1. Bundesliga 17/18
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Alle für einen
Bayern hat in der Liga 17 Ausbildungsvereine

So beuten die Bayern die Liga aus
So beuten die Bayern die Liga aus FOTO: dpa, Alexander Hassenstein
Düsseldorf. Früher war vielleicht nicht alles besser, aber so manches. Auch in der Fußball-Bundesliga. Vereine sind Konzerne geworden, Identifikation ist nur noch Marketingzweck. Und so sind 17 Klubs zu Ausbildungsbetrieben für den FC Bayern München verkommen. Von Patrick Scherer

Sepp Herberger ist der Urvater vieler lakonischer Weisheiten. Eine geht so: "Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht." Jetzt, 64 Jahre nach Herbergers Wunder von Bern, stellt sich die Frage: Gilt dieses Sprichwort noch? Nein - zumindest wenn es um die elementarste aller sportlichen Unwissenheiten geht: die Meisterfrage. In den vergangenen fünf Jahren lautete die Antwort stets Bayern München. Und auch in dieser Saison glauben nur aberwitzige Besserwisser daran, dass der Rekordmeister seinen Elf-Punkte-Vorsprung noch einbüßen wird. Seit Beginn der Saison 2012/13 hat der FC Bayern 471 Punkte geholt. Borussia Dortmund - der einzige Rivale, dem landläufig bescheinigt wird, eventuell mal für Spannung über den März hinaus sorgen zu können - hat im gleichen Zeitraum 353 Zähler eingefahren. Das sind 118 weniger. 118! Im Sinne des Mitfieberns eine traurige Entwicklung, die durch viele Faktoren begünstigt wird. Fest steht: Der Abstand zwischen den Bayern und dem Rest der Liga ist so groß wie nie. Die Münchener stehen am Ende einer Nahrungskette, in der sie nur die Hand aufhalten müssen. Einen Status, den sich die Bayern hart erarbeitet haben. Doch diese Dominanz lastet schwer auf der Liga.

Im vergangenen August haben sie in München den FC Bayern Campus eröffnet. Auf dem etwa 30 Hektar großen Gelände soll die nächste Generation Superstars ausgebildet werden. Zu häufig haben sich Rummenigge, Hoeneß & Co. vorwerfen lassen müssen, dass seit David Alaba, Thomas Müller und Holger Badstuber niemand mehr aus dem eigenen Nachwuchs ins Profiteam aufgerückt ist. Der Campus darf als trotzige Antwort verstanden werden. Dabei hätten sie die gar nicht nötig. Ihre Nachwuchsteams sind eben nicht mehr die Amateure in der Regionalliga oder die U19 in der Junioren-Bundesliga. Nein, ihre Ausbildungsvereine heißen mittlerweile Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen oder Schalke 04.

Bei letzteren beiden scheinen nun wieder zwei Sprösslinge bereit für den Schritt nach oben. Julian Brandt erhielt in Wolfsburg und Leverkusen den Feinschliff. Leon Goretzka bekam in Bochum und auf Schalke das Rüstzeug an die Hand. Beide sind deutsche Nationalspieler, holten den Confed-Cup im vergangenen Sommer. Beide sind Leistungsträger bei ihren Klubs. Und deshalb wollen die Vereine ihre Stars natürlich nicht nach München abgeben. Sie sind sich aber auch im Klaren darüber, dass dieses Geschäft wohl keine andere Möglichkeit mehr zulässt. Es heißt nur noch: Fressen und gefressen werden.

Bayern München eröffnet seinen Nachwuchs-Campus FOTO: dpa, mbk hpl

Die Bayern thronen in einem Pyramidensystem. Dortmund folgt, Leverkusen und Schalke ersetzen ihre Brandts und Goretzkas dann aus der Basis. Das gab es freilich schon früher. Doch damals war das System weniger starr, viel durchlässiger. Stuttgart, Kaiserslautern oder Bremen feierten Überraschungsmeisterschaften. Dies erscheint heute mehr denn je als Utopie.

BVB musste viele Spieler zum FC Bayern abgeben

In Dortmund kennen sie sich mit Spielerwechseln nach München aus. Mario Götze, Robert Lewandowski oder Mats Hummels lassen grüßen. Der Hummels-Transfer 2016 war vermutlich die letzte Barriere, die die Bayern auf dem Weg zum Monopol durchbrochen haben. Der Weltmeister spielte acht Jahre bei der Borussia, wurde zweimal Meister und Pokalsieger. Hummels predigte den Zusammenhalt, geißelte Götze und Lewandowski für ihre Schwäche, ehe er selbst den Lockrufen aus seiner Münchner Heimat erlag. Mit diesem Wechsel starb die Hoffnung darauf, in Deutschland wenigstens spanische (FC Barcelona und Real Madrid) statt schottische Verhältnisse (Celtic Glasgow) zu erhalten.

Die Empörung der Dortmunder Fans beim Hummels-Transfer war groß. Es wird spannend zu beobachten sein, ob sich das andernorts bei möglichen Wechseln von Goretzka oder Brandt wiederholt. Der Fan versteht das System mehr und mehr, auch wenn er sich (noch) nicht abwendet. Es lohnt sich einfach nicht mehr, das Trikot seines Vereins mit dem Namen eines talentierten Spielers beflocken zu lassen, nur um dieses dann wenige Augenblicke später in der hintersten Ecke des Kleiderschranks zu verstecken. Identifikation ist häufig nur noch eine leblose Hülle, bedruckt mit einem griffigen Slogan, übergestülpt von profitorientierten Marketingexperten. Die Zeiten, in denen Bundesligastars die Blütezeit ihrer Karriere bei einem ambitionierten Traditionsverein verbracht haben, sind vorbei. Thomas Müller geht diesen Weg. Aber eben bei den Bayern.

Vergangenen Sommer hat Francesco Totti seine Karriere beendet. 24 Jahre lang hat er nur das Vereinstrikot des AS Rom getragen, allen Verlockungen widerstanden. Totti hat nur eine Meisterschaft gewonnen. Er hat aber auch dafür gesorgt, dass bei Spielen gegen die Roma niemand wusste, wie es ausgeht.

Quelle: RP
 
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