Abschied von Robert Enke in Hannover: "Fußball ist nicht alles"
VON CHRISTIAN SPOLDERS - zuletzt aktualisiert: 15.11.2009 - 14:27Hannover (RPO). 35.000 im Stadion, weitere tausend Fans vor den Toren der Arena in Hannover: Fußball-Deutschland nahm auf einer bewegenden Trauerfeier Abschied von Robert Enke, der sich vier Tage zuvor selbst getötet hatte. Die Beerdigung findet im engsten Familienkreis statt.
Zehn Spieler von Hannover 96 trugen den schlichten Sarg mit den sterblichen Überresten Robert Enkes durch den Spielertunnel aus dem Stadion. Dazu erklang "The Rose" von LeAnn Rimes. Teresa Enke hatte sich das Lied ausgesucht. Die komplette Mannschaft von Hannover 96 stand Spalier, einige Spieler weinten ebenso wie die 35.000 Fans im Stadion. Sie applaudierten minutenlang, um dem Torhüter die letzte Ehre zu erweisen.
Anschließend sang Alina Schmidt, eine Schülerin aus Hannover, "You'll never walk alone". Auf der Videoleinwand wurden währenddessen Bilder aus der Karriere des Robert Enke gezeigt. Jeder Zuschauer, der einen Schal hatte, hielt diesen nach oben. Zuvor sang die 17-Jährige zu Beginn der Trauerfeier für den Fußball-Torhüter "96, alte Liebe", das Vereinslied. Sie wurde begleitet von zwei Gitarrenspielern. Die ersten Zeilen der Hymne: "Niemals allein, wir gehen Hand in Hand. Manchmal geht es nicht so wie man will, aber unsere Liebe steht deswegen noch nicht still." Das Streich-Quartett der Musikhochschule Hannover spielte weitere Lieder.
"Seit Dienstagabend verweilt Hannover in tiefer Trauer", sagte zuvor Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil im Rahmen der Trauerfeier. "Es ist sehr still in Hannover. Aber es ist auch warm. Denn die Stadt ist eng zusammengerückt in den vergangenen Tagen." Er empfinde die Trauerfeier als tief bewegend. Er fragte auch: "Warum berührt der Tod eines Menschen nicht nur eine ganze Stadt, sondern darüber hinaus?"
Am vergangenen Sonntag haben sich noch alle im Liga-Spiel gegen den Hamburger SV über Enkes Comeback ins Tor gefreut. "Robert Enke war souverän, vor allen Dingen im Umgang mit Menschen", sagte Stephan Weil. "Er nahm sich Zeit." Mit ihm haben Menschen mehr verbunden als seine Paraden. "Robert Enke ist Vorbild geworden für Menschen, vor allem für junge Fans. So einen hätten viele von uns gerne als Freund gehabt."
Auch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff sprach auf einer der größten Trauerfeiern der deutschen Geschichte. "Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei Ihnen, Frau Enke", sagte er. "Aber auch bei den Führern des Regionalzuges, der Robert Enke am Dienstagabend erfasst hat." Man solle mehr miteinander reden, betonte Wulff. "Die Welt ist nicht im Lot", sagte er. "Ich muss etwas ändern: Den Sportler nicht als Übermenschen oder Versager sehen, sondern als Menschen."
"Wir brauchen doch keine fehlerfreien Roboter. Wir brauchen Menschen mit Ecken und Kanten und mit allen ihren Schwächen und ihren wunderbaren Eigenschaften", sagte Wulff, der Enke als großartigen Menschen und überragenden Sportler würdigte. Er sei zugleich ein stiller, bescheidener und zurückgenommener Star gewesen. "Ein Mensch kleiner Gesten, der einen Kreis um sich zog, der besonders war."
Enkes Ehefrau Teresa habe sich eindrucksvoll an die Öffentlichkeit gewandt, und "geholfen zu verstehen, was wir nicht wussten. Wir alle wünschen Ihnen und Ihrer Tochter Leila, dass Sie eines Tages Frieden mit dem Geschehenen machen können". Minutenlang applaudierten die Zuschauer immer wieder für Teresa Enke, die auf einem Stuhl auf dem Rasen des Stadions neben Jörg Neblung, Berater und enger Freund Robert Enkes, saß.
Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, zollte Teresa Enke seinen Respekt. Ebenso den Einsatzkräften an der Unfallstelle. "Die Spontanität der Menschen in dieser Stadt, die diese Trauerfeier möglich gemacht haben. Danke an euch." Er sagte bei seiner freien bewegenden Rede ohne Manuskript auch: "Fußball ist nicht alles. Fußball darf nicht alles sein."
Der katholische Pfarrer Heinrich Plochg von der Gemeinde St. Josef eröffnete die Trauerfeier um kurz nach 11 Uhr. Er steht der Familie seit dem Tod von Enkes Tochter Lara sehr nahe. "Ich bin nicht alleine gekommen", sagte er. "Hier im Stadion sind Tausende, die ihn oft gar nicht persönlich kannten, die sich ihm aber sehr verbunden fühlten. Seine Fans."
