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Arnd Zeigler im Interview: "Gladbach besitzt Spielkultur"

VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 25.12.2011 - 16:47

Düsseldorf (RP). Fernsehmoderator Arnd Zeigler klopft in seiner "Wunderbaren Welt des Fußballs" den Sport auf seinen Unterhaltungswert ab. Wir sprachen mit dem 46-jährigen Bremen-Fan über die Mannschaften der 1. Bundesliga, Pyrotechnik und den Fall Rafati.

Fernsehmoderator Arnd Zeigler hat mit unserer Redaktion über die Bundesliga-Hinrunde gesprochen. Foto: WDR/Stefan Schmidbauer
Fernsehmoderator Arnd Zeigler hat mit unserer Redaktion über die Bundesliga-Hinrunde gesprochen. Foto: WDR/Stefan Schmidbauer

Beginnen wir bei der aktuellen Trainerentlassung. Markus Babbel trainiert nicht mehr Hertha BSC Berlin. Dabei ist der Verein als Aufsteiger immerhin auf Platz 11. Was ist da los?

Arnd Zeigler Das ist ein Musterbeispiel für etwas, das mich bei vielen Vereinen wundert: Dass sie es nicht hinbekommen, solche Vorgänge eleganter zu lösen. Es gibt ja eigentlich Fachkräfte für Öffentlichkeitsarbeit, die nichts dem Zufall überlassen. Das war wirklich erstaunlich dämlich.

Werfen wir einen Blick auf die Hinrundentabelle. Welches Team steht am wenigsten dort, wo Sie es erwartet haben?

Zeigler Das ist einfach: Borussia Mönchengladbach. Die Hälfte der Vorrunde habe ich Gladbach für eines dieser Überraschungsteams gehalten, die am Ende dann doch Elfter werden. Das habe ich gedacht bis zum 5:0 gegen Werder Bremen. Dieses Team besitzt Substanz und Spielkultur und wird auch in der Rückrunde nicht mehr durchgereicht. Wenn alles dumm läuft, wird Gladbach vielleicht noch Sechster oder Siebter.

Wer hat Sie denn dann enttäuscht?

Zeigler Ganz klar der VfL Wolfsburg. Wobei das weniger eine Enttäuschung ist als eine Bestätigung meiner Meinung über Felix Magath und seine Arbeitsweise. Es kann nicht funktionieren, was der da macht. So kann doch niemand eine Mannschaft aufbauen mit den ständigen Ein- und Verkäufen.

Magath hat in der Tat angekündigt, wieder auf Shopping-Tour zu gehen. Welche ausgemusterten Profis würden Sie ihm ans Herz legen?

Zeigler Es muss andersherum laufen. Wenn ich Präsident eines Vereins wäre, bei dem Felix Magath Trainer ist, sollte in dem Vertrag stehen, dass er die ganzen Spieler wieder mitnehmen muss, die er holt. Dann müsste er jetzt Ali Karimi, Charisteas, Annan, Hans Sarpei und wie sie alle heißen zu Wolfsburg holen. Ich habe Wolfsburg gegen Bremen spielen sehen. Das Spiel endete 4:0 für eine gar nicht mal so überragende Bremer Mannschaft. Magath hat es geschafft, aus Spielern, die mal ganz gut waren, eine sehr unterdurchschnittliche Mannschaft zu machen. Wie er mit seinen Mitmenschen umgeht, ist ja hinlänglich bekannt und berüchtigt.

Welche Mannschaft war in der Hinrunde am unterhaltsamsten?

Zeigler Auf eine ganz merkwürdige Art finde ich Hoffenheim unterhaltsam. Da rätsele ich, was die in der Liga erreichen wollen. Die haben sich in Stanislawski einen sehr volkstümlichen Trainer geholt und wollten früher mal in die Champions League durchstarten. Der 1. FC Köln ist ebenfalls immer weit vorne in Sachen Unterhaltung. Man weiß nie, ob der Gegner in Köln einen übergebraten bekommt oder der 1. FC Köln zweistellig verliert.

Der FC Bayern ist nicht so unterhaltsam wie früher.

Zeigler Der Verein spielt deshalb eine komische Saison, weil erst alle dachten, dass das Team ohnehin davon marschiert. Seit es aber ein paar Punkte gelassen hat, ist Bayern bloß eine Spitzenmannschaft, aber keine Übermannschaft.

Sie suchen in Ihren Sendungen auch gerne nach Pannen und Versprechern. Was ist Ihnen aus der Hinrunde besonders in Erinnerung geblieben?

