1. Bundesliga 17/18
| 07.38 Uhr

Mehr als 1000 Krankheitstage
FC Bayern ist auch Herbstmeister der Verletzungen

Fotos: Lahm verletzt sich im Bayern-Training schwer
Fotos: Lahm verletzt sich im Bayern-Training schwer FOTO: Screenshot Sky
Düsseldorf. Das Thema Verletzungspech war in der Bundesliga-Hinrunde allgegenwärtig. Besonders das Spitzentrio aus der Vorsaison – Bayern, Dortmund, Schalke – hat es erwischt. Mit unterschiedlichen Folgen. Von Jannik Sorgatz

David Alaba. Philipp Lahm. Javi Martinez. Holger Badstuber. Thiago Alcantara. Franck Ribery. Claudia Pizarro. Bastian Schweinsteiger.

Die Reihenfolge ist beliebig. Man könnte diese acht Akteure des FC Bayern auch anhand ihrer Namen alphabetisch ordnen. Oder anhand ihrer Verletzungen. I wie Innenbandriss. K wie Kreuzbandriss und Knöchelbruch. M wie Muskelsehnenriss. All die Genannten fehlten dem Rekord- und Herbstmeister in der Hinrunde längerfristig. Wobei längerfristig ebenfalls etwas beliebig definiert ist, in diesem Fall als "mindestens fünf Bundesligaspiele".

Fabian Siegel aus Baden-Baden hält für seinen Blog "Fußballverletzungen" jeden Tag fest, an dem ein Bundesligaspieler ausfällt. Nach seiner Statistik hat sich der FC Bayern auch in der Kategorie "Verletzungspech" den Herbstmeister-Titel gesichert. Auf 1093 Tage kommen die 28 Spieler im Bayern-Kader demnach, das sind fast genau drei Jahre.

Bei einigen Klubs liegt der Wert noch höher. Sie haben aber entweder mehr Spieler unter Vertrag oder es fielen Akteure aus, die einen niedrigeren "Goalimpact" aufweisen. Dieser Wert ist vergleichbar mit der Plus-Minus-Statistik beim Eishockey und berücksichtigt, inwiefern die Tordifferenz einer Mannschaft sich mit oder ohne Spieler XY verändert. "Führungsspieler wie etwa Philipp Lahm haben einen Goalimpact-Wert von fast 200, Bankdrücker nicht weit über 60", heißt es auf dem Blog.

Der Winterfahrplan der Bundesligisten

Umso höher sind die Leistungen der Mannschaft von Pep Guardiola einzuordnen – selbst wenn man berücksichtigt, dass der FC Bayern spontan in der Lage ist, das Risiko mit Transfers der Güteklasse Medhi Benatia und Xabi Alonso einzudämmen. Aber auch der FC Schalke und Eintracht Frankfurt trotzten dem Pech. Sie stehen sportlich ebenfalls deutlich besser da als ihre Krankenbilanz naheliegt.

Wer über das Thema Verletzungen in der Bundesliga sinniert, landet spätestens an diesem Punkt bei Borussia Dortmund. Eingerahmt von den genannten Teams steht der BVB auf Platz 16 der Verletzungstabelle. Doch anders als Schalke, Frankfurt und die Bayern bewegen sich die Dortmunder damit gesundheitlich wie sportlich in den gleichen Gefilden.

Was ist Pech?

Das gilt auch für die andere Borussia aus Mönchengladbach, nur völlig umgekehrt. Kein Klub hatte in der Hinrunde weniger Krankheitstage zu beklagen – 427 im Vergleich zu 1385 beim FC Schalke. So setzte Lucien Favre beim Tabellenvierten in 17 Ligaspielen lediglich 18 Spieler ein, so wenige wie kein anderer Trainer. Doch das Beispiel Gladbach zeigt auch, welch eine kryptische Variable das Thema Verletzungspech im Fußball ist. Der Ausfall von Abwehrchef Martin Stranzl war der einzige langfristige und schwerwiegende, den der VfL zu beklagen hatte. In dieser Zeit verdreifachte sich die Gegentor-Quote. Läuft das schon unter "Pech"? Oder lediglich unter "etwas weniger Glück"?

Gesichter und Szenen der Hinrunde FOTO: dpa, crj htf

Die enorme Belastung einiger Spieler mit durchschnittlich zwei Einsätzen pro Woche wird gerne zur plausiblen Erklärung für gerissene Bänder und gezerrte Muskeln erhoben. In dieser Mühle steckten in der Hinrunde vornehmlich die sechs deutschen Europapokal-Teilnehmer. Die eine Hälfte – Gladbach, Leverkusen und Wolfsburg – blieb weitgehend verschont, die andere – Dortmund, Schalke, Bayern – erwischte es erheblich.

Gladbachs Mannschaftsarzt Dr. Stefan Hertl schilderte die Philosophie seines Klubs im Interview mit unserer Redaktion Mitte Oktober. Die Borussia hatte vor der Länderspielpause 1:1 in Zürich und 1:1 gegen Mainz gespielt – erst wurde das angeschlagene Duo Raffael und Christoph Kramer sicherheitshalber zu Hause gelassen, dann spielten beide über 90 Minuten. "Beide hatten muskuläre Probleme, waren also nicht schwer verletzt, aber das Risiko, dass bei erneuter Belastung daraus eine Verletzung entsteht, mit der sie vier bis sechs Wochen ausfallen, war eben gegeben", sagte Hertl.

Zündstoff garantiert

Zum Thema Gesundheit im Fußball ließe sich monatlich ein Fachmagazin füllen. Prävention, Regeneration, Genesung, Aufbautraining – das weite Feld lässt viel Spielraum für Feinjustierungen, aber auch für gravierende Fehler. So weitete sich der Disput zwischen Bayern-Trainer Guardiola und Vereinsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt zur mittelschweren Staatskrise an der Säbener Straße aus – weil es Guardiola missfallen haben soll, dass der Doc die Spieler eben nicht dort auf dem Vereinsgelände, sondern in seiner innerstädtischen Praxis behandelt.

Die Geschichte lässt sich freilich auch so drehen, dass es in München zuletzt anscheinend keine schwerwiegenderen Probleme gab. Trotzdem wird das Thema nicht an Brisanz verlieren. Denn Krankentage mögen sich zählen lassen wie Ecken, Fouls und Tore. Eine vom Verletzungspech bereinigte Tabelle wird jedoch nie ein Mensch zu Gesicht bekommen.

 
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