Er sagte, dass alles, was Positives über Robert Enke in den vergangenen Tagen gesprochen wurde, ehrlich gemeint ist. "Ich glaube, es gibt niemanden, der Robert Enke nicht alles Gute gewünscht hätte", sagte er. "Er war ein ideales Vorbild." Zudem mahnte er: "Misserfolg, Krankheit, Niederlagen, aber auch Schicksalsschläge gehören dazu." Es seien keine "Schwächen, die man wegtrainieren kann, auch wenn unsere Gesellschaft das oft von uns verlangt".
Der Geistliche würdigte auch die Witwe Enkes, die am Tag nach dem Selbstmord ihres Mannes vor die Öffentlichkeit getreten war und über den Leidensweg Enkes gesprochen hatte.
Martin Kind, Präsident von Hannover 96, sprach vor den 45.000 Menschen im Stadion: "Robert Enke wird nie wieder in dieses Stadion kommen. An den Ort, an dem er unsere Herzen erobert hat. Er hat mit seinen spektakulären Paraden uns viele Punkte gerettet. Von hier aus konnte Robert Enke das höchste Ziel eines Sportlers erreichen – Torhüter der Nationalmannschaft werden."
Es sei aber nicht nur der Torhüter, sondern auch der Charakter, die Persönlichkeit gewesen, die Enke auszeichnete, sagte Kind weiter. "Robert – du warst Nummer Eins im echtesten Sinne des Wortes", so Kind. "Du warst der Beweis, dass es auch im Fußball Echtes und Warmes gibt. Es war ein Geschenk, dass Robert Enke einer von uns war. Leider viel zu kurz."
Der Fußballer habe die Herzen als Sportler und Leistungsträger erobert, aber auch aufgrund seiner Natürlichkeit, Bescheidenheit und Herzlichkeit. "Robert Enke hatte nur Freunde", sagt Kind. Und dennoch habe ihm eine heimtückische Krankheit das Herz gebrochen: "Unser Entsetzen ist überall zu spüren." Martin Kind sprach auch zu Teresa Enke. "Wir werden für Sie da sein", sagt er.
Michael Ballack und Per Mertesacker legten stellvertretend für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft einen Kranz nieder. Die Fußballer saßen ganz in schwarz gekleidet auf der Tribüne des WM-Stadions, Bundestrainer Joachim Löw hatte Tränen in den Augen. Zuvor trauerte er bereits gemeinsam mit seinem Vorgänger Jürgen Klinsmann und DFB-Manager Oliver Bierhoff ebenso am Sarg im Mittelkreis wie die komplette Nationalmannschaft.
Die Beisetzung des Nationaltorhüters ist anschließend im kleinen Kreis auf dem Friedhof seines Wohnortes Empede bei Neustadt am Rübenberg geplant. Enke soll neben seiner Tochter Lara beigesetzt werden.
Mehrere Zehntausend Menschen waren bereits seit dem frühen Sonntagmorgen in Hannover. Die Polizei hatte den Bereich um die Arena weiträumig abgesperrt. Ab 8.30 Uhr konnten die Trauergäste die vorgesehenen 45.000 Plätze im Stadion besetzen. Zusätzlich waren außerhalb der AWD-Arena zwei Großleinwände für die Übertragung der Veranstaltung mit Gottesdienst und Trauerreden aufgebaut. Rund um das Stadion herrscht andächtige Stille.
In vielen Gaststätten in Hannovers Innenstadt deuteten zudem Bilder von Enke und Fan-Devotionalien von Hannover 96 auf den traurigen Anlass hin. Aus Lautsprechern waren an unterschiedlichen Orten Lieder wie "Candle in the wind" (Elton John), "Time to say goodbye" (Andrea Bocelli) und "Abschiednehmen" (Xavier Naidoo) zu hören. Vor der Geschäftstelle der 96er brennen wie schon in den vergangenen Tagen Hunderte von Kerzen im Gedenken an den Verstorbenen.
Vor der Trauerfeier sagte Jörg Neblung, Freund und Berater von Robert Enke, dass der Torhüter seit einem Besuch bei der Fußball-Nationalmannschaft vor gut zwei Monaten wieder akut unter Depressionen gelitten habe. Der "Bild"-Zeitung sagte Neblung: "Er hatte ein tolles erstes Halbjahr 2009. Umso überraschender, dass er vor acht Wochen bei der Nationalmannschaft wieder in einen Strudel gekommen ist." Enke habe wieder ähnliche Symptome gehabt wie seinerzeit beim FC Barcelona: "Angst vorm Aufstehen, Versagensängste, Panik – das potenzierte sich."
Zu diesem Zeitpunkt sei die Therapie wieder aufgenommen worden. Nach Worten Neblungs gab es eine erste Eintrübung der Stimmung bereits im Oktober vergangenen Jahres, als sich Enke bei der Nationalelf einen Kahnbeinbruch zugezogen hatte. "Da hat sich Robert wieder selbst rausgearbeitet und wurde ja auch wieder zur deutschen Nr. 1", betonte Neblung.
Enkes Erkrankung sei 2002/2003 als depressive Störung erkannt worden, als sich das Scheitern beim FC Barcelona angedeutet habe. Damals habe er unter Angstzuständen und mangelndem Antrieb gelitten. Nach dem Intermezzo in Istanbul sei klargeworden, dass eine Behandlung unumgänglich gewesen sei. "Bis Dezember 2003 war Robert komplett gesundet", sagte sein Berater.
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