Borussia Mönchengladbach: Favre hat Gladbach wachgeküsst
VON KARSTEN KELLERMANN - zuletzt aktualisiert: 14.02.2012 - 14:00Mönchengladbach (RPO). Heute genau vor einem Jahr bekam Lucien Favre den Trainerjob bei Borussia. Der 54-Jährige steht für den Höhenflug des Vereins - und für ein neues Selbstwertgefühl der ganzen Stadt, deren markantestes Wahrzeichen nun einmal der Bundesliga-Klub ist. Es scheint, als sei der Aufschwung überall angekommen.
Es war der 14. Februar 2011, als Mönchengladbach wieder Hoffnung schöpfte. Ein schmaler Mann aus der Schweiz war gekommen, um zu retten, was nicht mehr zu retten schien. Borussia stand nach dem 1:3 beim FC St. Pauli am Abgrund, auf den sie wie ein Zombie zutorkelte. Michael Frontzeck, der in besseren Zeiten des Klubs ein echtes Fohlen war, war gescheitert. Lucien Favre wurde heute vor einem Jahr als sein Nachfolger präsentiert. "Ein Zipfel Hoffnung" war geblieben, dass Mönchengladbach nicht zweitklassig wird, sagte Sportdirektor Max Eberl. Lucien Favre war der Zipfel, an dem sich alle festhalten konnten.
Vom Abstiegskandidaten zum Titelanwärter
Was der 54-Jährige aus dem Schweizer Kanton Waadt, aus dem winzigen Ort Saint-Barthelemy, seither in Mönchengladbach bewegt hat, ist atemberaubend. Favre hat Borussia wachgeküsst, er hat sie gerettet und er hat aus dem gefühlten Zweitligisten einen Meisterschaftsanwärter gemacht. Das hat das grandiose 3:0 gegen Schalke gezeigt. Favre steht für den Aufschwung Borussias - und für ein neues Selbstwertgefühl der ganzen Stadt, deren markantestes Wahrzeichen nun einmal Borussia ist.
Schweizer sind für ihre Diplomatie bekannt und auch für ihr Understatement. Während die Mannschaft sich in andere Sphären siegt, denkt Favre stur von Spiel zu Spiel - und Woche für Woche darf Mönchengladbach stolzer sein auf ihre Borussia. "Que Sera, Sera, Borussia ist wieder da", sang die Nordkurve, der Seismograph der Befindlichkeiten, als Borussia wunderschön Schalke besiegte. Favre hat gezeigt, dass Fortschritt nicht mit großen Schritten passiert, sondern nach und nach - dafür aber nachhaltig.
Als Favre kam, war das Verhältnis der Menschen in Mönchengladbach zu ihrem Klub zerrüttet. Wie es ist bei Liebenden: Wenn man unzufrieden ist, wird aus Zuneigung ganz schnell Abneigung, ja Hass. Favre hat Borussia und Mönchengladbach wieder geeint. Er hat gezeigt, dass Teamgeist und Zusammenhalt etwas bewegen können. Er hat ein Jetzt-erst-recht-Gefühl kreiert, das die gesamte Stadt atmet.
Als Borussia in der Relegation gegen Bochum das 1:0 in der Nachspielzeit gelang, explodierte alles, was sich in den nervenaufreibenden Monaten zuvor aufgebaut hatte. "Das war die beste Stimmung, die es im Borussia-Park je gab“, sagte Max Eberl. Und jetzt geht es weiter: Alles scheint möglich für diese Borussen, Mönchengladbach ist wieder in aller Munde, schier die ganze Welt spricht über das "Wunder vom Niederrhein“.
Favre fühlt sich wohl in Gladbach. Das Stadion im Borussia-Park ist Favres Manege, sein Rückzugsort ist der Bunte Garten. Dort geht der Fußball-Lehrer, der die Natur sehr mag, oft spazieren, mal allein, mal mit seiner Frau Chantal. Vielleicht ist der Bunte Garten der Ort, an dem viele der Ideen geboren werden, aus denen die Borussia mit Favre-Touch gemacht ist. Es ist eine Borussias, die so viel Spaß macht, weil sie spielt, wie Mönchengladbacher Fußball in seiner besten Zeit war: frisch und fröhlich, stürmisch und vital.
Der Weisweiler der Moderne
Wenn der selige Hennes Weisweiler, der Kölner, der in Gladbach der Vater der Fohlen-Elf war, oben auf seiner Wolke sitzt, wird er zufrieden hinunterblicken auf seine Borussia. Denn Favre hat Weisweilers Idee vom Fußball, die Gladbach in den 1970er Jahren weltberühmt machte, in die Moderne übersetzt. Es war schon immer so: Wenn es Borussia gutging, fühlte sich auch Mönchengladbach gut. Es scheint, als sei der Aufschwung überall angekommen. Eicken, die Geburtsstätte Borussia, putzt sich wieder fein heraus, überhaupt scheint viel zu passieren in der Stadt.
"I have a Dream“, hatte ein Fan auf ein Plakat geschrieben beim 3:0 gegen Schalke. Er hatte die Meisterschale und den DFB-Pokal darunter gemalt. Favre hat Borussia und Mönchengladbach zum Träumen eingeladen, es darf europäisch gedacht werden, wo noch vor einem Jahr die Angst vor der Zweitklassigkeit regierte: Barcelona statt Braunschweig? So weit ist es noch nicht, warnt Favre zurecht. Er will nichts versprechen, sondern Fakten liefern. Aber Lucien Favre hat der ganzen Stadt gezeigt, dass man die Hoffnung nie aufgeben darf. Er hat Gladbach wachgeküsst.
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