Vergiftete Atmosphäre: Frust bei Bayer trotz 4:1-Sieg
VON STEFAN KLÜTTERMANN - zuletzt aktualisiert: 20.02.2012 - 07:11Leverkusen (RP). Wie muss es um einen Verein bestellt sein, bei dem ein letztlich überzeugend herausgespielter 4:1-Sieg in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem dazu taugt, eine vergiftete Atmosphäre, tiefe Risse im Verhältnis zu den Fans und eine grassierende Unzufriedenheit zu verdeutlichen?
Mit dieser Frage müssen sich die handelnden Personen bei Bayer Leverkusen in diesen Tagen auseinandersetzen. Zu eklatant war das, was sich rund um den Heimsieg über Aufsteiger Augsburg am Samstag in der BayArena abgespielt hatte.
Trainer Robin Dutt sah sich wiederholt, aber in neuem Ausmaß, einer massiven Abneigung eines Großteils jener Fans ausgesetzt, die in Leverkusen Stehplatzkarten besitzen. Einem Spruchband "Robin, mach's dem Wulff doch nach, tritt zurück!" folgte die skandierte Meinung "Ohne Trainer wär'n wir auf Platz zwei", bevor die Missfallenskundgebungen endgültig die Gürtellinie unterschritten. "Solange ich den Kopf hinhalten kann, mache ich das gerne für die Mannschaft", sagte Dutt zwar nach dem Spiel, aber die Frage blieb im Raum, wie er überhaupt noch bei den Fans (verloren gegangenen) Kredit zurückgewinnen will.
Neulich erst hatte er stundenlang mit Fan-Vertretern zusammengesessen und sich sogar bereiterklärt, Fragen per E-Mail zu beantworten. Genützt hat es offensichtlich nichts. "Man muss sich unabhängig machen von dem, was drum herum passiert", sagt Dutt. Ob das die Verantwortlichen auch können – und wie geplant langfristig an ihm festhalten? Die Zweifler daran sind seit Samstag zumindest nicht weniger geworden.
Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser wurde ebenfalls Ziel von Schmährufen ("Holzhäuser raus!"). In beiden Fällen – Dutt und Holzhäuser – steckt der tiefere Grund für Volkes Unmut dabei wohl weniger in der Nichterfüllung überzogener sportlicher Erwartungen, sondern vor allem im Umgang mit dem zur Fan-Ikone verklärten Michael Ballack. Holzhäuser war nicht im Stadion, sondern in Holland. Der 62-Jährige sprach in seiner medialen Omnipräsenz der vergangenen Wochen öfter von der Belastung seines Jobs. Seinen Rückzug hatte er bereits für 2014 angekündigt.
Sportdirektor Rudi Völler haderte am Sonntagmorgen im "Doppelpass" mit der Feststellung, dass "wir die überzogenen Erwartungen leider so in den Raum gestellt" haben. Er meinte die im Sommer geäußerten Ziele, bei denen Dutt von Platz zwei aus nach oben denken wollte. "Wir sind nicht zufrieden mit unserer Saison", sagte Völler und beschrieb damit eine Gefühlslage, die sich seit einiger Zeit im Umfeld des Vereins verbreitet wie sonst nur Grippeviren.
Die Spieler ihrerseits nutzen den Fan-Unmut jedoch keineswegs als Alibi, sondern zeigten sich wütend über das Verhalten. "Das geht ja auch gegen die Mannschaft. Da bin ich schon enttäuscht. Den Sieg heute haben wir alleine geschafft", sagte Verteidiger Daniel Schwaab. Torschütze André Schürrle (neben ihm trafen noch Stefan Kießling/2 und Gonzalo Castro) klagte: "Die Pfiffe verunsichern einen ungemein. Es gibt sehr viel Unruhe im Verein, sehr viele Themen, die nichts mit Fußball zu tun haben."
Völler forderte indes: "Wir müssen das Vertrauen der Zuschauer zurückgewinnen." Am besten mit einem Sieg im Derby beim 1. FC Köln am kommenden Samstag. Das Hinspiel verlor Bayer mit 1:4. Es warf die Stimmungslage im und um den Verein nachhaltig zurück – bis heute. Verliert Leverkusen erneut, droht dauerhafter Aschermittwoch im Verein.
Jetzt weiterlesen und die Rheinische Post testen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum


