Zeigler Marcel Reif scheint der einzige Live-Kommentator zu sein, der die Räuspertaste nicht findet. Deshalb haben wir in diesem Jahr bei den von ihm kommentierten Spielen ständig Nieser und Wutausbrüche und Gespräche mit Redakteuren mitbekommen. Das macht ihn für mich angenehm menschlich.

Was haben Sie in der Hinrunde vermisst?

Zeigler Spannung. Es ist ja schon fast klar, wer Meister wird und wer auf den Plätzen zwei bis vier landet. Mal abgesehen von Gladbach fehlen mir die Überraschungen.

Deutschland ist das Land der Torhütertalente. Gerade in dieser Saison.

Zeigler Das ist eine Tradition. Der italienische Torhüter Gianluigi Buffon hat mal gesagt: "Als Kind schießt du Tore. Dann wächst du auf, verblödest und wirst Torwart." In vielen Ländern gilt der Torhüter als minderwertig, in Deutschland ist das anders aufgrund unserer Torhütertradition. Tragisch ist allerdings, dass all diese Talente in der Bundesliga zehn bis zwölf Jahre warten müssen, bis Manuel Neuer aufhört.

Kommen wir zu den ernsten Themen. Haben Sie die Diskussion um Pyrotechnik in den Stadien verfolgt?

Zeigler Ja, das ist ein schwieriges Thema. Hätten wir die Gewähr, dass nur Leute Pyro in die Hand nehmen, die gewissenhaft damit umgehen, wäre das eine schöne Sache. Diese Gewähr haben wir allerdings nicht. Deshalb ist ein Verbot grundsätzlich nicht vermeidbar. Die Ultra-Szene, von der diese Diskussion ausgeht, hat sich verrannt. Ich fand die Szene sympathisch, als die Ultras anfingen, für Grundrechte der Fußballfans einzutreten. Für 15.30 Uhr als Anstoßzeit, für Stehplätze und so weiter. Nun habe ich das Gefühl, dass sich die Ultras nur noch über ihre Proteste definieren.

Aber zerstören diese ganzen Regeln nicht irgendwann die Fankultur?

Zeigler Da treffen zwei Extreme aufeinander. Zum einen will der Fußballfan nicht diese Eventkultur, bei der es fast nur noch Logen und Familienprogramm gibt. Was mich aber genauso stört, ist das elitäre Gehabe von Fangruppen, die so tun, als dürften Familien nicht ins Stadion und Frauen keine Fußballspiele gucken. Ich finde es gut, wenn es beides gibt.

Gibt es etwas, das wir aus dem Fall Rafati lernen können?

Zeigler Das wäre wünschenswert. Aber dann schreiben die Kolumnisten der Bild-Zeitung wie seinerzeit nach dem Selbstmord von Robert Enke, dass alle besonnener miteinander umgehen müssen, und dann dauert es drei Wochen und sie geben einer gesamten Mannschaft Note 6, weil sie zu Hause gegen einen Aufsteiger verloren hat. Bei Schiedsrichtern wird völlig vergessen, dass sie Menschen sind. Wir erkennen ja auch erst manchmal mit Standbild und Hilfslinie nach der dritten Wiederholung, dass da jemand im Abseits stand. Das Schlimmste im Fall Rafati war für mich die Laienpsychologie. Da wird sofort spekuliert, ob er private Probleme hatte oder mit dem schlechten Image nicht zurechtgekommen ist. Bei einem Selbstmordversuch verbietet es sich völlig, dass dann öffentlich über die Motive spekuliert wird. Da muss dann einfach als Erklärung reichen: Er hatte Depressionen. Punkt. Nicht weiterfragen. DFB-Präsident Theo Zwanziger hat eine unrühmliche Rolle gespielt, als er ohne Not Details preisgegeben hat. Diese Menschen sollten einfach in Ruhe gelassen werden.

Als Ralf Rangnick im September seinen Trainerposten bei Schalke niedergelegt hat, ist die Öffentlichkeit damit aber recht sensibel umgegangen.

Zeigler Vor 50 Jahren haben sich kaum Menschen scheiden lassen. Nicht, weil die Menschen damals nicht unglücklich waren, sondern weil man es damals einfach nicht gemacht hat. Genauso hätte kein Trainer in den 60er Jahren gesagt "Ich habe Burnout, ich muss eine Pause machen". Wir nehmen mittlerweile viel mehr Rücksicht auf die menschliche Psyche. Es ist gut, dass es Menschen nun möglich ist, sich zum Burnout zu bekennen, ohne danach stigmatisiert zu sein. Rangnick hat anderen Leuten den Weg geebnet.

Quelle: RP/chk/seeg


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