins Tor zu rotieren. Bislang ist der neuen Nummer eins wenig anzukreiden, doch die überraschende Ablösung des allseits geschätzten Schlussmanns wirbelte die Hierarchie durcheinander. Genauso wie der Abgang Mark van Bommels. Neben dem nach Mailand vergraulten Kapitän galt Butt als Führungsspieler und Motivator, der die Kollegen in der Kabine auch mal wachrüttelte.
Zu wenig Kreativität im Zentrum
Auf der Doppel-Sechs, die Bastian Schweinsteiger und van Bommel in der Vorsaison glänzend gemeinsam bekleidet hatten, agieren nun die soliden, aber sehr blassen Andreas Ottl und Danijel Pranjic. Dies belastet den gesamten Spielaufbau, weil aus dem Zentrum nur wenig Kreatives kommt. Der Ball wird oft solange quergepasst bis ein Einzelkönner der Marke Franck Ribery, Arjen Robben oder Thomas Müller das Spielgerät erhält. Zudem ist hier die Fehlerquote deutlich höher als in der Vorsaison, weshalb der Gegner zu einfachen Toren kommt.
Schweinsteiger, der derzeit notgedrungen den Spielmacher mimt, hat zwar direkt hinter der Spitze sehr wohl seine hellen Momente, sieht sich jedoch zu oft der engen Manndeckung eines Gegenspielers ausgesetzt. Genau dann aber bekommt er Probleme und produziert Fehler. Im zentralen Mittelfeld hat er diese Probleme nicht, kann seine Technik und Übersicht besser ausspielen.
"Schweinsteiger ist nicht wichtig, sondern der FC Bayern", hatte van Gaal zuletzt zu Protokoll gegeben und damit gemeint, dass er der Mannschaft als Zehner im Moment mehr nutzt. Gerade in Anbetracht der Besetzung der Doppel-Sechs erscheint dies aber nicht schlüssig, zumal Müller seine Qualitäten als Zehner in der Vergangenheit bereits erfolgreich unter Beweis gestellt hat.
Endspiele für van Gaal
Für van Gaal, der in jüngster Zeit häufiger die direkte Kritik seiner Vorgesetzten Rummenigge, Uli Hoeneß und Christian Nerlinger zu spüren bekam, wird es wohl wieder ungemütlich in München. In der Liga darf sich sein Team gegen Hoffenheim und in Mainz keine weiteren Aussetzer leisten, soll Platz zwei, der das Erreichen der Champions League in der kommenden Saison garantiert, zumindest in Reichweite bleiben.
In zweieinhalb Wochen steht dann die Neuauflage des letztjährigen Finals bei Inter Mailand auf dem Programm. Im Hinspiel im Guiseppe-Meazza-Stadion muss der FC Bayern bestehen, ansonsten droht das Aus im Achtelfinale. Für den Niederländer geht es in den kommenden Wochen nicht weniger als um "Gladiolen oder Tod" – so nennt van Gaal Endspiele. Es sind seine eigenen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum

























